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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-11 · Heft 46 (11.11.1892) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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547 lie leichtfer!» > wenden iii . Nun, uni ß die Judc Gut befine 11 alt ereil». jit jener anonymen Bulle die Augen zugedrückt. Aber zu dulden saß ein Dutzend unbescholtener Menschen plötzlich vogelfrei werde, ging doch nicht an. Die Untersuchung wurde eingeleitet, eine scharfe Verordnung zum Schutze der Bedrohten erlassen. Die Akten dieser Untersuchung sind meines Wissens nie veröffentlicht worden, auch eine authentische Darstellung ist mir nicht beianiit. Juden wem d am meine lleichthum ensch zu ff» wurtheil ent is aber w ügsten denn Handel in ie bekannt iii dwerken a:» as sollen m zur andere Juden b i eit aber Mul oder — um ten, obg>» eben werda t. Und d« , wenn um unten in i ülitär Jude lebt, besolde! en christlied, ihr Anse iii i Amte, de ums? De» lfe nur ui»e herlich hiü-e i unlcugbarei! UNd Ui",!! > zu schar»' e man jcboi > der tunluii t irrelcrie! JVC, Noch bi! H.!i iunächst lubi ifeii der ü>! es mehr er Kaiser Fra» is kümnu» srichtcn, bin ein und ie» > hätte üiiJ Was die iniindliche Tradition darüber berichtet, klingt sonderbar genug. Daß Jakob Ornstein leugnete, den Bann angeregt, geschweige denn ausgesprochen zu haben, ist natürlich. Bedenklicher ilingt schon, daß sich einige seiner Freunde zum Eide erboten, er iiätte nach der ihnen bekannten Sachlage nichts darum ivissen können. 0b diese Eide geschworen wurden, weiß ich nicht. Geiviß ist, daß nicht sie es waren, die Ornstein retteten, sondern — andere Gründe, ne man dein Untersuchungsrichter aufzählte . . . Das Guberniuin aber erließ ein wahrhaft salomonisches Urtheil. Da Ornsteins Schuld nicht erwiesen sei, so könnte er nicht bestraft, auch nicht als Kreisabbiner adgesetzt werden. Aber wer immer den Bann geschleudert, Ornsteins Autorität stehe schon Kraft seines Amtes höher. So wurde ihm denn aufgetragen, den Bann als nichtig zu erklären und Zugleich durch Talmud-Citate den Beweis zu erbringen, daß weltliches Wissen gestattet, ja löblich sei. Und diesen Auftrag der Regierung erfüllte Jakob Ornstein! \it der großen Synagoge der Lemberger Altstadt erklärte er unter 'lufgebot seines talmudischen Wissens den Verfasser jener Bannbulle eierlich für einen „Unwisseiiden, Elenden und Nichtswürdigen". Der Schlag, der damit das Zelotenthum getroffen, war doppelt urchtbar, weil ihm nun auch der Fluch der Lächerlichkeit anhaftete, i'iii zweites Unheil, das Ornstein kurz darauf traf, erhöhte diesen inndruck. Er hatte während der Untersuchung zu seiner Entlastung mgegeben, er selbst predige ja deutsch. Nun interressirte es den General-Gouverneur zu erfahren, worüber denn Ornstein eigentlich redige. Er delegirte einen k. k. Kreiskoimnissär zum nächsten Sab- -ath in die Synagoge. Das brachte Ornstein in schlimmste Veregenheit, denn er war des Hochdeutschen nicht mächtig und hielt eine „Deraschoth" im Jargon. Der Kominissür, vorher vertraulich »'fragt, erklärte, es thue ihm leid, aber den Jargon verstehe er nicht, »erde daher auch über die Predigt nicht berichten können. Da kam ein Vermittler ein rettender Gedanke: in Leinberg gab es ja einen beeideten Dolmetsch des Jargons. Ob es genüge, fragte er, wenn »eser jeden Satz verdeutsche. Der Beamte willigte ein. Natürlich lieb diese Verhandlung kein Geheimniß; am nächsten Sabbath war ie Synagoge bis auf den letzten Platz gefüllt; auch sehr viele Christen »anden voll heiterer Erwartung in der Menge. Sie sollte reichlich ' efriedigt werden. Auf den Raum vor der Bundeslade wurden drei -tühle gestellt; für den Rabbiner, den Translator, den Koimnissür. Nichdem sie Platz genominen, begann Ornstein stotternd, kaum ver- »ändlich. Und jedesmal, wenn er einen Satz beendet, siel der beidete Dolmetsch mit dröhnender Stiimne und unangenehmem Pathos in: „Der hochwürdigeHerr Kreisrabbiner meint nämlich anfDeutsch..." 