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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-18 · Heft 47 (18.11.1892) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 47 (18.11.1892)
Date
1892-11-18
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
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560 Seiner eigenen Energie und gleichsam der Wiener Luft Alles vertrauend, hielt er es für genügend, dem Knaben in jenem Gasthof eine Kammer neben der seinen zu miethen und wollte ihn für die Zeit seiner Abwesenheit der Obhut des Wirthes überlassen. Zum Glück leuchtete ihm schon nach wenigen Wochen ein, daß das nicht ging; schweren Herzens gab er Moritz in die „unumschränkte Herrschaft" eines „wohlmeinenden Tyrannen". So hat Moritz Rappaport selbst vierzig Jahre später dem eigenen Sohne gegenüber den einstigen Kostherrn und Erzieher charakterisirt. Es tvar dies der Lehrer Leo Herz, der als Sohn des ersten Lehrers jüdischen Glaubens, welchen die Regierung Josefs II. nach Galizien berufen, selbst dort geboren worden, also genau wußte, ans welcher Atmosphäre der Zögling kam. Den „Tyrannen" wollen wir dahingestellt sein lassen, allzu mild war Herz keinesfalls, namentlich suchte er der Vernachlässigung des Knaben so energisch zu steuern, daß dessen Gesundheit anfangs ernstlich darunter litt; nur zum Spazierengehen war der Junge durch keine Gewalt zu bringen. Daß Herz viel dazu beigetragen, ihn an Bescheidenheit, Gehorsam und Selbstzucht zu gewöhnen, hat unser Dichter als Mann nie verkannt, aber es wäre, meinte er, mit mehr Milde auch gegangen, und das Hauptverdienst, daß er ein „civilisirter Mensch" geworden, gebühre nicht dem eifervollen Quartierherrn, sondern dem Einfluß der Schule, der Besuche in der Heimath und seines Jugendfreundes. Wieder viel Typisches! Was Moritz in diesen ersten Wiener Jahren noch weit mehr bedrückte als die Sorge um das Zeugnis;, war die Rolle, die er in der Schule spielte. Es war damit anders geworden als in Lemberg, aber nicht besser. Dort hatten die Lehrer zuweilen einen „Witz" über die Juden gemacht; derlei kam bei den edlen Schottenpriestern nie vor, und wehe den Schülern, die sie auf einer solchen Aeußerung ertappten; mehr als eine harmlose Neckerei wurde hier von Niemand gewagt. Aber während hier der Abstand im Allgemeinen ein so viel geringerer war, bekam ihn Moritz doch empfindlicher zu spüren, ■ als den größeren in Lemberg: dort war er im Vergleich zu seinen jüdischen Kollegen am glimpflichsten davon gekommen, hier ging'» ihm von ihnen allen am schlimmsten. Das war durchaus natürlich; er war unter den Lemberger Judenkuaben der civilisirteste gewesen und jetzt unter den Wienern der uneivilisirteste. Er erkannte dies bald, aber die wehleidige Empfindung: „Ich bin eia unschuldiges Opfer, dafür kann ich ja nichts!" wich bald dem Entschluß: „Ich will's ändern, soweit ich kann." Wenn er cs sich nun allmälig abgewöhnte, mit den Händen zu schlenkern und sich qualvoll eines möglichst dialektlosen Hochdeutsch befliß, so hatte er dies vielleicht wirklich in erster Linie den Neckworteu seiner Mitschüler zu verdanken und nicht d n Strafreden seines Lehrers Herz. In ähnlichem Sinne wirkten, sagte ich schon, die Besuche in der Heimath. Alljährlich zivei Mal, Ende Februar und Mitte Juli, fuhren Vater und Sohn nach Lemberg; obwohl der Aufenthalt in den „kleinen Ferien", im Vorfrühling, kaum eine Woche währen konnte, wurde die Reise doch nie unterlassen, weil sich Frali Eva nach ihrem Einzigen sehnte und auch darüber beruhigt sein wollte, ob der Sohn in dem unheilvollen Wien nicht ganz aus der „Jüdischkeit" herauskomme. Nun, wie es darum stand, soll später gesagt sein. Hier nur so viel: es tvar gut für die eifervolle Frau, daß sie nichts von dem Eindruck ahnte, den die Heimath auf ihn machte; sie wäre sonst sehr betrübt gewesen. Des Wiedersehens mit ihr freuteer sich innig; sonst stieß ihn damals Alles ab, und wenn sie vorwurfsvoll