Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1892)
- Date
- 1892-11-11
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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546 sind die Ursache aller Uebcl in der Welt — die Juden und ihr Materialismus. Es ist vorhin schon zugegeben worden, daß es auch Juden giebt, die mehr als billig nach materiellen Gütern streben; ich will auch weiter zngeben, daß manche nicht redlich dabei zu Werke gehen; aber so wenig nlan leugnen kann, das; auch Christen von diesen Vorwürfen nicht freizusprechen sind, so wenig wird inan behaupten dürfen, alle Juden seien genußsüchtig und gewissenlos, also unsittlich. Das hieße ja, die erste Forderung der Gerechtigkeit mit Füßen treten. Aber eine solche Behauptung ist auch unwahr. Die Jude» machen in Deutschland kaum mehr als ein Prozent der Bevölkerung aus; in größeren Städten freilich, wo sie schon seit Jahrhunderten sind, noch ehe sie in kleineren Städten oder auf dem Lande wohnen durften, vielfach mehr. Soll man nun glauben, der eine Juden habe die 99 Christen verdorben, zumal nach dem eigenen Geständniß der Antisemiten nicht einmal jeder Jude schlecht ist? Oder liegt die Annahme nicht näher, der eine Jude habe die Untugenden der 99 nachgeahmt? Das heißt: Ist es nicht gerechter, einzugestehen, auch die Juden seien Kinder der Zeit, in der sie lebe», Schüler derselben Lehrer in Wissenschaft, Lltteratur und Kunst, wie die Christen? Den» die jüdische Religion ist wahrlich weder an dem etwaigen Materialismus, noch an der etlvaigen Unsittlichkeit ihrer Bekenner schuld. Denn da wir als Juden an Gott und die Unsterblichkeit glauben, so können wir in dem Irdischen allein keine volle Befriedigung finden; und die irdischen Güter können uns höchstens als Mittel, aber nie, mals als Zweck erscheinen. Wir werden also wohl irdische Güter zu erwerben suchen, aber uns nicht von ihnen beherrschen lassen; wir werden somit von Genußsucht und Habgier, wie von jeglichem Unrecht gleich weit entfernt bleiben. Tie Bitte Jakobs, als er vor seinem Bruder Esau nach Haran floh, Gott möge ihn auf dem Wege behüten, ihm Brod geben, daß er zu essen habe, und ein Kleid anzuziehen (1. B. Mos. 28, 22), wiederholen wir noch heute in unserem täglichen Gebete. In den Sprüchen Salomos (30, 8, 9) heißt es: „Armuth und Reichthum gicb mir nicht, laß mich mein bescheidenes Theil Brod genießen. Ich möchte sonst, wenn ich satt würde, verleugnen und sprechen: Wer ist der Herr? Oder ich möchte, wenn ich zu arm würde, stehlen und mich vergreifen an dem Namen meines Gottes." Und ebenda (28, 20) heißt es: „Ein treuer Man» wird viel gesegnet; wer aber eilt, reich zu werde», bleibt nicht ungestraft." Und der vielgeschmühte Talmud sagt einmal (Spr. d. Väter, 4, 1): „Wer ist reich? Wer sich mit dem begnügt, was ihm zu Theil geworden." Und ein andermal (ebenda 0, 4) sagt er: „Folgende Lebensiveise entspricht der Thora (Gotteslehre): „Brod mit Salz essen, Wasser mit Maß trinken, auf der Erde schlafen und kümmerlich leben; dabei aber mußt du dich mit dem Erlernen der Thora abmühen. Thust du dies, wohl dir, du hast es gut! Wohl dir in dieser Welt, du hast es gut in einer künftigen Welt." Und wer cs zu Reichthum gebracht hat, den soll der Besitz nicht stolz und übermüthig machen, denn die irdischen Güter sind nur geliehen, und wir scheiden von ihnen. „Fremdlinge und Beisassen sind wir vor dir, wie unsre Väter alle, wie Schatten sind unsere Tage auf Erden, ohne Beistand." (1. B. Chrom 29, 15.) Doch ich habe nicht die Absicht, hier einen Leitfaden für den Religionsunterricht zu geben; zudem reichen die angeführten Sätze schon hin, um zu beweisen, das; das Jndenthum am Materialismus eben so unschuldig ist, wie