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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-11 · Heft 46 (11.11.1892) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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550 Doch der Fremde blieb bescheiden an der Thür stehen, unb indem sein Auge durch die mit kostbaren Gerüchen geschmückte Stube schweifte und an der Gruppe der anwesenden Familie haften blieb, sagte er vor Ueberraschung fast stotternd: „Ich werde nicht essen, bis ich mein Wort gesprochen. Ich habe in der Stadt erfahren, daß Dein Diener, geehrter Herr, von Dir scheidet, um sich ein eigenes Haus zu schaffen, wollest Du mich zu Deinem Diener machen, gestatten, daß ich mich hülle in den Staub der Füße des Weisen Israels!" „Und willst Du treu und emsig mir beistehen?" fragte dagegen Rabbi Jehuda, „willst Du Dich mühen für die Kranken und Bekiinnnerten mit mir? Denn nicht blos in den wohnlichen Gemächern seines von Gott gesegneten Hauses wirkt Abul Hassan, nicht blos iln Lehrhause läßt er seine Stimme ertönen; er besucht auch die niedrigen und schmutzigen Hutten der Armuth, er weilt oft stundenlang da, wo der größte Jammer sein Auge nicht umdnstern darf, wo die eigene Gefahr der Ansteckung an bösartiger Krankheit niemals darf Furcht in seinen Zügen lesen lassen. Da vorzüglich bedarf ich des Gehilfen, der thätig mit Hand anlegen muß beim Verbinden der Wunden, beim Salben lind bei nianchem anderen, was eben iiicht zlir Freude stimmt. Hast Dii auch einige Kenntiiiß der Heilkunde?" „Ich werde meiit Möglichstes thun," antwortete der Frellide ausiveicheiid, „imd was an Befähigung mir abgeht, dllrch guten Willen ersetzen." „Nun so wollen wir's versuchen," sprach Rabbi Jehuda, „suche für heute Dich in meinem Hause heimisch zu macheil, und vor Allem lasse Dir voll meinem Hausverwalter eine Kleidung reichen, wie sie dem Haiisgeuossen eines Mannes zielllt, der nicht kargen mag mit dem, was Gottes Gllade ihm bescheert hat." Bald war der neu aufgeuommene Diener in feinem Aeußeren so weit verwaiidelt, daß Alles, was seine herrliche Gestalt entstellen tonnte, verschwunden war. Hub hatte Abraham, so nannte sich der neue Hausgenosse, and) die einfachste, schlichteste Bekleiduiig alis dem reichen Borrathe des Hauses gewühlt, so blieb es fast zweifelhaft, ob er dies aus Bescheideilheit gethan, oder ob er, eitel auf die Vorzüge seilier Persöiilichkeit, diese nicht durch Kleiderpriink weniger bemertbar machen wollte. Allein dieser Annahme entsprach Abraham gewiß llicht. Jhill schien gar wenig daran zu liegen, wie andere über ihn dachten, ob sie wohlwollend und gefütlig sein nlochten oder nicht, ihli befriedigte es vollkommen, konnte er sich selbst unaufgefordert gefüllig unb dienstfertig beweisen. Bald war der neue Gehilfe Abul Hassans ein Gegenstand allgemeinen Stadtgesprüches, und dies nicht blos seiner Schönheit wegen oder wegen der ausfallenden Geschicklichkeit, mit welcher er seinem Meister an die Hand ging, sondern noch mehr durch die stete Schweigsinnkeit, die jedes Wort vermied, das nicht eben unumgänglich nöthig war, die an den edlen Meister selbst kaum jemals eine Frage richtete, eine Schweigsamkeit, welche nur dann ihn verließ, wenn er oft in stiller Nacht an das Bett eines Schwerkranken trat, um nachzusehen, ob alle ürztlichen Anordnungen genau und richtig befolgt seien, wenn er dann tröstend den bekümmerten Verwandten zusprach, wenn er manchmal bei solcher Gelegenheit auch neue, mit denen seines Herrn nicht immer ganz übereinftinunenbe Anordnungen traf. In Gegenwart des Letzteren wagte er nicht nur nicht keinen Widerspruch, sondern verharrte stets in gleichmüßig stillen! Gehorsam, was jedoch den Meister nicht hinderte, bald zu erkennen, daß sein Gehilfe nichts weniger als ein Neuling auf bem Gebiete der Arzneikunde sei, ja vielleicht manche Erfahrungen und Kunstgriffe besitze, die seine eigenen au Werth übertrafen. Noch sonderbarer war das Benehmen Abrahams im Lehrhause; dort war sein Mund gerade wie mit sieben Siegeln verschlossen. Weder eine Frage, noch ein Laut der Zustimmung kam da, mochte über was