Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-18 · Heft 47 (18.11.1892) · p. Seite 554

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 47 (18.11.1892)
Date
1892-11-18
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227979--49279-3269963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

554 Nr. Jacob Egers. Ein Gedenkblatt zu seinem Todestage. Von Bernhard Traubenberg. Es ist schon ein Jahr her, seit der verdienstvolle Gelehrte Dr. Jaeob Egers durch den unerbittlichen Tod aus seinem Wirkungskreise so jäh herausgerifsen wurde. Sein Hinscheiden hatte große Trauer bei seinen zahlreichen gelehrten Freunden hervorgerufen, und die Lücke, die sein Ableben auf dem Felde der Wissenschaft zurückgelassen, ist noch nicht geschlossen. Jacob Egers war unter den Männern der orientalischen Forschung ein individuell und interessant geprägter Charaktertopf. Er war ein wackerer Arbeiter im Weinberge der von ihm erkorenen Wissenschaft, die nicht allzu zahlreiche Förderer aufzuweisen hat; das Studium der schöngeistigen hebräischen Litteratur des Mittelalters zu seinem Spezialfache erwählend, hat er im Dienste derselben eine rühmenswerthe Thütigkeit und einen Eifer entfaltet, die erst mit seinem Tode erloschen. Er war ein echter Vertreter deutscher Gründlichkeit und Ausdauer, seine ganze Arbeitskraft hat er mit seltener Energie der von ihn: geliebten Wissenschaft geweiht. Lehrend und forschend, wie er seit Jahrzehnten lebte, so ist er auch gestorben, das Schwert des Geistes noch in der Hand, so hat ihn der schonungslose Sensenmann niedergemäht; mitten unter den Jlügelschlügen der Gabirolschen Muse, mit deren Genius er so innig vertraut war, ist er in Edens Gefilde hinübergeschlummert. Liebenswürdiger und milder kann'der grause Würgengel noch Niemand erschienen sein, als dem Weisen, dem einen Moment zuvor noch die goldflüssigen Verse des Dichterheros vom Munde strömten. Gabirol war ja der Gegenstand seiner besonderen Liebe und Sorgfalt; hat er doch die wehmüthigen Lieder seines Lieblingssüngers in deutschen Wohllaut umgegossen; eben hatte er noch die Grabessehnsucht des großen Lyrikers zum Vortrag gebracht, als sich, wie auf Geheiß, die Schatten des Todes, die der damals 16 jährige Dichter umsonst beschworen, auf seine Augen niedersenkten. Egers war einer der besten Kenner des Dichters und wurde darin vielleicht nur von Professor Kaufmann in Pest übertroffen. Den Text seiner Lieder hat er — vielleicht glücklicher als ein großer Historiker — einer liebevoll in das Wesen der Dichtung eindringenden Korrektur unterzogen, die ja bei allen durch Abschreibefehler vielfach verunstalteten 1 schriftlichen Erzeugnissen der vorguttenbergschen Epoche vorgenommen werden muß.! Diese nub andere Arbeiten haben ihm unter den Gelehrten seiner Zunft einen 'Namen geuiacht, und maii wird beim Studium der Don ihm behandelten Werke nicht leicht auf dieselben verzichten können.! So fiel 1886 als reiche Frucht von bem Baume seiner Forschung der Divan des Abraham Jbn Esra. Wie Egers überhaupt zii Guiisten seiner wissenschaftlichen Arbeiten den Familienfrenden entsagt hatte, so opferte er seine oft dringende Ferienerholung den Forschungserkursionen nach Oxford und anderen Speichern ungedruckter Handschriften, um sich die nothwendigen Bausteine zu seinem litterarischen Wirken zu holen. Egers hat zahlreiche Aufsätze in verschiedenen Zeitschriften veröffelülicht, so in der „Deutschen Litteraturzeitung" u. s. w., Aufsätze die in ihrer nie von persönlichen Momenten geleiteten Sachlichkeit ein eminentes kritisches Talent bekundeten und darum großer Beachtung gewürdigt wurden. Seine strenge Sachlichkeit, sein von Leidenschaftlichkeit stets ungetrübtes Urtheil muß um so mehr mit Nachdruck betont werden, als es von einer gewissen Einseitigkeit, die mit seinem inneren Wesen eng zusammenhing, nicht