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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-11 · Heft 46 (11.11.1892) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
Seite 552 (sequence 12)
Language
German
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2. Soll die verwittwete Schwägeri^l iljrem Schwager einen eigens dazu gefertigten und mit Riemen an den Fuß befestigten Schuh abziehen. Mögen immerhin in jenen verschollenen Zeiten im Orient dergleichen 'Akte vorgenommen worden sein — in unseren Landen und kultivirten Zeiten ist ein solcher 'Akt anstandswidrig, ja anstößig, und wir weisen ihn mit sittlicher Entrüstung zurück. 3. Soll der Schwager 51tr Strafe dafür, daß er die Wittwe seines Bruders nicht ctls (sattin heimsühren will, damit beschimpft werden, daß die Schwägerin in Gegenwart einer versammelten Gemeinde — wie ja auch der ganze 'Akt von 'Anfang bis Ende sieh in Gegenwart einer Versammlung von mindestens io Erwachsenen zu vollziehen hat — ihn anspeie oder doch vor ihm ansspeien und laut sprechen : „Dieser Schimpf gebühre ihm für seinen Mangel an Pietät". Dieser 'Akt ist ein Hohn auf unsere europäische Gesittung, wir perhorresziren ilm. Erwägt man, das die ganze Eeremonie nach dem Wortlaut der Schrift eine strafende Beschimpfung des Schwagers sein sollte, für den Mangel an Pietät, dafür nämlich, daß er die Schwagerehe nicht vollziehen will, so ist es, nachdem der Rabbinismus eine solche Ehe für unsere Zeit verpönt, in Fällen, wo der Schwager bereits verheirathet ist, sie auch staatsrechtlich uerboten ist, mehr als sinnlos und absurd. Jemand für die Unterlassung einer Handlung zu beschimpfen, deren 'Ausübung als schwere Sünde betrachtet, ja zum Theil als schweres Verbrechen bestraft werden würde. Wir halten es daher mit unserem Gewissen und unserer Würde nicht vereinbar, an der Aufführung einer solchen tragikomischem Posse, die in unserer Zeit nur geeignet ist, uns und unsere Riten der Verachtung preiszugebeu, mitzmvirken, und wiederholen nur Misere oben abgegebene Erklärung, daß wir es unserer verwittweten Schwägerin ganz nach ihrem freien Willen anheimstellen, sich wiederum zu verheirathen, was übrigens auch eine ganz überflüssige Förmlichkeit ist, da wir ja die Wiederverheirathnng zn verwehren nicht das geringste Recht besitzen. N. N. dt. dt." Nach der Verlesung dieses Protokolls fügte ich meinerseits in der Versammlung folgende Worte hinzu: Ich stimme mit der Erörterung schlichter Laien ganz überein. Mit 'Aushebung der Leviratsehe ist die Eeremonie der Ehaliza selbstverständlich beseitigt und nicht mehr in Anwendung zu bringen. Es muß doch endlich einmal auch auf dem Gebiete des verknöcherten Ritualismus der Sinnen zur Geltung kommen: oe^.iuto Reis rafi<m<* cessai. lepis disposilio.'* C p pein, den 1. November. Rabbiner Tr. Wiener. d E i n e b e s ch e i d e n e A n s r a g e! 1. Entgegen der a l t t e st a m e n t l i ch e n 'Anschauung hat die netie naturwissenschaftliche Weltanschauung anerkannt, daß 'Alles in der Welt durchweg nach unabänderlichen Gesetzen vor sich geht, welche sogar, sobald sie völlig formulirt sind, sehr einfach mid selbstverständlich erscheinen, Nur die ungeheure Mannigfaltigkeit der Erscheinungen und Ergebnisse in der Natur unb die zahllosen Verknüpfungen und Durchkreuzungen derselben untereinander, tnachen es dem Ungeübten ohne Hilfe der Wissenschaft unmöglich, diese Gesetz' Mäßigkeit sofort zu begreifen. Insbesondere macht die hohe Zweckmäßigkeit, welche allenthalben in der Natur beobachtet wird, es dem Laien fast unentbehrlich, zu deren Erklärung ein fortwährendes Eingreifcm mtd Lenken einer höheren Macht anzunehmeu. 'Aber eine ruhige lieber legung zeigt, in Uebereinstimmung mit den Untersuchungen vorweltlicher Ueberreste (Paläontologie), daß im Lauf der Jahrtausende nur dasjenige Bestand haben und sich beziehentlich sortpflanzen konnte, was für die gegebenen Verhältnisse am passendsten eingerichtet war. Das unzweckmäßiger Organisirte ist längst schon untergegangen hud hat seinen siegreichen Mitbewerbern Platz gemacht: in der Pflanzen-, Thierunb Sternenwelt. Dies die sogen, darwinischen Grundsätze des „Kampfes ums Dasein" und der „natürlichen Zuchtwahl", welche jetzt bei den meisten Naturforschern an die Slelle des Zweckmäßigkeitsbegriffes (der teleologischen 'Naturanschauung) getreten sind. Dürfte das mosaische Gesetz, welchem der reine Monotheismus zu Grunde lag, der erwähnten