Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-18 · Heft 47 (18.11.1892) · p. Seite 563

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 47 (18.11.1892)
Date
1892-11-18
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227979--49288-3269972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

563 Augen folgten den Blicken des seinigen, dos von lauter bekannten Zügen abgleitmd auf dem Antlitze Abrahams haften blieb, der jetzt tiefer erröthend, als selbst Recha am Morgen desselben Tages, neben der Tochter Halevy's stand. Dieser schritt rasch auf ihn zu und ihn feurig in die Arme schließend, rief er: „Ja, Du bist noch weit mehr, als ich je in Dir geahnt: Du bist der Einzige, mit dem ich um die Palme des Sieges in der Dichtung gerungen, und sie ist Dir zu Theil worden, Du bist Abraham bell Meir Jbn Esra, 0, hättest Du längst Deinen Namen genannt, daß wir nach Gebühr Dich geehrt hätten!" „Wie mag des Volkes Haupt sich vor dem Niedrigen beugen, ein Engel Gottes vor einem Unwürdigen sich demüthigen," antwortete Jbn Esra, „doch was mir Schweigen auflegte, will ich jetzt offenbaren. Auf beit weiten Reisen, die ich früh unternommen, und besonders in dein Lande unserer Väter, auf dem wohl die Hand Gottes schwer lastet, auf welches jedoch das Auge des Höchstell immer gerichtet ist, habe ich manches gelerllt, was auch zunl klaren Verständnis; unserer heiligen Bücher beitrügt. Doch nicht jedes Auge ist stark genug, beit Mittagsglanz, nicht jedes Ohr, das Rollen der Ofanim (Sphären) in sich allfzunehmen, und der Wissende möge vorsichtig sein mit dem Worte, das Unberufene, Unverständige uns deuten. Ich habe vor solchen unvorsichtig gesprochen, intb daß ich nicht großell Schaden angerichtet, hat der gütige Herr aller Weltell weise verhütet. Ich habe meinen Fehler erkannt, unb darum die Regel des griechischen Weisen zur meinen gemacht, daß, wer lehrend sprechell wolle, zuerst im heftigsten Drallge der Diskussion sich selber bemeistern und schweigen lerne. Und wo konnte ich mehr in dieser Enthaltsamkeit mich stählen als hier, wo der lebendige Brunnen der Weisheit fließt und es wahrlich keiner geringen Ueberwindung bedarf, um seinen Becher nicht von dem erquickenden Naß zu füllen. Heute war mein Gelübde zu Ende." Alles umdrängte nun freudig den aus der Ferne so oft vielbewunderten jungen Meister, von dem die Kunde aus den fernsten Gegenden der damals bekannten Länder erscholl, obgleich er ein Kind Spaniens, sogar Toledo's selber war. Die liebevolle Gattin Halevy's aber sah nach ihrem Gemahl mit den Worten: „Siehst Du, wie Gott nicht nur die Einfalt bewahrt, wie er auch den Mnnd der Weisen bewacht und in seiner Güte es so leitet, daß sie keinen sündigen Ausspruch thun? Denkst Du Deines Gelübdes bezüglich unserer Recha?" Seit lange zum ersten Male wieder lachte Abul Hassan freudig laut auf, und gegen Recha gewendet, deren Hand er staunend in der Jbn Esra's ruhen sah, fragte er: „Würdest Du, stolzes Mädchen! auch diesen Bewerber zurückweisen?" „Ich bin zu stolz, um unbescheiden zu sein, ich schätze meinen Werth als den Deiner Tochter und meiner eigenen Persönlichkeit zu genau, als daß ich ihn überschätzen sollte," entgegnete Halevy's Tochter und warf sich in die offenen Arme des hochbeglückten Vaters. 9 Fitterarische Mittheilungon. <5in neues Buch und eine neue Methode für den jüdischen Religionsunterricht. Von Dr. Eaesar Seligmann in Hamburg. „Nicht aus Katechismus und Bekenntnißschriften, sondern aus religiösen Quellenschriften hat die Volksschule ihren Bildungsstoff zu entlehnen. Denn sie soll nicl]t das Abgeleitete statt des Ursprünglichen, die erstarrte Form statt des lebendigen Wesens bieten"?) Als ich diese i) Dittes, Grundriß der Erziehungs- und Unterrichtslehre. 