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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-11 · Heft 46 (11.11.1892) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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544 zu klugen. Hut Rothschild jemals darüber getlagt, daß der kleine Mann, der vorn Börsenjob lebt, auch ein Bankier ist; kümmert sich Birchow durum, daß ein Magnetiseur oder Taschenspieler als Professor auftritt? Je mehr das offizielle Etikettiren des Standes anfhört, desto mehr wird die Welt fragen: Ist der Mann das, was er zu sein behauptet? Schimpfet nicht generell über die nicht Studirten! Ich habe einzelne gekannt, — allerdings waren es Ausnahmen — die mit bewundernngswerther Beharrlichkeit durch mühsames Selbststudium unter schweren Sorgen mit ihre Existenz ihrem Mangel an wissenschaftlicher Bildung abzuhelfen gewußt haben, während ich eine große Menge studirter Rabbiner kennen gelernt habe, deren wissenschaftliche Thätigkeit in der stolzen Erinnerung an ihr Examen bestand. Helfet den strebsamen Lehrern, sich fortzubilden, damit sie möglichst gut dem Bedürfnisse der Seelsorge entsprechen; ihr selbst aber suchet nicht eueren Beruf im Aequiriren von Trauungen und ähnlichen „Nebenverdiensten", sondern widmet euch den Pflichten eueres Amtes in Lehre, Humanität und Studium. So werdet ihr von selbst den Gemeinden den Beweis liefern, was der Unterschied ist „zwischen meinem Sohne und dem Sohne meines Schwiegervaters". Wie ihr aber auch denket; eines ist sicher, der Staat kann euch nicht helfen. Ohne diese Staatshilfe wäre das Gesetz nicht gekommen, welches die Gemeinden zwingt, Rabbiner anzustellen, dann wären Marschowitz und Hnngrowitz nicht auf die Idee verfallen, ihren Schächter zum Rabbiner zu machen, und so wären die verkrachten Dorfkrämer und Schadchonim „in ehrenvoller Lebensstellung" nicht euere Kollegen. Ohne das Gesetz hätte Juda Abeles aus Langewiese zur Trauung seiner Tochter oder zur Beerdigung seiner Schwiegermutter um einen Rabbiner geschickt, weil sie im Orte nur einen Lehrer haben, heute hat der Letztere Brief und Siegel darauf, daß er gerade so viel ist wie Jellinek; wozu die Auslage? Moral von der Geschichte: ilelp Wmrself! ¥ Briefe aus Uuhland. Wie bekannt, befinden sich in Südrußland mehrere Kolonien, die von Jmden bewohnt und von ihnen bearbeitet werden. Die jüdischen Kolonisten unterscheiden sich nicht im Geringsten von den andern benachbarten Kolonisten: ein Jeder besorgt selbst seinen Acker und ernährt sich von der Ernte seiner Saat. Ich sage, daß es keinen Unterschied zwischen jüdischen ntid russischen Kolonisten gäbe, es ist aber nicht ganz richtig; denn es giebt doch solche: während die russischen Ackerbauer sich fast ohne Ausnahme dem Schnaps (\vo<iki) hingeben, so daß manche dadurch endlich Zu Grunde geben, bleiben die Inden diesem Getränk ganz niid gar fern. In Rußland ist es überhaupt eine große Seltenheit, betrunkene Juden auf der Straße zu sehen; höchstens kann es nur Mal am Simchas-Thorah oder bei einer Hochzeit geschehen. Bei solcher Nüchternheit und Strebsamkeit hätte man glauben können, daß die jüdischen Kolonisten recht ruhige und vergnügte Tage genießen; leider ist es aber nicht der Fall, und meistens sehen wir gerade das Gegentheil. Tie Ursache davon läßt sich leicht begreifen: das für die Kolonisten am Anfang bestimmte Land kann jetzt nach dem Ablause von mehreren Jahrzehnten nicht mehr ausreichen. Einen Fleck, welchen früher Einer besaß, theilen mit der Zeit drei oder vier oder noch mehrere.Kinder, und neues Land können die Juden nicht erwerben. Mit andern Worten, die Juden sollen Ackerbau treiben, damit sie ihr Brod redlich und mühsam erwerben sollen,' und kein Land wird ihnen dazu gegeben. Letzteres klingt ganz pharaonisch: man giebt kein Stroh und die bestimmte Zahl Ziegel soll doch geliefert werden. Man kann in der That die Ausdauer der armen jiidischen