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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-18 · Heft 47 (18.11.1892) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 47 (18.11.1892)
Date
1892-11-18
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
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559 : ganze Ges-,, i)C1t, — 1111; j daß unS (i selben Ath» : Schrulle de die F-äod i ©vientirni 1! soll eill:!l; almubftut'au e Volkssch ii „Gewiß, -;!> r geworden! rage erörl n es den SJ('i(i fane ©Intim vischen gl;;d rgebniß i:u wenigstens . : Regel lulle sich gegen, : dabei ttiu ii Nike, wie iii gewandelt m i’i verschie a on dem Hm höherem .n, is der Säieli öymiiasieu di r Athem mii gar Nichte >> sinpsindniim rm zum t »l gerade Kirdi istigen Lurze :». In eiiii lehaglich, rü Fällen in d s sei ja lei ans der Äl Glauben ns der Giga >s Gymna ui! oft pedarrii o» bescheiden. bezeichne >dl gt" und >1» zleichzeitia d ii, gewiß al'i tit da um ii inet Mitsclilili en, kam io® mit foniii’i hörten in w ttner schleilns ichtiges, fca11 chließlich!»“ Auch der Gegensatz des Stofflichen, um das sich im Gymlasinm und in der Talmudschulc die Gedanken drehen, wirkt bedenklich. Der Talmud ist keine Lektüre für Knaben, auch wird, wenigstens im Osten, eine Auswahl in nsuni delphini uchl getroffen. Es wird mir schwerlich zu widersprechen sein, wenn ich meine, daß der zwölf- oder dreizehnjährige Knabe ms dem Traktate „Raschim", der dritten Ordnung der Mischna, welche die Ehegesetze enthält, ein für seine Jahre doch etwas allzurtihes Wissen schöpft. Aber weit schlimmer als das bloße Wisse» wirkt das Bewußtsein: „Dein Klassenlehrer im Gymnasium darf eine Ahnung davon haben, daß Du in diesen Dingen Bescheid weißt." In der Schule Fabeln vom braven Klapperstorch lesen und mim in der Talniudstuiide kasuistisch die verborgensten Geheimnisse! ies Ehelebens erörtern — das vertrage ein Engel ohne moralische! Schädigung! Die Jungen, die derlei den ganzen Tag in der „Klans" \ rörtern, können dabei vielleicht unbefangen bleiben; wer es nebenbei!;ls Gymnasiast thut, gewiß nicht. Und nicht jeder Junge wird! jandeln wie der dreizehnjährige Moritz, der seinen Lehrer, den! Ruwi" bat: j „Lassen Sie uns doch lieber „Kodaschim" (der Abschnitt über z ne Heiligthümer) durchnehmen; von den Weibern will ich gar j nichts mehr hören." j Auch Simche mochte denken, daß er genug davon gehört, und! on Moritz andererseits klagte: der Unterricht im Gymnasium sei so angweilig, man könne dort auch gar nicht mit dem Lehrer dispuiren, so erklärte der Vater eines Tages dem Vetter Salomon Löb: ,Für einen künftige» Doktor weiß er genug Talmud; der Unterricht 9ört auf." Der Gelehrte widersprach, namentlich durch den Hinweis ms das böse Beispiel, das Simche dadurch gäbe. Aber der Einwand lel weg, da er ja bereits zur Uebersiedlung des Knaben nach der aauptstadt entschlossen war, neben all den aufgezählten Gründen mch ans zwei anderen: für sein in Wien geschürftes Ohr schlug in wer hochdeutschen Aussprache des Sohnes der Jargon allzu verj lehmlich durch, ferner aber genügte ihm das Lemberger Gym-! msium nicht.! In der That war nur der Unterricht im Latein genügend; der j ,'ehrer des Deutschen z. B. war ein Pole, der in der Sprache, die v lehne, die ergötzlichsten Fehler machte. „Du tretest Deine Reise;ii Wien an?!" lautete z. B. seine gerührte Abschiedsrede an Moritz. Vergesse auf mir auch dort nicht!" Und dabei legte die Regierung auf oiefe Anstalt als Werkzeug der Germanisirung großen Werth .... Ach, aiefe Regierung! Die deutsch-centralistische Aera Schmerling (1861 ns 1865) hütete das deutsche Gymnasium zu Czeruowitz wie ihren Augapfel, aber auch unser Lehrer des Deutschen, Herr L., war ein hole, und wenn sich etwa Jemand darüber ärgert, daß ich ein oentscher Schriftsteller geworden bin, so darf er deshalb dem guten gewiß nicht zürnen. An einem Sonntagmorgen des August 1822 bestiegen Vater and Sohn den Lohnwagen, der sie nach Wien führen sollte; die j nue Mutter stand fassungslos vor Schmerz daneben; als der Wagen! am die Ecke bog, fiel sie der Tochter ohnmächtig in die Arme. Auch; wem Knaben war anfangs das Herz schwer, dann sah er sich „die j Wälder und die Felder wie ein