Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1892)
- Date
- 1892-11-18
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gottesdienst begann ist mit der vom Vorsteher ausgehenden Aufforderung zum Lobe olles: „Borchu“, der die Gemeinde aus den Worten: „Gelobt der Herr immer und ewig" Folge leistete. Erst bei dem ltzehnbezw. Siebengebet fing der eigentliche Dienst des Vorngers an, der, hierzu besonders erlesen, im Rufe der Frömmigkeit en mußte, um die Gemeinde ihrer Pflicht entledigen zu können, es Gebet hatte der Vorsänger laut vorzutragen. Der Gebrauch Amen bei den Segenssprüchen ist uralt. Schon bei den ersten andrinischen Juden, deren Synagoge zu Alexandrien von ungevnnlicher Größe und mit vielen Säulengängen versehen war, so daß Gemeinde zum Theil den Vorbeter nicht hören konnte, war es te, daß, sobald der Vorbeter einen Segensspruch betete, derSyna- «endiener eine Fahne in die Höhe schwang, um dadurch der (Sende das Zeichen zum Amensagen zu geben. Nach Beendigung Achtzehngebetes hatte der Vorsänger die Thora aus der heiligen nie zu nehmen und sie dem Vorsteher zu überreichen. Die zur ravorlesung Gerufenen lasen dann selbst die betreffenden Stücke IN vor. In späterer Zeit erst, als die Kenntniß des Hebräischen »ahm, bürgerte sich der Gebrauch ein, daß der Vorsänger allen »-gerufenen die betreffenden Stücke vorlas. Viele unserer Gebete sind eigene Produktionen früherer Vorsänger, e dichtete der Vorsänger R. Elieser Hakalir aus Sardinien viele ete für die Feiertage, die er in ihrem Zusammenhänge Machsor, islanf, nannte, da sie für den Kreislauf eines Jahres bestimmt en. Doch war diese Art Vorsänger bei Weitem in der Minderheit, ion früh entstanden Klagen über die Unwiffenheit vieler Vorsänger, cyer auch sollten gebildete und kenntnißreiche Vorsänger für so e und kleine Orte kommen, woher ein Zudrang zu einem Berufe »men, der feinen Jüngern so wenig materielle Vortheile bieten : tte? Gleichwohl aber ward der Vorsäugerdienst anfangs allgemein : höchst bedeutungsvoll und achtenswerth gehalten, infolgedessen >! öen Ansprüche an den Charakter und die Fähigkeiten eines Borgers in einer Höhe gestellt, wie nicht einmal an die Rabbiner. Da der Vorsänger sich einem heiligen Beruf ergeben und bei r Ausübung den Augen der ganzen Gemeinde ausgesetzt ist, so ii o verlangt, daß er einen würdigen, makellosen Lebenswandel führe, ekbst von seiner Jugend her ohne Tadel sei. Auch Demuth und t' heidenheit muß er besitzen. Vor Allem wird aber diejenige Eigen- K;t perhorreszirt, welcher der Vorsänger am leichtesten verfällt ik die auch thatsüchlich bei den Vertretern des Vorsängerdienstes, Ihr heute noch, in reichem Maße wahrzunehmen ist, die >i ckeit! Neben diesen moralischen Anforderungen verlangte man i Borbeter auch, daß er eine angenehme Stimme habe. Jedoch ne dies nicht maßgebend. Wäre nur ein dreizehnjähriger Knabe i der den Inhalt der Gebete verstände, und neben ihm ein bester Mann mit einer angenehmen Stimme, so muß, meint ein citzeslehrer, dem Knaben der Vorzug gegeben werden; übrigens » der Vorbeter das 20. Lebensjahr erreicht haben. Ferner soll er l> gute Aussprache besitzen. Es wird ausdrücklich erwähnt, daß Einwohner von Skythopolis und Kaifa nicht zum Vorsängerdienst P iaffen wurden, weil sie die Gutturale nicht auszusprechen veruden. Auch kein körperliches Gebrechen durfte der Vorsänger haben; ne Kleider sollten rein und anständig sein; man wünschte sie besonders '4 damit man seine Füße nicht sehe. Die Stellung, die er beim el>et einnahm, mußte der Heiligkeit des Dienstes angemessen sein, cionders verpönt wird das Legen der Arme auf den Betpult. In Bezug auf die Ausübung seiner Funktionen legte man ihm ans Herz, sich Gewandtheit im Vortrage zu verschaffen und sich die