freizusprechen war. Der Manuskriptenstaub und die Enge der Studierstube, die dumpfe Jnnenluft, die den freien Blick des Litteraturhistorikers unvermeidlich verschleiern müssen, haben auch Egers nicht unbeeinfluff gelassen; er sah manches Ding, manche Erscheinung durch die ge. trübten Gläser einer gar zu übertriebenen Nüchternheit, einer unmittel bar am Stofflichen hängenden Auffassung. Um die Objektivität iß es eine sonderbare Sache. Das allzu scharfe Streben nach Vorein genommenheit erzeugt eben auch Vorurtheil. So nrochte auch Egen aus lauter Objektivität subjektiv werden. Nur Erwägungen solchem Art werden ihn unwillkürlich härter erscheinen lassen, als er sonst war Gleichwohl kannte er nur die eine Absicht und das eine Streben seiner Wissenschaft nach Kräften zu dienen. Wo er gefehlt, da gescha! es ohne Anmaßung, ohne Rechthaberei, da läßt sich überall die bon; fiel es Nachweisen. Nicht unerwähnt darf seine Thütigkeit in der„Historischen Kommissio!! für die Geschichte der Juden" bleiben, deren treuer Mitarbeiter unter der erlesenen Führerschaft eines Stobbe und Weizsäcker er m\ und blieb, bis er eines Zerwürfnisses wegen, — das aus einem un gerechten Angriff gegen seinen Freund Güdemann, den fruchtbare! Forscher und Schriftsteller, entsprang — freiwillig ausschied, selbst verständlich ohne sein Interesse für diesen Zweig der Wissenschaft aufzugeben. In der Veitel-Heine-Ephraim'schen Lehranstalt hatte er Gelegen heit, sein reiches Wissen, die gefüllten Schatzkammern seiner Erfahrungen die Ergebnisse seines Denkens lehrend zu verwerthen. Hier las e über Gabirols Dichtungen, hebräische Grannnatik, Midrasch u. s. w. und hier war es auch, wo er am Schluffe einer Vorlesung über der Dichterfürsten den Epilog seiner irdischen Pilgerfahrt sprach. Seine Lehrthütigkeit füllt überhaupt einen breiten Raum seine: Arbeitszeit; ein Vierteljahrhundert seines Wirkens in der Lehrerbildung^ anstalt gehört dazu, in welcher er den Religionsunterricht und di hebräischen Fächer gab. Eine ganze Lehrergeneration hat von ihn die religiöse Unterweisung und Belehrung empfangen und pflauzi selbst in Amt und Würden, die aufgegangene Saat in die Herze! und Gemüther der reifenden Jugend. Wie fest bei jedem Lehre: sich im Verlauf der Schulthätigkeit ein Bodensatz auf den Grünseines Wesens legt, so hatte auch Egers manche Eigenart, die seinen Unterricht einen eigenthümlichen Beigeschmack gab, der indeß de' Verehrung seiner Schüler keinen Abbruch thun konnte. Er war seine! Schülern mehr als ein Lehrer, er war ihnen ein theilnehmendn Freund, ein hilfreicher Berather und Förderer. Egers brachte oß i Hilfe, ohne daß man ihm seine Roth geklagt hatte. Er errieth oß die Lage der Seminaristen, und man war dann nicht wenig über rascht, in ihm den guten, fürsorglichen Engel zu finden, der die Vor j sehung spielte. Er förderte die bildungsbeflissenen jungen Leute nick selten mit Einsetzung recht bedeutender Persönlicher Opfer, die in ihre Ansehnlichkeit mitunter manchen Mäcen aus der Finanzwelt beschäm: hätten. Er selbst wird darüber wohl nie ein Wort verloren habe! Seine übergroße Bescheidenheit, seine Abneigung gegen jed Reklamesucht und Ruhmredigkeit hätte ihn daran gehindert, wenn c es nicht für Sünde gehalten hätte, überflüssiger Rede das Thor seine Lippen zum freien Durchzug zu öffnen. Von der dem Menschen verliehenen Gabe des Sprechens hatt er eine sehr hohe Meinung und demzufolge war sein Gebrauch der selben ein äußerst müßiger, zurückhaltender. Er sprach nur in Lapidarstil, und selbst im Vortrage machte sich eine wortknappc gedrungene, kernige Darstellung geltend. lieber dem persönlichen Verkehr stand gewiß als oberster Leitspruch: Reden ist Silber. Schweige!' ist Gold. Unter den Schweigern darf er getrost einen hohen Rann beanspruchen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.