immer und noch so lebhaft diskutirt werden, je über seine Lippen; er, lehnte unweit dem Sitze Halevi's an einer Marmorsüule, als wäre er selber vor Marmor. Und wenn auch Rabbi Jehuda bemerkt haben wollte, daß es Zuweilen in den Zügen Abrahams gar sonderbar arbeitete, daß fein Auge zuweilen aufflammte, um sofort kalt darein zu schauen, daß Abraham zuweilen die Hand fest auf sein Herz presse, als wollte er dem Ueberströinenden Gewalt anthun, ja, wenn Rabbi Jehuda gan; unzweifelhaft gesehen, wie bei einer besonders wichtigen Frage, du aufgeworfen wurde, Abrahanr rasch einen Schritt gegen die Tafe! gethan, um welche geschaart die Gelehrten Toledos und deren Jünger saßen, und wie er daun schnell wieder seinen Platz eingenommen-, so war er doch viel zu rücksichtsvoll, um in das Geheimnis;, das hier augenscheinlich vorhanden war, eingreiseu. eindringen zu wollen. Ganz in gleicher Weise ging es auch im häuslichen Kreise, wo Abra Ham sich in jeder Art nützlich und gefällig zu machen suchte, oft Dienste verrichtete, die ohne sein absichtliches Hinzudrüngen, viel zu niedrig erachtet, ihm nie anfgetragen worden wären. Doch außer ehrerbietigen! Gruße und den allernöthigsten Auskünften kam teil: Wort über seine Lippen, und so konnte man nur aus dem Umstande, daß er seinem Herrn und dessen Lieben gewissermaßen jeden Wunstl! ablauschte, inehr ahnen als wissen, daß er mit inniger Liebe m; ihnen hange. Ob er da auch sich heimisch fühle, wer wollte, wer könnt das beurtheilen? (Fortsetzung folgt d Fitterarische Mittheilungen. — Der Blutab erglaube in der Mensch heit, Blutmorde uu Blutritus. Zugleich eiue Antwort auf die Herausforderung des „Osser vatore Eattolieo". Von D r. Hermann Strack, Professor der evange! Theologie in Berlin. Vierte neubearbeitete Auflage. München i89*j E. H. Beck. Soeben ist dieses hochbedeutende Werk erschienen, das sicher geeignet ist. Alte, welche an jüdischen Ritualmord oder Btutritus glauben, verstummen zu machen. Mit zwingender Beweisführung werden hin. alle Gründe für die Blutbeschuldigung wiederlegt. Der Hauptzeug? der Blutbeschuldignng ist ja gegenwärtig August Rohling in Prag. Dieser wird nun von dem Verfasser vollständig vernichtet; die große Un wissenheit Rohlings, der sich mit fremden Federn (Eisenmenger und Briman) schmückte, wird überzeugend dargethan. Seite96 heißt es: „Oes fentlich klage ich hierdurch den k. k. österreichischen Professor und Kanonikus August Rohling des Meineides und grober Fälschungen an. Ich bin bereit, diese schwere Anklage vor jedem Gerichtshöfe zu begründen". Von höchstem Interesse m auch das 18. Kapitel (S. 109 bis 185) über das von den Vertretern der Blutbeschuldigung so stark betonte angebliche Zeugniß der Geschichte für jüdische Ritualmorde und Blutmorde. Vor jeder ernsten Kritik schrumpu die lange Liste solcher Morde auf Null zusammen. Im Jahre 15lj 1 wurden zu Bösing dreißig und einige Juden verbrannt, weil sie ein Ehristenkind ermordet und seines Blutes beraubt hätten; noch im Juli wies ein Berliner Antisemitenblatt ans diesen Fall als wichtig hin. Abn aus dem im Reichsfiuanzministerium zu Wien befindlichen Akten ergiebt fieldaß das angeblich von den Juden geschächtete Kind von dem Kläger Grafen Wolf zu Bösing selbst gestohlen worden ist und daß man es später in Wien lebend gefunden hat. In Trient 1485 und in Damaskus 1840, wie auch sonn sehr oft, sind die Geständnisse nur durch raffinirte Folterqualen erpreßt nun den. In anderen Fällen hat der Prozeß mit Freisprechung geendet und sir^ die Richter der unteren Instanz wegen ihres Verfahrens sogar zur Be? antwortung gezogen worden. Da man selbst es gewagt hat, im preusi scheu Abgeordnetenhause zu bestreiten, daß Päpste sich gegen die Blw beschuldigung ausgesprochen Hütten, hat Strack unter die christlichen Zeugnisse gegen diese Beschuldigung auch eine Reihe sehr deutlick sprechender Papsturkunden ausgenommen, so die Bulle Gregors X. von 7. Oktober 1^72 u. A., deren genauer Wortlaut bisher noch nicht ver öffentlich! war. Die Bedeutung der Strack'schen Schrift beschränkt sin:

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