Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1892)
- Date
- 1892-11-18
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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562 immer Dich umgiebt, wenn es and) heilte nicht mehr auf den Zügen Deines Angesichtes lagert; dann müßten wir wisse», weldies Geheimnis Du so sorgsam verbirgst und in das zu dringen für uns sonst unbescheiden Ware!" Nach kurzer Panse, in welcher sie eine Antwort zu erwarten schien, >vo aber Abraham versunken in ihrem Anblick staunend dastand, fuhr sie fort: „Daß Tu kein gcwöhnlid)er Mensch und der Wissenschaft nicht bar seiest, haben wir längst crrathen; aber and) sonst ist mein Pater ein milder Beurtheiler und bei Niemand mehr als bei ihm gilt das Wort der Weisen, daß die vollkommen Gerechten nie ans jener Stufe zu stehen kommen, welckie Jene einnehmen, die sick) der Sünde entrungen haben." „Nein, nein!" ries Abraham, „dem Herrn sei Dank, daß ich würdig vor Deinen Vater hintreten darf. Keine schwere Sünde besteckt mein Leben, nnd wenn Ihr and) gut errathen, daß mein bisheriges Sdiweigcn, meine Enthaltsamkeit im Kreise der Wissenden einer Buße galt, so war es dock) nur die Bilße einer Uebereilnng, welche ick) im Eifer für die Wahrheit mir zu Sckinlden kommen ließ für die Wahrheit, die id) am Duell der Wahrheit in jenen Ländern geholt, in denen nach den Worten Deines Vaters einzig und allein der Geist seine volle Erleuchtung findet und woher ick) nick)t nur die Same» schöner Blnmcnpslanzen," er wies hierbei aus die exotischen Gewächse, „geholt habe. Doch laß mir das Geheimniß nur noch bis ja»! heutigen Abend. Heute am Pnrimseste, wo die Fröhlichen sid) durch allerlei fremdartige Hüllen vermummen, will ich ein Fröhlicher nid)t nur, sondern ein Freier, die erste Gelegenheit benutzen, die Hülle sinken zu lassen, die mich unkenntlich macht. Bis dahin möge and) Dir nock) Geheimniß bleiben, wer ich bin, allen anderen aber and), was ich bin. Und daß dieser kleine Mund nicht zu früh liberströme, will ich ihn mit dem Siegel schließen, das^ Salomo auch ans die Lippen der Sulamith drückte." Und er drückte einen heißen Kuß auf die Lippen Recha's, die nur sanft dagegen sick) sträubte. lind der ersehnte Abend war endlich da, nnd die Gäste strömten in das Haus Abul Hassans, und auch vornehme maurische Mitbürger kamen, den Hausherrn zu ehre». Alles staunte über die Ausschmückung des Saales, selbst der freundliche Wirth, der ihn nicht früher als seine Gäste hatte zu sehen bekommen, und der keinen Augenblick Zeit gewann, seine Lieben darüber zu befragen, wie diese Pracht entstanden sei. An reick)besetzter, mit kostbarem Geschirr nnd köstlichen Speisen reichbeladener Tafel saßen eine Menge Gäste, den verschiedensten Standen und Berufsklassen angehörig, und nur die eine Auszeichnung genossen die Gelehrten, daß sie näher deni oberen Ende, näher dem Rabbi zu sitzen kamen. Witzsunkeu sprühten von allen Seiten nach allen Seiten; denn der jüdisck)c Witz ist keine Errnngenschaft unserer neuen Zeit, sondern schreibt sich von Uralter» her und scheint sogar neuestens einiges von seiner Schärfe eingebüßt zu haben. Während Abraham still in einer der entferntesten durch die Draperie gebildeten Nischen saß, und da man es so an ihm gewohnt war, wenig beack)tet wurde, lachte und scherzte man in allgemeiner Fröhlichkeit ganz ungezwungen; nur Rabbi Jehuda allein that sick) augenscheinlich Zwang an, und Gattin und Tock)ter mußten ihn heute mehr als sonst unterstützen, die Pflicht der