Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1892)
- Date
- 1892-11-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Herr S. Beuthner, ging vor längerer Zeit nach Amerika, nachdem er einem Notar in Köln a. Rhein seinen letzten Willen deponirt Vor mehr als sieben Jahren starb der Mann drüben, und seine Angehörigen, Frau und Tochter, welche Letztere einen Pariser Advokaten heirathete, wußten die Eröffnung des letzten Kölner Testamentes zu verhindern. Inzwischen flössen die Erträge der Samnelsalück-Kuxe, deren der Testator elf besessen hat, den beiden Erben zu, bis vor geraumer Zeit darauf Beschlag gelegt wurde. Das von dem Kölner Notar in New-Aork zur Eröffnung gebrachte Testament bedenkt mit je einem Drittel der Kuxrente Iran und Tochter, während von dem letzten Drittel, wie wir hören, die hiesige Synagogen-Gemeinde vorweg 75 Tausend Mark zur Errichtung eines Waisen- oder Krankenhauses erhalten und der Rest den Erben der hier verstorbenen Schwester des Testators zufallen soll. Der Bruder desselben, Herr A. Beuthner Hierselbst, besitzt ebenfalls Kure. Wie man hört, sollen von den gesperrten Kuxgelderträgen etwa 140 Tausend Mark angesammelt sein. Die Synagogen-Gemeinde würde jedenfalls, die landesherrliche Genehmigung zur Annahme der Spende vorausgesetzt, alsbald befriedigt werden können. Die ansehnlichen Kuxerträge fallen einigen hier und im Jndustriebezirk wohnenden Familien zu, die selbstverständlich nicht wenig darüber erfreut sind. — Im benachbarten Kattowitz erhielt der allgemein beliebte und geachtete prakt. (Bahn-)Arzt, Herr Tr. Löbinger, langjähriger Vorsitzender des Repräsentantenkollegii der Synagogen- Gemeinde, den Titel eines Sanitätsraths. * Breslau, 4. Novbr. Bevor der konservative Parteitag in Berlin Zusammentritt, haben auch die hiesigen Konservativen Stellung zu der Juden frage genommen. Die hier abgehaltene gut besuchte Versammlung des Breslauer deutsch-konservativen Vereins sollte nach einem Vortrage des Prof. Or. tbeol. Schmidt folgende vorn Abgeordneten v. Jtzenplitz namens des hiesigen Gesammtvorstandes eingebrachte Resolution annehmen: „Wir verwerfen die antisemitischen Ausschreitungen, werden aber mit allen Mitteln die materialistischen Einflüsse auf die Denkungsweise weiter Volksschichten bekämpfen, mögen diese Einflüsse von Juden oder Nichtjuden ausgehen, und wollen es zum Bewußtsein der Nation bringen, daß ein christlicher Staat vor Allem auch einer christlichen Obrigkeit bedarf, und daß die Lehrer und Leiter unseres Volkes nur Christen sein dürfen." Doch auf Antrag des Grafen Konstantin von der Recke-Volmerstein wurde der Eingangspassus „Wir verwerfen die antisemitischen Ausschreitungen" gestrichen. £. Braunschweig, 4. Novbr. Der hiesige konservative V e r e i n hielt am Sonnabend "Abend eine Monatsversammlung ab, die von dem neuerwählten Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Roßmann, geleitet itutrbe. Nach einigen geschäftlichen Mittheilungen hielt der Vorsitzende einen Vortrag über Konservatismus und Judenthum. In Braunschweig sei die Judenfrage keine dringliche; da aber die große konservative Partei sich damit beschäftige, müsse sie auch hier zur Besprechung gelangen. Die Ursache des Emporkommens der Juden sieht Redner in dem grundverschiedenen Charakter der jüdischen und germanischen Rasse. Der Jude sei sparsam, habe Achtung vor der "Autorität, entwickele Energie und führe ein gutes Familienleben. Bei dem Deutschen sei oftmals das Gegentheil der Fall. So hätte der Wettbewerb der Nationen zum Nach!heil der germanischen ausschlagen müssen. Vergehen und Verbrechen würden uou den Juden nicht mehr verübt als von den Deutschen, Besserung der Verhältnisse sieht Redner namentlich in der Erziehung der Juden, Beschränkung in der Zulassung zu Beamtenstellen u. s. w. Er theilte dann verschiedene Stellen aus der Broschüre von Felix Boh „Konservatismus und die Judenfrage" mit, deren Verfasser ein Braunschweiger, Sohn eines früheren Lehrers an der hiesigen katholischen Schule, ist und in Dresden als Schriftsteller lebt An den Vortrag knüpfte sich noch eine Besprechung. ,1. H. Hannover, 1 Novbr. Vor wenigen Monaten fand die Grundsteinlegung des Unterrichtsgebäudes der "Anstalt zur Bildung jüdischer Lehrer statt. Seitdem ist der Bau der neuen Unterrichtsstätte soweit vorgeschritten, daß bereits Montag den 7. Nov. dieselbe ihre Einweihung erfahren wird. Das Gebäude, an der Ohestraße gelegen, ist im modernen Stil angeführt und macht einen sehr stattlichen Eindruck. Die Räume sind groß und hell. Der Komfort entspricht den Anforderungen der Neuzeit. Die riesigen Kellerräume sind für den Handfertigkeitsuuterricht, der prächtige Garten mit seinen Gewächshäusern für den Gartenbauuuterricht bestimmt. Die eigentliche Einweihungsfeier