'lnfangs kicherte man nur, dann dröhnten Lachsalven durch den Raum.!b4 muß eine unbeschreibliche Szene gewesen sein. Die litterarischen Vorkämpfer der Aufklärung in Galizien, so B. Lettcris, berichten diese Szene mit sichtlichem Behagen. Das »mg menschlich entschuldbar sein, sie haben durch Ornsteins Schuld Vitteres erlitten. Wir Spütgeborenen werden aber dieser Farce im Gvtteshause gewiß nur mit Bedauern gedenken. Auch dies war kein Glanztag für das Judeuthmn. Daß er nützliche Folgen hatte, soll deshalb nicht übersehen sein. Wer sich lächerlich gemacht, ist nicht mehr gefährlich; vielleicht noch mehr als sein Widerruf hatte diese Predigt dem Lemberger Groß- Jnquisitor" die Geißel aus der Hand gewunden. Die Chassidim zogen sich scheu zurück, die „Neuerer" erhoben das Haupt. Daß die Sache der Bildung auch bisher schon weit mehr Freunde gehabt, als man anzunehmen gewagt, zeigte sich nun erst. Männer, die wenige Wochen vorher nicht gewagt, ihren Namen in deutschen Lettern zu unterschreiben, verfaßten nun deutsche Zeitungsartikel. In allen Stuben wurden hinter den Talmud-Folianten die deutschen Bücher hervorgeholt: Mendelssohns „Phaedon", Dohms „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden", Schillers „Gedichte", Lessings „Nathan". Die Verfolgten wagten sich zu rühren; Josef Perl veröffentlichte seinen berühmten Roman gegen den Chassidismus „Megalleh Tenürin" („Der Entdecker der Geheimnisse"). Jsak Erter aus Przemysl, seine geistfunkelnden Satiren gegen den Zelotisinus und Salonion Loeb Rapoport begann jene kritischen Studien über einzelne Talmudschriften zu veröffentlichen, die ihn in der Geschichte der jüdischen Litteratur unsterblich machen sollten. Vielleicht die größte, weil reine menschliche Freude aber empfand in jenen Tagen Simche Nappaport: ihn hatte der Sieg ves freien Gedankens aus dem Zerwürfniß mit der Gattin, aus den Wirrnissen der eigenen Seele gerettet. Als Moritz zum ersten Mal wieder die Schule besuchte, holte der Vater auch den Lehrer des Hebräischen selbst in sein Haus und that ihm in Gegenwart des Knaben Abbitte. Vielleicht hätte er auch jene Verwünschungen gegen die „Cherem"-Partei widerrufen, wenn ec nicht der Vergeßlichkeit des Kindes getraut hätte. Mit Unrecht, jedes Wort aus jener Zeit haftete im Knaben und nicht jede Erinnerung war so harmlos wie die folgende. Als Moritz beim Abgang von der Normalschule ein vortreffliches Zengniß heimbrachte und gleichzeitig die Prüfung aus einem Talmud- Traktat glänzend bestand, stellteer sich vor den Vater hin und fragte: „Glaubst Du, wenn ich sehr fleißig bin, natürlich sonst nicht! glaubst Du, daß ich daun einmal so viel leisten kann, wie das ganze Nägele am kleinen Finger von Moses?" Ein andermal aber hörte Simche mit Betrübuiß von der Mntter, daß der Knabe die Chassidim mit Schimpfworten belegt. Er verwies ihm dies scharf, aber Moritz erwiederte: „Es ist ja wahr, Du hast es auch gesagt!" Wieder mußte der Hinweis auf Mosis Liebe herhalten. Moritz aber: „Und die Rotte Korah?" rief er. „Er war nur da mild, wo noch was zu bessern war. Und hat er nicht das alte Geschlecht in der Wüste aussterben lassen?" — „Auch ich gehöre zum alten Geschlecht!" erwiederte Simche. Da fiel ihm der Elfjährige weinend um den HalS: „Verzeih, verzeih!" Das Verhältnis; zum Vater wurde von Jahr zu Jahr inniger, obwohl Simche nun regelmäßig 6 bis 7 Monaie jährlich in Wien war, aber jenes zur Mutter erkaltete. Vielleicht mit deshalb, weil sie dem Knaben bei dem geringsten Verstoß gegen das Ceremonialgesetz die heftigsten Vorwürfe machte, so daß sein Gewissen kanm ins Gleichgewicht kam, vielleicht auch, weil sie ihn unablässig quälte, er müsse Talmudist werden, nicht Doktor. Dieselbe Frau, die das Geschäft in Abwesenheit des Gatten vortrefflich führte und es hauptsächlich dadurch emporhob, weil sie mit seltener Menschenkenntniß jeden Kunden in seiner Weise zu behandeln wußte — „Eva sieht durch die Stirn durch, was Jeder denkt", rühmten ihr die Freunde nach — hatte nicht das geringste Verständniß für die Verstöruug, die ihre Handlungsweise über das Geinüth des eigenen heißgeliebten Knaben brachte. Sein und ihr Seelenheil, das sie bedroht hielt, wenn der Sohn ein „Deutsch" wurde, stand ihr einzig vor Augen. Dann aber lag ihrem Mahnen und Drängen auch ein anderer mensch-

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