Kolonisten bewundern, o trotz des schweren Kampfes um das Dasein nie verzagen und i kümmerliches Dasein mit Muth fortsetzen. Selbstverständlich si solche braven Kolonisten den Antisemiten Suworin, Odsimudoiv Meschtscherski und wie sie noch heißen mögen, wie Dornen in da Augen, und weil in Rußland, was die Berläumdung der Juda anbetrifft, freie Presse herrscht, so ist es kein Wunder, wenn die antisemi tischen Zeitungen die Kolonisten stets verläumden und verspotten. „T Juden, „heißt es", verstehen nur Wucher zu treiben; keiner von ihn aber will den Pflug ergreifen, die Aecker in den Kolonien lieg verödet und unbebaut re." Zwar haben die Kolonisten mehrmals öffentlich die ihnen : geschriebenen Laster abzuwülzen und die Antisemiten Lügen strafen versucht, aber nichtsdestoweniger verharrten die Berläumin ihrer Unverschämtheit, und bei jeder Gelegenheit wiederholten >i ihre Lüge, da es doch schon mehr als bekannt ist: audacter calum niare, semper aliquid liaeret. Nun aber haben die Antisemit einen Hieb bekommen. Der Minister Ostrowski unternahm jetzt e:i Reise nach Südrnßland, und unterwegs besuchte er verschied-! jüdische Kolonien. Shit 17. September, erzählen verschied.! Zeitungen, ist der Minister Ostrowski mit dem Zuge auf d Station Dobreo eingetroffen, wo ihn mehrere hohe Beamte, m auch der Ober-Rabbiner der sämmtlichen Kolonien, Herr Blumenfel erwarteten. Nachdem Herr Blumenfeld in kurzen aber kräftige Worten den Minister im Namen aller Kolonisten begrüßte und e Hoffnung, welche dieselben auf ihn legen, erklärte, begab sich Minister nach der Kolonie Kaminka, wo er Alles sorgfältig betracht! Bon dort fuhr er per Kutsche nach den Kolonien Nowopodem Nowowitebsk und besuchte in letzterer die Schule, wo er die Schm selbst prüfte. Die Knaben zeigten Fleiß und gründliche Kenntim in den Schulgegenständen, wofür der Minister dem Lehrer Jsats! freundlichst dankte. Bon Nowowitebsk begab er sich nach der Kolo-! Nowokowno. Ot fielt, i Bei Ob;l’b, ka ußlani .anche •t Jut! ließlic i diese! würd rsch v ele, d ich, n lobt 2 uer, z von;'te S em ,F rliz 0 v seit gentii ii 50( reit sii ■? Bai mberc Wi ldet, ch fn rden. niveri chme, oer i Ans diesem Wege begleiteten ihn, außer den hohen Beaun i j noch 30 jüdische Reiter von den Kolonisten, mit denen er >i<! freundlich unterhielt und die er mit seinen Worten ermunterte. %\i | in Nowokowno zeigte der Minister den Einwohnern das greck j Interesse: erbesuchte die Felder, die Scheunen, überzeugte sich seih 1 von dem jüdischen Fleiß, manchen überraschte er sogar in fci:ie! armen Wohnung, wo er Alles sauber und in Ordnung fand. Km! überall zeigte Ostrowski seine Zufriedenheit, und vor der Abtei' i bedankte er sich bei sämmtlichen Kolonisten, wie auch bei Heu j Rabbiner Blumenfeld. Die armen Kolonisten, die nie ein gmc Wort zu hören bekamen, waren bis zu Thränen gerührt, und m lange werden sie an diesen freudevollen Tag denken, j Nun aber haben die Antisemiten durch die Presse auf m! Publikum so viel Einfluß, daß der Minister seinen eigenen Aum! nicht Glauben schenken wollte, und obgleich er öffentlich den jüdis Kolonisten dankte, hegte er doch im Innern den Verdacht, daß l'l; Felder von den benachbarten russischen Kolonisten besorgt werm | Endlich kam Ostrowski nach der russischen Kolonie Koralowka. - er bei den Einwohnern nach ihren Berhültnissen sich erkundigte, ciln1! sich von allen Seiten die Klage, daß ihr Land die Kolonisten i | ernähren nicht tut Stande ist. j Tann könnt ihr doch Land von den benachbarten Juden packnm! meinte der Minister.! Die Juden bearbeiten ihr Land selbst, antworteten die Baim! erbittert.! Verstehen denn die Juden Erde zu bearbeiten? fuhr der Minist I in seinen Fragen fort. o rr tyi - .traul Tifnah oit er i n Ko!■■ einst mim, t o ut sl 'i gentii : Her ö!NlU Hö .■n ü ■’;1 lei' Ocrbl ' behc i ligion ltci* iiiitbe uo sol *• Jud -halb

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