Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Frankreich. LAz Parier, 27. Oktober. Der Prozeß des Oberrabbiners Schu hl gegen Drum out, den Herausgeber der „Libre Parole", findet am 9. Nov. vor dem Gerichtshof in Vesoul statt. Die Entschädigungssumme, welche Herr Schuhl eingeklagt hat, beträgt 20,000 Frcs, sowie die Kosten der Veröffentlichung des Urtheils in 02 Zeitungen. — Die Beerdigung des hier verstorbenen Schriftstellers Albert Millaud fand am letzten Montag auf dem israelitischen Friedhof des Montmartre statt. Rabbiner Mayer hielt die Leichenrede, in der er den Verdiensten des Verstorbenen Gerechtigkeit widerfahren ließ. — Am 4. Dezember finden die Ergänzungswahlen Zu den französischen Konsistorien statt. Es sind augenblicklich zehn Stellen in sieben Konsistorien erledigt. Nulzland. OO Petersburg, 15. Oktober. Bei Gelegenheit der Reise des Ministers der Staatsdomänen nach dem Süden behufs Besichtigung der jüdischen Kolonien, hat ein israelitischer Schriftsteller, Herr L. Finkelfteiit beschlossen, die israelitischen Kolonien gleichfalls zu bereisen, um authentische Informationen über ihre Lage zu sammeln. In der Septembernummer des Woschod hat er den ersten Theil seines Berichtes veröffentlicht. Anbei einige Auszüge daraus. „Die meisten Kolonien des Bezirks Kherson wurden im Jahre 1804 gegründet. Sie haben ans verschiedenen Gründen kritische Zeiten durchgemacht. Unerfahrenheit der Kolonisten, Mangel an Mitteln, ungenügendes Rindvieh. Hungersnoth, unzweckmäßige Verwaltung :c. Tie Kolonien des Bezirks Ekaterinoslaw staunnen aus der Regierung von Nikolaus I. Nach der Verordnung von 1841, welche diese Kolonien organisirt, sind jeden: Kolonisten 40 Desiatinen Bodenfläche Angewiesen. In Wirklichkeit erhielten die Kolonisten ein jeder nur 00 Desiatinen, 10 Desiatinen wurden zum allgemeinen Nutzen der .Kolonie reservirt. In Folge der großen Zunahme der Kolonisten, deren Familien sehr zahlreich waren, waren die 00 Desiatinen bald unzureichend. Die Kolonisten erbaten nun, bald vereint, bald einzelne, die 10 Desiatinen für jede einzelne Familie verwenden zu dürfen, jedoch vergebtich. Im Jahre 1808 setzte dies die Kolonie Grafskaya durch, doch ist sie die einzige unter den 17 Kolonien des Bezirkes Ekaterinoslav geblieben, deren Kolonisten mehr als dreißig Desiatinen besitzen. Nun hatten aber die Kolonisten die Möglichkeit, Grundstücke, die anderen Besitzern gehörten, in Pacht oder Verwaltung zu nehmen. Das Gesetz vom 0. Mai 1882 hat bestimmt, daß es den Inden verboten sei, ländliche Besitzungen in Pacht oder Verwaltung zu nehmen. Dieses Gesetz war ein furchtbarer Schlag snr die Kolonisten." Ueber das Resultat der genannten Reise wird gemeldet, der Minister sei ganz erstaunt über den vortrefflichen Zustand der Kolonien gewesen: er äußerte wiederholt, er habe gefürchtet, die Kolonien beständen eigentlich nur auf dem Papier, und freue sich, daß er sich getäuscht habe. Die Kolonisten erklärten sich mit der Lage sehr zufrieden, nur eins sei mißlich: daß sie nämlich zu wenig Land hätten. Der Minister rieth ihnen, ihre Besitzungen durch den Ankauf von Kronländereien zu vergrößern. Die Juden entgegneteu, das Gesetz gestatte das nicht. Der Minister versprach dann, in dieser Sache sein Möglichstes zu thun und meinte, zum Kurator sich wendend: „Mit einer Bevölkerung von 7000 Köpfen kann man nicht Spaß treiben, ich werde für Sie sorgen." X Odessa, 11. 20. Oktober. Soeben kehre ich von einer erhebenden Feier zurück. Es wurde das schön erbaute Haus für die „Ta l mud - T h o ra" feierlichst eingeweiht. Gegen 2 Uhr Nachmittags versammelte sich ein zahlreiches Publikum: wir erblickten unter den Anwesenden den Stadthauptmaun Geuerallieutenant Seleny, den Bürgermeister Geheimrath Marasly, dessen Stellvertreter Prof. Ligin, mehrere Stadträthe, viele christliche und jüdische Stadtverordneten, den Dozenten der Universität Tr. Hochmann, Vertreter der Schulbehörde und sehr viele hervorragende Bürger unserer Stadt. Der feierliche Akt der Einweihung begann mit einem Ehoral unter Leitung des bewährten .Kantors Minkowsky. Atsdann hielt der Rabbinatsverweser Eichenwald eine kurze Rede und sprach das Gebet für das Heil Sr. Majestät des Kaisers und der kaiserlichen Familie, woraus die Nationalhymne intonirt wurde. Hierauf begaben sich die 'Anwesenden in einen sehr geräumigen Saal, mit dem Bildnis; Sr. Majestät des Kaisers geschmückt, woselbst den Gästen Champagner servirt wurde. Den Reigen der Trinksprüche eröffnete der Stadthauptmanu Seleny auf das Wohl Sr. Maj. des Kaisers und seiner Familie. 