sagte: „Du bist schon ganz ein „Deutsch!" so wußte sie nicht, daß er es durch diese Lemberger Wochen wurde. Tie Sprechweise, die Lebensanschauung, die äußere Erscheinung seiner Glaubensgenossen weckte ihm nur die Empfindung: „Du mußt dich anders führen als sie". Ganz denselben Einfluß übte auf ihn jenes lebendige Stück Lemberger Ghetto, das ihn 1826 nach Wien begleitete und fortab an seiner Seite blieb; ein Knabe aus der untersten Schichte, namens Hänsel. der bisher in Lemberg studirt und nun gleichfalls zu Leo Herz uird den Schotten kam. Für Moritz war der brave, treue, aber ganz un erzogene Freund ein wahres „Memento", ein Spiegel, in den er blickte um es jedenfalls anders zu machen; indem er ihn erzog, erzog er sich selbst. Einer Probe dieser Exerzitien konnten sich die Freunde noch in ihrer Greisenzeit nicht erinnern, ohne hell alifzulachen. Jin Jargon der galizischen Juden klingt das Hochdeutsche „au" wie „o" das „o" wie „au". Um dies Hänsel abzugewöhnen, konstruirte Moritz den Satz: „Frau Blaubohn kauft Blaukohl" und das wiederholten die Beiden tausendmal, bis es nicht mehr klang: „Fro Blobanhi kost Blokauhl," sondern richtig. Ich berichte dies Alles, weil Tausende Aehnliches durchgemachi haben, nur daß man es nicht so genau verfolgen kann. Auch da-: Folgende mag wohl — leider! — typisch sein. „Das ist jüdisch!" tadelte der Lehrer Herz, wenn Moritz sprach und that, wie es feine Erziehung bedingte. „Jüdisch!" höhnten seine Mitschüler. Warum gaben seine Wiener Glaubensgenossen zu keinem Tadel und Spoti Grund? Weil sie eben weniger oder gar nicht „jüdisch" waren. Warum machten ihm seine Landsleute keinen guten Eindruck? Sie waren eben ganz und gar „jüdisch!" Kann man es da erstaunlich finden, wenn dem heranreifenden Jüngling das Judenthum zeitweise als gar nichts anderes erschien, denn als ein Konglomerat vor schlechten Manieren, Vernachlässigung und todtem Formelkram?! Wa: das Gegengewicht Hütte bieten sollen: der Religionsunterricht eine: wackeren und gebildeten Mannes, — das gab es damals nicht, und wenn, so wäre er wahrscheinlich davon dispcnsirt worden, er hatte ja so viele Traktate des Talmud durchgemacht, vielleicht mehr al: mancher Religionslehrer! Aber wie dies auf ihn gewirkt, ist auch berichtet. Es ist rührend zu vernehmen, wie er und sein treuer Häusel sich abgequält, heraus zubringen, in welchem Lager denn eigentlich das echte Jndenthmn zu finden sei und worin sein Wesen bestehe. Im Lager des Chassn dismus? Gewiß nicht; er hatte ihn als Knabe instinktiv hassen gelernt, und sah nun klar genug, um zu wissen, daß ihn der Jnstink: nicht getrogen. In der „Jüdischkeit" daheim? Aber Vater und Mutter hatten verschiedene Arten von Jüdischkeit, und jene des Vater: war wohl auch nicht die rechte, sonst hätte er ihm nicht verschiedene Gebote erlassen, die er selbst hielt, sonst Hütte er ihn nicht so vie: Talmud studiren lassen, womit Herr Herz nicht einverstanden war und was auch dem Jüngling selber nachträglich nicht gefiel. Wa: aber Herrn Herz betrifft, so war er kein Jude, sondern, wie er sick nannte, ein „Israelit". Aber worin bestand nun dies „Jsraelitenthum"? Auch in feinen Hause wurden Festtage und Speisegesetze eiugehalten, nur etwa: lässiger, ferner wurde weniger gebetet und fein Talmud studirt. Ein Minus und eine Negation machen aber kein Ideal; das „echte Juden thum" ließ sich nicht finden, das verschwamm in Nebel; klar war ihm blos, daß er „nur nicht jüdisch" sein sollte und nur seiner Ar stammung willen manche Bitterniß erfuhr. Dem Siebzehnjährigei' wurde oft bang und wirr, Alles schwankte, und es gab nur einen festen Punkt: die Pietät für den Vater und die „vornehme Ab stammung," daran klammerte er sich . . . Es ist Vielen gleich, oder ähnlich ergangen, wie dein Wiener Gymnasiasten Moritz Rappaport um 1825. Aber nicht Vieler Seelen sind dann ähnliche Erlebnisse beschieden gewesen, wie der seinen... U

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