wird in der Aula des neuen Gebäudes abgehalten werden. Abends findet im Saale der Börse eip Festessen statt, an welches sich ein Festkommers anschließen wird, veranstaltet von den Schülern der Anstalt. * Bielefeld, 2. November. Herr Pastor v. v. Bodelschwingh in Bielefeld hat in einer in der „N Wests. Volkszeitung" veröffentlichten Erklärung sich gegen den Radau-Antisemitismus gewandt. Aber hinter i diesem Protest steckt ein viel größerer Antisemitisinus, insofern Herr! v. Bodelschwingh unter Semitismus Alles versteht, was „unter Wegj werfung jeglichen Glaubens und jeglicher Moral auf dem Boden des! nacktesten Materialismus stehend, die Emanzipation des Fleisches i predigt. Alles beschmutzt, was einem Christen — ja, was jedem edlen! Menschen heilig sein muß." Die Bielefelder Zeitung „Der Wächter" läßt heute dem Herrn Pastor hierfür eine gebührende "Abfertigung zu! Theil werden. Wir entnehmen dem betreffenden Artikel folgende ' Stellen: „Es ist wahrhaft betrübend, daß auch hochgebildete Christen,! denen man Edelsinn und Humanität in manchen Dingen nicht absprechen > kann, ihre Objektivität einbüßen, wenn es „den Juden" gilt. - Freilich! versteht es Herr v. Bodelschwingh unter meisterhafter Benutzung des den Schülern des Ignaz von Loyola eigenen Stiles, sich selbst den Rücken frei zu halten, indem er sich zu der Erklärung herbeiläßt: „Blos! darum verächtlich auf einen Mitmenschen herabzusehen, weil er ein Jude i ist und das ganze Volk als ein solches unterdrücken unb verfolgen und | aus rein materiellen Rücksich teil zum Kampf aufrufen, ist eine Handluugs-! weise, der sich freilich ein Christ schämen muß!" Doch entblödet Herr i v. Bodelschwingh sich nicht, „derjenigen Macht, welche unter Wegwerfuug i jeglichen Glaubens und jeglicher Moral, auf dem Boden des nacktesten 1 Materialismus stehend, die Emanzipation des Fleisches predigt. Alles beschmutzt, was eiuem Christen — ja, was jedem edlen Menschen heilig! sein muß. Thron und Altar gleichmäßig unterwühlt, nur um möglichst viel Geld zu verdieneu, nicht etwa nur gewissenlos den Nächsten materiell j zu Grunde richtet, sondern auch ihn sittlich verdirbt," — also der Verworfenheit in des Wortes wirklicher Bedeutung, der Verworfenheit, die zu bekämpfen auch dem Juden von seiner Religion gelehrt wird, die Bezeichnung „Semitismus" beizulegen, v. Bodelschwingh sagt zwar i nebenbei, der Name decke sich nicht ganz mit der Thatsache, doch läßt z er es öfter durchblicken, daß für ihn nur wenige Ausnahmen vorhanden! sind. Merkwürdig ist der Schluß der Erklärung. Während er in j der Einleitung die vom Judenthmn zum Christenthum übergetretenen Apostel sowie Jesu selbst gern und freudig acceptirt, bleibt der „bekehrte" Paulus Meyer immer noch der „getaufte Jude Meyer", und warum? i Nun, weil er eben ein "Allsbund von Schlechtigkeit ist, nnb die schlechten | Eigenschaften des Meyee stammen ja — nach der Meinung des Herrn j v. Bodelschwingh — aus dem Judenthmn, die guten Eigenschaften der! Apostel-Wohlthäter aber, die stammen ~ keineswegs von den Juden!—, die haben sich dann erst so zufällig eingefunden! —" (D Elberfeld, 4. November. Jene Anklage gegen den Redakteur * der hier erscheinenden delltsch-sozialen (antisemitischen) Wochenschrift! „Rheinische Wacht", Gerhard ten Winkel, die im September d. I.! bereits einmal zur Verhandlung anstand, kam heute Hierselbst vor der! Strafkamuler zum Abschluß; die Sache steht im engsten Zusammenhang! mit dem „Bllschhoff-Prozeß". Im Januar und Februar d. I., also lange! vor der Verhandlung jenes Sensationsprozesses, erschienen in dem ge-! nannten Wochenblatte zwei Artikel, die sich mit der gegen Buschhoff I geführten Untersuchung, Verhaftung, Haftentlassung, dem Zeugenverhör,! der Ortsbesichtigung und anderen zahlreichen Einzelheiten beschäftigten. In diesen Artikeln waren namentlich die Thätigkeit des Ersten Staatsanwalts Baumgardt zu Cleve und des Landgerichtsraths Brixius daselbst in Bezug auf die Voruntersuchung gegen Buschhoff einer zum Theil recht scharfen Kritik unterzogen, und es war in mehr oder minder klaren Worten Beiden der Vorwurf gemacht, daß sie ihres Amtes in der Angelegenheit nicht in wünschenswerther und pflichtgemäßer Weise gewaltet hätten. Außerdem war dem Richterkollegium des Landgerichts Cleve nachgesagt, daß es eine im Buschhoff-Prozeß betheiligte Zeugin als Angeklagte gleichsam als Folge der gegen Buschhoff gemachten Aussagen besonders hart bestraft habe. Wegen dieser Artikel hatten sich der erste StaatsanwaltB anngardt, Landgerichtsrath Brixius und die Mitglieder jenes Richterkollegiums beleidigt gefühlt und Strafantrag gestellt. Bei der ersten Verhandlung irn September trat der Angeklagte mit einerganzen Reihe von Beweisanträgen hervor; der Gerichtshof beschloß jedoch,