3. Aufl. Seite 222, Worte eines unserer bebeuteubften zeitgenössischen Pädagogen zum ersten Male las, war ich freudig überrascht, in ihnen klipp und klar ausgesprochen zu finden, was ich schon lauge als still gehegten Gedanken in mir trug. Mit Schaudern gedenke ich noch.der. Zeit, da ich aus einem solcher! Katechismus, einem noch heute weit verbreiteten Lehrbuch, die jüdische Religion paragraphenweise lernen mußte; beinahe hätte er mir den Geschmack an der jüdischen Religion gründlich verdorben. Aber unsere Religionsbücher sind fast ausnahmslos nichts weiter als verdünnte philosophische, will sagen, religions-philosophische Systeme, die in ihrer abstrakten Langweiligkeit dem Schüler ein Greuel sind. Alle marschiren in doppelter Schlachtreihe auf: tm Vordertreffen die großgedruckten Paragraphen, im Hintertreffen die zaghaften Bibelverslein, die aus lauter Angst so klein gedruckt sind! Die großgedruckten Paragraphen bewegen sich mit ihren Definitionen und Deduktionen durchweg im Reiche abstrakten Denkens und wirken auf den Schüler wie ein betäubender Wortschwall, und von den zierlichen Bibelverseu, mit denen diese großen Paragraphen garnirt sind, kann nun der Schüler einmal nicht begreifen, warum er sie auswendig lernen soll, weil sie ja so viel kleiner gedruckt sind! Unser ganzer Religionsunterricht ist leider manchmal eine Tyrannei des gedankenleeren Wortes, die nicht nur unnütz, sondern geradezu schädlich wirkt, weil sie sich der Entwicklung innerer Religiosität hindernd in den Weg stellt. Wie gegen den gebräuchlichen systematischen Religionsunterricht, lehnte sich in mir immer etwas auch gegen unseren Unterricht im Gebetübersetzen auf. Kann unser hebräischer Unterricht, wie er vielfach heute ertheilt wird, Religionsunterricht genannt werden? Ist er nicht lediglich Sprachunterricht? Und gehört Sprachunterricht in die Religionsschule? Man meint durch den Zweck — dem Kinde das Verständnis des jüdischen Gottesdienstes zu erschließen — den hebräischen Sprachunterricht genügend rechtfertigen zu können. Aber der Zweck heiligt nicht das Mittel, der religiöse Zweck macht den hebräischen Sprachunterricht nicht an sich schon zu einem religiösen Erziehungsmittel. Wenn das Kind daran gewöhnt wird, in seinem Gebetbuch, das stets die Grundlage des hebräischen Sprachunterrichts bildet, mehr eine graunuatische Chrestomathie als ein Gebetbuch zu erblicken, wenn es vor lauter Suffixen und Konjugationsformen kaum jemals zum gemächlichen Erfassen des Inhalts der Gebete vordringt, wenn ihm sein Gebetbuch durch den grammatischen Drill oft geradezu verhaßt gemacht wird, mit welchem Rechte dürfen wir dann den hebräischen Unterricht einen Religionsunterricht nennen, wie wollen wir unsere Kinder zu freudigen Besuchern des Gotteshauses heranbilden, die ihr hebräisches Gebetbuch mit Andacht lesen? Und doch kann der hebräische Unterricht zu einem gedeihlichen Erziehungsmittel ersten Ranges verwandelt werden: den Weg — einen bis jetzt noch unbetretenen Weg — zeigt uns ein soeben erschienenes Buch, das vielleicht bestimmt ist, ffir unseren Religionsunterricht von epochemachender Bedeutung zu werden. nbsm min „Gebet- und Religio usbuckff)" betitelt sich das ea. 34 Bogen starke Buch, das sich die Aufgabe gestellt hat, durch Verbindung von hebräischem Uebersetzungsunterricht mit dem Religionsunterricht das Gebetübersetzen zu einem wahrhaft religiösen Bildungsstoff und den Religionsunterricht zum konkreten Anschauungsunterricht zu gestalten. „Das Gebetbuch", so äußert sich der Verfasser in dem Vorwort, „sollte jedem Lehrer Stoff und Einleitung geben, den Unterricht im Gebetübersetzen zu beleben, zu vertiefen und ihn zum Hebel der Charakterbildung, der Herzensveredelung zu machen. Das Buch sollte den Unterricht in der Religions- > lehre durch Anlehnung an die Gebete anschaulicher, erfolgreicher, zweck" j mäßiger gestalten helfen."! Wohl ist, wie der Verfasser meint, der Gedanke nicht neu, Gebete , und Religionslehren in einem Buche zu vereinen. Aber in den mir be- | kannten Büchern dieser Art ist diese Vereinigung eine ganz äußerliche, - mehr Buchbinderals Kopfarbeit. In dem Kroner'schen Buche aber ist , mit der ganzen traditionellen Systematisirung der Religionslehre gebrochen. , Aus den einzelnen Gebetgruppen nnd Gebetstücken heraus werden nach , der Ordnung des Gebetbuches die Religionslehren entwickelt und den j einzelnen Gebetgruppen vorangestellt. Dabei möchten wir uns aber die! Frage gestatten, warum die Religionslehren nicht lieber den Gebeten j folgen. Die richtige psychologische Entwicklung geht überall von der; x) Gebet- und Religionsbuch für die reifere Jugend. Herausgegeben von Dr. Theodor Kroner, Direktor der Bildungsanstalt für jüdische l Lehrer zu Hannover. Hannover-Linden. Verlag von Manz & Lange.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.