das Ehristenthnm. Wenn also ein Jude die Lehren seiner Religion aus dem Herzen stößt und anders lebt, so beklagen wir das, aber mit Entrüstung weisen toir die leichtfertj Behauptung zurück, daß alle Juden gewissenlos seien. Ja, heißt cs, aber die Inden haben das Geld und wenden ii immer wieder dem Handel zu, um Geld zu erwerben. Nun, ta die reichen Juden aulangt, so ist doch zu bedenken, daß die Jude Jahrhunderte hindurch einzig und allein bewegliche Gut best» durften, so daß in manchen Familien der Reichthum ein alt ererb» ist; ferner, daß auch heute noch der Grundbesitz bei den Juden twu anzutrcffen ist; und endlich, das; gerade der Handelsstand am meim Gelegenheit giebt, zum Wohlstände oder gar zum Reichthum kommen; man braucht deswegen noch kein unredlicher Mensch zu ffi Im klebrigen hat die objektive Statistik längst das Vorurtheil e» räftet, daß die Juden besonders reich seien. Was aber w Handel betrifft, so sind die Juden selbst am wenigsten dam zufrieden, daß sie auch heute noch meistens zum Handel r> urtheilt sind. In früheren Jahrhunderten hat man sie bekannt! vom Staatslcben und aller Theilnahme an den Handwerken au geschlossen und Grundbesitz ihnen verboten — und das sollen m heute im Handumdrehen — von einer Generation bis zur andern ändern? Trotzdem widmet sich bereits ein Theil der Inden d Ackerbau, dem Handwerk und der Fabrikation; den meisten aber bla kaum ein anderer Beruf übrig, als der des Kaufmanns, oder — um ja auch ein Gewerbe ist — des Arztes oder Advokaten, obgla, auch darüber viel Geschrei gemacht wird. Der Jude mag eben werde was er will, den Antisemiten macht er es nicht recht. Und dm würden Tausende dem Kaufmannsstande gern entsagen, wenn u-e sich dazu entschließen köinite, daß ein Prozent aller Beamten in m Verwaltung, der Justiz, der Schule, der Post, im Militär Jude seien. Die wenigen jüdischen Beamten, die es bisher giebt, besolen oder unbesoldete, dürften bewiesen haben, daß sie ihren christliä Amtsgenossen nicht nachstehcn, obgleich die Antisemiten ihr Anse" geflissentlich untergraben. Ist das Streben nach einem Amte, o doch gewöhnlich müßig bezahlt wird, auch Materialismus? De wäre er ja unter den Christen erst recht zu Hause. Doch genug auch hiervon. Es ist, soviel steht fest, eine Ungerechtigkeit, die Wölfe nur iii'it den Juden zu suchen; Gute und Schlimme giebt es sicherlich hüi: wie drüben, und Sache aller Gutgesinnten ist es, die unleugbare Schäden im Auge zu behalten und Mittel zu ersinnen und ai wenden, um das Gewissen jedes Einzelnen zu wecken und zu schärü und so die allgemeine Sittlichkeit zu heben. So lauge man jedm die Schuld immer nur auf Andere schiebt, sich also der wabw Erkenutnis; verschließt, wird man höchstens die Massen irreleiu und moralisch noch mehr abstumpfen, aber weder die Ehre, noch o-i Gedeihen des Vaterlandes fördern. 14 li 9 Moritz Nappaport. Von Karl Emil Franzos. IV. Das unvermnthete Ereigniß, welches dem Knaben zunächst ur das Verbleiben in Lemberg gestattete, tvar das Eingreifen der S giernng zu Gunsten der Aufklärung. Niemand hatte es mehr c> hofft. Die Tendenzen des Josefinismus wareir unter Kaiser Fro» stark verblaßt und namentlich um die Juden Galiziens kümiueri man sich nicht mehr; man könnte da ohnehin nichts ausrichtcn, lii> es, und leider nicht ohne Grund. Wären Jakob Ornstein und ifii Anhang nur etwas maßvoller gewesen, das Guberninn, hätte i» jci aaß e sing Veror fffent lannt mir g geschv llingt!>ätte Ob d nicht ■>ie w :ber nicht abbn Ornst!vurdl mglei Jöiffe: 1 \lt d chflgk M'ierli -urcht "in i iviltbt ( ^enei vebic ath MNl eine efrai oerbe -ein! icetbe nie] er lieb ne S 'landi -efrie Stuf) nacht ■uinbl tbete in:,, 'lufai n SB. maß Bitte: (v>otte (v>(an