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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-04 · Heft 45 (4.11.1892) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 45 (4.11.1892)
Date
1892-11-04
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Der König von Württemberg hat den Hinterbliebenen des Kirchenraths Dr. von Wassermann nach Kenntnißnahme von dessen Hinscheiden seine aufrichtige Theilnahme bezeigen lassen. Letzten Sonntag fand in der Synagoge hier ein feierlicher Trauer-! Gottesdienst für den Verstorbenen statt, der sehr zahlreich besucht war.! Rabbiner Dr. Stößel hielt die Gedächtnistrede. Oesterreich - Ungarn. ZA Wien, 30. Oktober. Heute ist in Wien der Pädagoge und Schriftsteller Dr. Gerson Wolf nach längerem Leiden im siebzigsten Lebensjahre gestorben. Mit ihm ist ein Mann von seltenem Meiste, chrlicher Begeisterung und ernstem litterarischen Streben dahingeschieden. Der, weil er nach zweifacher Richtung, als Lehrer und Schriftsteller, viel- -eitig sich durch eine lange Reihe von Jahren bethätigte, zu den bekannicftcn Persönlichkeiten unserer Stadt und unserer Gemeinde gehörte. Am i(>. Juli 1823 üt Holleschau in Mähren geboren, hatte der Verstorbene cine Jugend voll Mühe und Drangsal durchzumachen, bis es ihm gelang, sich aus der Enge der Fach-Studien zur Höhe moderner Lebensmschauung emporzuarbeiten und durch wissenschaftliche Studien sich eine pachtete Stellung im litter.irischen Kreise Wiens zu erkämpfen In mngen Jahren kam er nach Wien, und seine schriftstellerische Thätigkeit nachte ihn hier bald wiederholt in Konflikt mit den Behörden des ab- 'oluten Regimes. Er sollte unter Melden ausgewiesen werden, wurde pater (1852) vor ein Kriegsgericht gestellt, und weil in Folge Denuniation bei einer Hausdurchsuchung verbotene Bücher bei ihm gefunden worden waren, fast er vier Wochen im Gefängnis;. Auf diese Weise, non seiner litterarischen Thätigkeit abgedrängt, widmete er sich dem Mehrfache. Seine Schrift „Ueber das Volksschulwesen" lenkte 1851 die .Aufmerksamkeit der Schulmänner auf Wolf, der bald darauf seine rbätigkeit als Lehrer an verschiedenen israelitischen Schulen begann. Mn Jahre 1852 erwarb er den philosophischen Doktorgrad an der Wiener Universität, und volle vierzig Jahre wirkte er als jüdischer Religionslehrer, und ganze Generationen lernten ihn als ihren Lehrer chätzen In dieser Eigenschaft hat er auch eine Reihe von vortrefflichen Lehrbüchern geschaffen. Die Zahl seiner selbstständig erschienenen Werke ist bedeutend. Mit besonderer Liebe forschte er in der Zeitgeschichte der Kaiserin Maria Theresia und des Kaisers Josef. In Zahlreichen Tagesblättern und Fachschriften hat er Beiträge zur Kenntnis jener Zeit-Epoche veröffentlicht Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wien und der Juden in Oesterreich war sein Hauptfach. Die Schriften, die er nach dieser Richtung heransgegeben, haben dauernden Werth und sind grundlegend geworden. Die „Allgemeine Zeitung I l es Judenthums" verliert in Gerson Wolf einen ihrer ältesten Mit- Arbeiter und treuesten Freunde; er war 40 Jahre ihr Wiener .Korrespondent, und zahlreiche geschichtliche Arbeiten aus seiner Feder sind wer zuerst erschienen. Möge das Andenken des edlen Mannes ein ge- 'egnetes sein und bleiben! * Wien, 30. Oktober. Die katholischen Oberhirten Oesterreichs laben am 20. Oktober an den Kardinal-Erzbischof D r. G r u s ch a nläßlich der gegen ihn von antisemitischer Seite gefallenen Angriffe ein j 5 chreiben gerichtet, worin sie ihn ihrer Theilnahme versicherten. In j cmselben heißt es: „Mit innigster Theilnahme und tiefstem Schmerze! verfolgen die . . . Bischöfe die schweren Kränkungen, die Ew. Eminenz j 'auettg wiederholt, namentlich in den letzten Tagen in unqualifizirbarer j Weise zugefügt worden sind, wobei man noch vermeinte, durch ein der-!! .rtiges Vorgehen der heiligen Sache des Ehristenthums einen Dienst zu z c weisen." Unterzeichnet war dieses Schreiben: „Franz Kardinal Schön-! orn, Fürsterzbischof von Prag. Johann Baptist Zwerger, Fürstbischof '.'on Seckau. Mathäus Joseph Binder, Bischof von St. Pölten. Franz ^alesius Bauer, Bischof von Brünn. Jacob Missia, Fürstbischof von caibach. Franz Salesius Doppelbauer, Bischof von Linz. Joseph Kahn, Fürstbischof von Gurk." Der außerordentliche Akt dieser Kondolenz wird erklärlich durch die besondere Niedertracht der dem Kardinal zuzefügten öffentlichen Beleidigung des antisemitischen Abgeordneten Schneider. ■A- Prag, 20. Oktober. Das Begräbniß des Regierungsrathes llniversitätsprofessor Dr. Saul Jsak Kämpf gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der wahren Herzenstrauer unserer