Gastfreundschaft zu üben. Wäre Rabbi Jehuda ein Jüngling gewesen, man hätte bei der Fülle des Glückes, die ihn umgab, auf eine geheime, an seinem Herzen nagende Liebe als Ursache seiner Schwermuth rathen müssen, und man hätte eben nicht fehl gerathen. Nur wars ein ganz cigenthümliches Liebchen, das seine Sinne gefangen hielt und ihn ans den Armen der treuen Gattin zu reißen drohte. Heine erzählt davon in seiner herrlichen Dichtung „Jehuda den Halevy": „Ohne Dame keine Minne, Und es war dem Minnesänger Unentbehrlick) eine Dame, Wie dem Bntterbrod die Butter. Auch der Held, den wir besingen. And) Jehuda den Halevy, Hatte seine Herzensdame, Doch sie war besond'rer Art." Und weiter: „Jene, die der Rabbi liebte. War ein traurig, armes Liebchen, Der Zerstörung Jammerbildniß, Und sie hieß Jerusalem. Schon in frühen Kindestagen War sie seine ganze Liebe; Sein Gemüthe mack)te beben Schv» das Wort Jerusalem." Und wie sang Halevy selbst: „Jck> weil' im Westen, doch mein Herz im Osten weilt. Wohin mein Sehnen all', mein Sinnen nnd mein Denken Bon jeglid)em Genuß der Freuden hier enteilt! Wie mag Hispaniens Pracht mir noch Erquickung schenken. Da nach Ruinen Zions, vom Schakal dnrchheult, Sick) einzig und allein nur meine Wünsche lenken." Und als nun einer der Tischgenoffen daran erinnerte, wie Rabl! Jehuda auch heute, wie sonst immer, seine Gäste nicht nur duro die leckerste leiblickie Nahrung, sondern auch durch Mittheilung eine seiner Dichtungen erquicken möge, antwortete er: „Ach, meine Lieben! die Helle Flamme, die sonst mein Gemüt durchleuchtete, ist in eine bloße Glnth, die aber verzehrend wirkt, uw gewandelt. Nicht mehr fröhliche Weisen kann ich anstimmen; d- Flügel meines Geistes sind schwach geworden und haben viellcich: nur noch die Kraft, sich nach Palästina zu schwingen. Seht, nau althergebrachter Weise für derartige Poesien, habe ick) dieser Tao ein Purimlied begonnen, dessen Strophen an ihrem Anfänge i> Buchstaben des Aleph-Beth nach der Üblichen Ordnung aufweisen: allein beim Resck) hat mich die Kraft der Dichtung verlassen, un > was ick) auch sinnen mochte, es wollte sich der paffende Vers nick! finden. So habe ich Euch, lieben Freunde, nichts zu bieten, als vie leick)t Gesänge, die eher für den neunten Ab als für Purst! geeignet sind." „Gieb uns das, was Du vom Purimliede gedichtet hast; ob aua nicht fertig, doch wird's vollkommen sein. Nicht die Menge du Perlen, sondern ihre Größe und Reinheit lockt den Beschauer zi - freudigen Bewunderung; mögen einige Strophen fehlen, uns wirs das Vorhandene erfreuen." Sv etwa lauteten die Entgegnungen der Tisckigenoffen, und Rabbi Jehuda sck)ritt nack) seinem Schrei! genrache, das Verlangte zu holen. Gespannte Erwartung hatte eine allgemeine Stille bewirkt, d c nur kurz gedauert hatte, als Rabbi Jehuda rasch eintrat, ein Pe: gament in hocherhobener Hand. „Heil ist meinem Hause wiederfahren," rief Rabbi Jehud- „seht Freunde, welch sonderbarer Fund! Ein Dichterheld ist hicc eingekehrt, und mein Gedicht sieht nicht mehr der Vollendung engegen; was mir nicht gelingen wollte, ist von unbekannter Hand dein Gedichte beigesetzt, und es wäre vollendet, wenn nicht die letzten dr-n Strophen, viel gelungener, von den übrigen allzusehr abstechen würden. Seht, die Schrift hier auf dem Pergamente ist noch naß und von geübter Hand erst soeben, jetzt dahingezeichnet; aber wo ist er, bu Meister, vor dem ich gern mich beuge, daß ich verehrend ihn begrüße l Und sein Auge schweifte lange durch den weiten Saal, und all:'-