Theorie den Boden zu entziehen beabsichtigen durch das im 3. B. M. Kap. 13, V. 1b: „Tein Vieh sollst du nicht" u. s. w. enthaltene Gebots 2. Die Erziehung wirkt ans das Dasein und den Verstand des Menschen, denn es waren Kinder vorhanden, die durch ihren vieljährigen; Umgang mit Thieren deren Eigenheiten sich angeeignet und der Menschheit! nicht mehr zurückgegeben werden tonnten, z. V. jener Hinduku-Knabe, erzogen mit einer Wölfin, heulte wie sie, fraß wie sie rohes Fleisch; das Mädchen in Salzburg 1833, die den Thieren gleich klettern konnte, in den Fluß tauchte lind unter dem Wasser Fische sing und sich von warmem Thierblute nährte. Dürfte auch in diesem Falle das mosaische Gesetz durch den Ausspruch 3. B. M. Kap. 18 V. 23: „Und alles Vieh" n. s. w. nicht blos ein Sittengesetz aufstellend L. O. Mein Kollege Tr. Ginsberger in Sulz will uns von den Schnorrern befreien, von der Wanderbeltelei. Trop de zele, lieber und geehrter Kollege! Sie sind nicht der Erste, der sich gegen dieses Uebel erhoben und Maßregeln vorgeschlagen hat. Vor einem oder zwei Jahren ist im Pariser „Vnivers israelite“ ein äußerst geistreicher Artikel hierüber erschienen. Vor zwanzig bis dreißig Jahren hat der jetzige Ober-Rabbiner von Bordeaux, der gelehrte und beredte Herr Jsaac Levv, darüber eine interessante Studie geschrieben. Und ich cnnnci'e mich, wie der Rabbiner Joseph Lewi, von Saar-Union (Vater des rabbin adjoint Naphaäl Levp von Paris) ihm in einem rührenden Briefe antwortete nach dein *p: „Man ist nicht nach dem, der kommt und sagt: Gebet mir zu essen." Meine Antwort auf Tr. Ginsbergers Schreiben ist eine andere und es wundert mich, daß mein Kollege daran nicht gedacht hat. 1. Die elsässer Schnorrer, gegen die man Artikel schreibt, sind keine elsässer Schnorrer, es sind Polen, Russen, Ungarn, Galizier, Deutsche, nur sehr wenig geborene Elsässer. Nun, diese Fremden wollen wir rächt hindern, an unsere Thüren zu klopfen, unsere Gastfreundschaft und Wohlthätigkeit anzurufen. Seit den Ausweisungen ans Rußland und anderer Herren Ländern noch weniger als vorher. Und wenn man ein wenig die elsässische Güte mißbraucht, taut pis, um Verzeihung taut mieu. 2. Noch einmal um Verzeihung: Ich habe oben gesagt, daß wir die unglücklichen Russen und Rumänen u. s. w. nicht hindern wollen, an unsere Thür zu klopfen. In Wirklichkeit^ verhindern wir sie ein wenig, dies zu thun, denn in jedem Orte fast ist eine sogenannte Abfertignngskasse, an die die durchgehenden 'Armen sich zu wenden haben, ohne die Gemeindemitglieder weiter zu belästigen. Ich glaube, daß jede andere Einrichtmlg unmöglich wäre. Man lasse also uns und die Schweiz und besonders die Polizei in Frieden. Frieden und Segcm sei auch uuserm Kollegen Dr. Ginsberger. Schirrhofen i. E., 23. Oktober. Simon Levv, Rabbiner. d In der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" vom 7. Oktober habe ich mit Interesse den 'Aufsatz von Dr. Ginsberger, Rabbiner in Sulz (Ober-Elsaß), gelesen, um so mehr, da er eine sehr wichtige 'Angelegenheit betrisst und mir, als geborenem Elsässer «Oberhagenthal), geradezu aus dem Herzen gesprochen ist, nämlich die Verbesserung der jüdischen Armenpflege in Elsaß-Lothringen. Ich wünschte aber, daß sich itod) andere meiner Landsleute mit dieser Verbesserung befassen möchten, oder mir wenigstens bei diesem Bestreben an die Hand gehen wollten, um diese sehr dringliche Sache zu berathen, auf welche Art am schnellsten zu einem günstigen Resultat zu kommen wäre. Sollte Gegenwärtiges von Jemand beachtet werden, der den Aufsatz vom 7. Oktober nicht gelesen hat, so bin ich gern bereit, diesen sofort franco zuzusenden Berlin, 7. 'November. Marc Bloch, Niederwallstr. 31. * Kriefkttsten der Redaktion. I. E. Nach Tur und Schulchan Aruch -lore Deah § 331 l siehe daselbst Ture saliab und Sille (.lohen am Schluß) und Responsen Heer Sclieba Nr. 41 ist es nicht gestattet, von dem Zehnt- <A1a.l86r-) Gelde. das der Bräutigam von der Mitgabe für die Armen bestimmt, Gebetbücher und dergleichen zu kaufen. Diese Bestimmung hängt durchaus nicht mit dem Leben der Eltern des Brautpaares und deren Vermögensv er hä Itniffcn z usam men. „(yiit treuer Abonnent" in L. a. W. Wir bitten sehr um genaue Angabe einer Adresse, da Briefe für Sie vorliegen. Truck und Verlag von Rudolf Mo Re in Berlm. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Bauch Witz in Berlin.

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