altehrwürdigeu Gemeinde. Am Montag, den 17. d Mts., hielt der Borstaud der Tempelgemeiude eine Sitzung ab, in welcher das Programin der Trauercereinonien festgesetzt werden sollte. Der Präses der Kultusgemeinde, Advokat Dr. Arnold Rosenbacher, und dessen Stellvertreter Landesschulrath Dr. Ludwig Bendiner sowie der Obmann der Chewra Kadischa Herr David Lieben waren zu dieser Sitzung geladen und erschienen. Der Herr Präses hatte bereits am Sonntag, als in einer Sitzung der Kultus-Repräsentanz das eben erfolgte Ableben Kämpfs > bekannt geworden war, dem großen Mann einen warmen Nachruf gej widmet und dann die Sitzung aufgehoben. Auch in der Sitzung des! Tempelvorstandes fand die Bedeutung Kämpfs in warmen Worten des! ersten Vorstehers Herrn M. Neustadl, eines Neffen des seligen Seminar-? direktors Dr Z. Frankel, volle Würdigung. Ueber das Programm der! Feierlichkeit und über die zu haltenden Reden fand eine Einigung statt, j Dienstag Nachmittag präzise zwei Uhr ertönten im schlicht und würdig! dekorirten Tempel die dumpfen Töne der Orgel, welche den Beginn der! Feier ankündeten. Ans dem Emporium vor der Kanzel stand der schlichte! Sarg mit einem einfachen schwarzen Tuch bedeckt. Die Trauergäste, die I das herrliche Haus in allen seinen Räumen füllten, gehörten den ersten j Kreisen der Prager Gesellschaft an. Der Rektor der deutschen Univer-! sität Professor Sachs und Dekan Professor Krasnopolski, von der cze-; chischen Universität Professor Palacky, der Präses der Kultusgemeinde! Dr. Rosenbacher, Landesschulrath Dr Bendiner u. A. m. Nach Absingen | eines vom Verstorbenen für solche Anlässe gedichteten Ehorals: „Erhebe z Seele, deine Schwingen", bestieg der Nachfolger Kämpfs, Dr. Gelbhaus,! die schwarz drapirte Kanzel und widmete dem Manne, der fast ein | halbes Jahrhundert an dieser Stätte gelehrt hatte, einen warmempfundenen Nachruf. Mit stellenweise von Thränen erstickter Stimme gab er ein Bild des Lebens und Wirkens des großen Meisters, der, ein würdiger Nachfolger von Zunz und Sachs, dauernd an dieser Stätte weilte, während diese nur vorübergehend ihr Licht hier strahlen ließen. Wenn er während seines ganzen Lebens wie die Wolkensäule führeno vor dieser Gemeinde einhergezogen sei, so habe er sich am Abend gleich der Feuersäule schützend hinter dieselbe zurückgezogen, um sie nun unter anderer Führung zu beobachten und ihre Zukunft zu sichern. Nach einem Schlußchoral wurde der Sarg aus dem Tempel auf den Leichenwagen gehoben, der zum „Badhofe" fuhr, wo nach alter Sitte die Prager Rabbiner Leichenreden halten. Hier bestieg Oberrabbiner Dr. Ehrenseld im ''Aufträge der Kultusrepräsentanz die Kanzel und widmete dem würdigen Amtskollegen, der auch Gemeinderabbiner gewesen war, einen warmen Nachruf. Er sprach dem beweinten Führer der Tempelgemeinde die drei Kronen zu, von welchen unsere Eilten sprechen. Die Krone der Gelehrsamkeit, die Krone des Priesterthums und die Krone der Regierung (von welcher er zum Regierungsrath ernannt worden sei) Ueber alle diese gehe aber die Krone des guten Rufes und auch diesen erkenne er dem Verstorbenen zu. Der Vortrag war von den Zuhörern tiefbewegt angehört worden, und auch die Stimme des Oberrabbiners zitterte und bebte merklich. Nun fuhr der Leichenzug durch die Stadt dem neuen Friedhofe zu. Auf dem langen Wege bildete das Volk überall in dichten Reihen Spalier, durch welches der schier endlose Kondukt sich dem Noßthor zu bewegte. Auf dem neuen Friedhofe wurde der Sarg von Vorstehern und alten Mitgliedern der Tempelgemeinde in die Halle getragen, wo der Oberrabiner-Stellvertreter Dr. Tauber die Kanzel bestieg und eine ergreifende Leichenrede hielt. Anknüpfend an eine alte Diebe, die nach dem Tode des Rabbi Elieser ben Duma diesem nachrühmte, daß ereilt Meister der Lehre, der Tradition, der Beredtsamkeit und der Dichtung gewesen sei, entwickelte er nach diesen Schlagworten ein treffliches Bild des Wirkens Kämpfs. Nach Dr. Tauber bestieg Dr. Kisch, Rabbiner an! der Meiselsynagoge, die Kanzel und hob in ausgezeichneter Rede als Ruhm und Verdienst Kämpfs, anknüpfend an den Midrasch zum Verse: „Raum schaffen wird Gott dem Japhet und er wird wohnen in den Zellen Sem's", hervor, daß er zur ThoraSems die Formenschönheit und Beredtsamkeit Japhets in sein Gotteshaus eiugeführt habe. Nachdem noch Rabbiner M. Stark aus K. Weinberge als Schüler des Heimgegangenen einige Worte des Dankes gewidmet hatte, wurde der Sarg unter den rituellen Gebräuchen und üblichen Gebeten in das Grab gesenkt, und Prag hatte den letzten Mann aus seiner großen Zeit in die Erde gebettet. Friede seiner Asche!

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