Wunder an"; übrigens stumpfte sich der Eindruck bald ab, dem Stadtkinde fehlte der Natursinn. Hingegen interessirten ihn die fremden Städte und Menschen sehr; namentlich das abendliche Treiben in den großen Wirthsstuben; „alle Reisenden bildeten eine Familie, man trank und sang, jüdische Musikanten spielten auf". In Krakau sah er einen berühmten „Marschallik" (Lustigmacher). Der Mann improvisirte auf Jedermann Verse, auch auf Moritz, den er als künftige Leuchte der Heilkunde feierte. „Nun bist Du auch von einem Dichter besungen worden!" meinte der Vater: — „Wie kannst Du de» einen Dichter nennen?!" fuhr der Vierzehnjährige auf, „ein Dichter besingt mir Erhabenes und sieht anders aus!" Um seines alltäglichen Aussehens willen hatte ihm auch früher der bereits erwähnte neuhebräische Lyriker Isaak Erter, den er in Lemberg gesehen, nicht als Dichter erscheinen wollen, er dachte sich einen Poeten „riesengroß und mit langen Locken". Er selbst hatte bis dahin weder ein Gedicht gemacht, noch las er in Lemberg Verse besonders eifrig. Der schönste Tag der Reise ivar der Sabbath in Olmütz; die reinliche Kleidung der Menschen, die Sauberkeit der Straßen entzückte den Knaben, der bisher nur sein heimathliches Halb-Asien gesehen; besonderes Gefallen fand er an seinem Führer, dem Sohn des Gastwirths; am Abend entzückte dieser Knabe die Fremden durch sein Violinspiel. Er sollte in der Folge als Virtuose zu europäischem Ruf gelangen: Ernst. Am Freitag Mittag sahen die Reisenden von der Höhe von Floridsdorf ein Thal, von nebligem Dunst erfüllt, zu ihren Füßen lagern, darüber ragte ein schimmernder Punkt empor. Jener Nebel war der Dunsthauch der Großstadt, der Punkt das Kreuz am Stefausthurm. Dem Kaben pochte das Herz wie nie zuvor. Endlos schien ihm der Weg, bis die Taborlinie erreicht war, dann betäubte ihn das Drängen der Menschen, das Gerassel der Wagen, angstvoll umklammerte er den Vater, als sie in den engen Straßen zwischen den hohen Häusern dahinfuhren; ihm war's, als müßten sie über ihm zusammenstürzen. Endlich war das Ziel erreicht; ein jüdischer Gasthof in der Nosmaringasse, nahe dem Salzgries, wo Simche in Wien immer zu wohnen pflegte. Zehn Jahre, 1822-1882, ist Moritz Rappaport in Wien geblieben, er hat sie in der Folge — wie oft! — die „glücklichste Zeit seines Lebens" genannt, „wie ein sonnenheller Tag dahingeflossen". In Wahrheit waren die Zeiten verschieden für ihn und er verschieden in ihnen. Am schwersten sind ihm die drei ersten Jahre geworden, wo er sein Gymnasial-Studium bei den Schotten fortsetzte und abschloß. Vorurtheilslos hatte Simche Rappaport die berühmte, von Benediktinern geleitete Anstalt gewählt, weil sie die beste war, vorurtheilslos hatte der Direktor die Bitte des jüdischen Vaters, der im Kaftan vor ihm erschien, erfüllt und Moritz ausgenommen, obwohl es an Platz mangelte. Es war in jeder Beziehung eine gute Wahl für die Zukunft des Knaben, aber schlimm für seine Gegenwart. Die Anforderungen dieses damals trefflichsten Gymnasiums der Monarchie zu erfüllen, fiel Moritz sehr schwer; der Abstand gegen die Leistungen, die in Lemberg gefordert worden, war zu groß. Die Seinestral- Zeugnisse sind mir nicht vorgelegt, um Abschriften aus den Büchern der Anstalt habe ich mich vergeblich bemüht, kann also nichts Genaueres mittheilen. Gewiß ist aber, daß Moritz nicht viel mehr leistete, als zum Aufsteigen nöthig war. Das lag gewiß nicht an seinem Fleiß, wohl aber an seiner dürftigen Vorbildung. Zum Glück blieb sein Pflichtgefühl rege. Er hatte im sechzehnten Jahre den ersten Roman in die Hand bekommen, auch zum ersten Mal das Theater (in der Josefstadt) besucht. Beides, der Ritterroman und das Fecnmärchcn, hatten seine Phantasie entflammt; er konnte Wochen lang an nichts Anderes denken. Die Folgen blieben nicht aus; in der Schule regnete es „Dreier". Da schwor er sich zu, Roman und Theater zu meiden und hat Wort gehalten. Noch schwerer als die Sorge um das Zeugnis; drückte ihn anfangs das Unbehagen an seiner neuen Umgebung. So klar sich Simche darüber war, wie viel die bisherige Erziehung an dem Knaben gesündigt, ebenso sehr unterschätzte er die Schwierigkeit, sie zu bessern.

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