liturgischen Vorschriften gehörig einzuprägen, „die Erlernung der Thoravorlesung beispielsweise jede Woche nicht bis auf den letzten Tag zu verschieben, sondern jeden Tag einen Abschnitt tüchtig emzuüben". Ein Schriftsteller sagt: Das Gebet des Vorsängers soll geläufig sein, wie das des R. Chanina b. Dosa, das erhört wurde, weil es ihm geläufig vom Munde ging. Der Vorbeter darf sich deshalb orientiren, während die Gemeinde leise betet. Aus demselben Grunde verlangte man, daß jeder Vorsänger ein eigenes Gebetbuch besitze. Das Gebet solle er nicht zu langsam verrichten, um die Gemeinde nicht zu ermüden, doch auch nicht in eiliger Hast. Erstes Erforderniß beim Vortrag ist tiefe Andacht. Welche Verstöße der Vorsänger auch in Bezug auf die Gesangsweise begehen möge, es wird weniger nachtheilig wirken, als wenn ihm beim Vortrag die erbauliche Stimmung fehlt; denn erst wenn er selbst fühlt, was er spricht, wird er auch die Gemeinde zur Andacht führen. Was den vorzutragenden Gesang betrifft, so verlangten die alten Gesetzeslehrer, daß kein Profanation stattfinde. Hierzu veranlaßte die Furcht, daß mit den Melodien zugleich unheilige, vielleicht irreligiöse Ideen eingeführt werden könnten. Nicht minder ernstliche Verwarnungen finden wir gegen das Schreien beim Gebet. Es bleiben nunmehr noch die Gründe zu erörtern, wieso trotz einer so peinlich-genauen Regelung des Vorsängerdienstes nach der moralischen und ethischen Seite hin derselbe dennoch Jahrhunderte lang auf einer, wie allgemein bekannt, so niedrigen Stufe geblieben ist, wieso er derart verfallen und derart ausarten konnte, wie es leider als traurige Thatsache berichtet werden muß. Wir dürfen behaupten, daß der Grund hierfür in dem Mangel dessen zu suchen ist, was in unserem Jahrhundert den Vorsängerdienst zu so hoher Blüthe gebracht hat, des musikalischen Verständnisses. Daß der rein gesanglich-musikalische Theil des Vorsüngerdienstes so lange Zeit als nebensächlich erachtet wurde, darf uns nicht Wunder nehmen. Die nationale Trauer um den Verlust der staatlichen Selbständigkeit, um den vernichteten Tempel und den zerstörten Tempeldienst, die harten Verfolgungen vieler Jahrhunderte, warfen lange, lauge Zeit ihren trüben Schatten auf Alles, was jüdisch hieß, führten zu dem Verbot des Lachens wie jeglicher Freude und mußten naturgemäß besonders zerstörend und verhüngnißvoll wirken auf dem Gebiete der Musik. So sehr der Israelit freudigen Gesang liebte, so sehr er in dem synagogalen Gottesdienste, wo sein Gemüth sich mit der freudigen Zuversicht auf baldige Erlösung füllte und Trost athmete und fromme Seligkeit, so sehr er auch hier durch erhebende und erheiternde Töne eine freudigere Stimmung zu erhalten hoffte: vergebens — die Geschichte legte einen schwarzen Trauerflor um das ganze Judenthum, um seine Feste und Sabbathe, um seinen Gottesdienst und um seinen Gesang. Trauer athmen heule noch unsre Synagogengesänge alle; und selbst dem heitersten ist ein sentimentaler Stempel unverkennbar aufgedrückt. Wie kann es uns da Wunder nehmen, daß man den Vorsängerdienst meist Männern anvertraute, deren musikalische Fähigkeiten nicht genügend waren, oder die, wenn sie musikalisch waren, an allen Unsitten und Narrheiten ihrer Zunftgenossen in reichstem Maße sich betheiligten? So kam es, daß der Vorsängerdienst in Verfall gerieth. Es fehlen uns Nachrichten in dieser Beziehung aus den älteren Zeiten; allein wir sind berechtigt, aus den uns genau bekannten Verhältniffcn des Vorsängerstandes zu Ende des vorigen und am Anfang unseres Jahrhunderts auf die früheren Zeiten zu schließen. Ein klägliches Bild tritt uns von den alten Vorsängern entgegen. Mit würdelosem Anstande erschienen sie und waren zufrieden, wenn der Gottesdienst zu Ende war. Die