4 j Der Vorsitzende des Kuratoriums Banqnier Dinin trank die Gesundheit des Stadthauptmanns. Staatsrath Dr. Finkelstein leerte sein Glas auf das Wohl des allgemein verehrten und beliebten Bürgermeisters. Generallieutenant Seleny brachte einen Toast auf die hiesige jüdische Gemeinde sowie auf den Direktor und Lehrer der „Talmud-Thora" aus. Banquier Chayes erläuterte in seinem inhaltreichen Trinkspruch, der dem Damenkomitee galt, welches sich mit der Verpflegung und Beköstigung der armen Schüler beschäftigt, die Bedeutung der Talmud-Thora. Rechtsanwalt Morgulies gab einen historischen Rückblick über die Entstehung dieser! Lehranstalt und hob namentlich hervor, welche wesentlichen Verdienste sich der Heimgegangene, humane Pirogoff um dieselbe erworben. Es folgten Toaste auf das Wohl des Kurators des Lehrbezirks Solsky, auf Prof. Ligin, die Damen und auf alle Diejenigen, die zum Bau dieses Hauses beitrugen. Die erste Idee zum Bau eines eigenes Hauses gaben der verewigte Vorsteher Felix Trachtenberg und der noch jetzt wirkende David Kohan Den Grundstock im Betrage von 2000 Rubel gab der verewigte, unvergeßliche Dr. Schwabacher, der auch seine reichhaltige Bibliothek dieser Anstalt vermachte. Das Haus besteht aus einem dreistöckigen Gebäude mit einer schönen Fcwade. Was uns besonders gefallen hat, ist, daß in alten Räumen für Luft und Licht gesorgt ist. Von Nah und Fern. In O sterode lOstpr.» fand am 17. Oktober die Grundstein leguug zu einer neuen Synagoge statt. ''Ansprachen hielten der Prediger Herr Sturmann, der Bürgermeister Herr Elwenspöck und der Vor steher Herr Iakoby. — Das Fest der goldenen Hochzeit feierte am 28. v. M. der Kaufmann Ascher Levy in Polzin und seine Gemahlin in: Kreise ihrer Kinder, Enkel und zahlreicher Anverwandten. Im Auf trag des Kaisers überreichte Herr Rabbiner Tr. Goldschmidt aus Colberg dem Jubilar die goldene Ehejubiläums-Medaille. — Ein deutschs oziale: Verbandstag für die Provinz Schlesien fand am 22. und 20. Oktober in Breslau statt. Der Geschäftsbericht gab die Zahl der Verbandsvereine auf 17 mit einer Mitgliederzahl von 600 an. — Im Verein für jüdische j Geschichte und Litteratur zu Köln hielt am Montag den 24. Oktober z Herr Dr. Gustav Karpeles einen Vortrag über den „Einfluß de: z Juden auf die Weltkultur". — Dem Kaufmann Herrn Adol>! Schlesinger in Düsseldorf ist das Exequatur als Konsul der Republik! Salvador ertheitt worden. — Mittwoch den 2. November hat in! Leipzig eine zahlreich besuchte Versammlung jüdischer Männer behufs! Bildung eines Litteraturvereins stattgefunden. — Eine Beschwerde j wegen Verbotes der Bildung eines Vereins von Anhängern Engen! Dü hrings in Wien wurde vom dortigen Reichsgericht verworfen, weil j die Schriften Dührings Eingriffe auf das Judenthun: wie auf das | Christenthum enthalten. — Eine vom „Volksverein Fünfhaus'! (Wiener Vorortl auf jüngsten Sonnabend veranstaltete Versammlung, in j welcher Herr Stöcker aus Berlin auftrcteu sollte, ist polizeilich unter! sagt worden. — In einer Generalversammlung der Tro ppauer israel-; Kultusgemeinde wurde der Bau einer vierklassigen Volksschule beschlossen.; — „Przyszlosc" nennt sich eine neue Zeitschrift in polnischer Sprache, j welche in Polen und Galizien für die täglich an Boden verlierend i Sache der „Jüdisch-Nationalen" neue Propaganda machen soll. - Herr S. M. Hornstein, Ober-Sergeant im ersten Regiment der fran! zösischen Fremdenlegion, hat für Tapferkeit im Kriege gegen Dahome-! eine besondere Auszeichnung erhalten. — Eine Gesellschaft junge: Damen in Cleveland (Opo.) hat den Entschluß gefaßt, ein Hospital zu errichten, da die jüdische Gemeinde Clevelands keine solche Anstalt be sitzt. Die Gesellschaft hat bereits den Anfang zu diesem Zwecke gemack >; in einem kleinen Feste, wobei eine nette Summe Geldes erzielt wurde. - Die Universität zu Chicago hat einen Lehrstuhl für Talmud eingc richtet und Herrn Rabbiner Hirsch als Professor für diese Disziplin angestellt. — Neuere Reisende berichten, daß in Travaneor (einem Staate in Nordiudien) eine Rasse weißer Juden lebe, so genannt wegen der vollständigen Weiße ihrer Haut und ihrer Haare. Sie waren einst u:als sehr zahlreich; gegenwärtig aber sind sie auf eine Anzahl von nur 200 Seelen zurückgegaugen. Sie bewohnen für sich allein einen Stadl! theil im Städtchen Cochin, an der Küste von Malabar. Druck uno Vertag von 'Audvts Mo Ne m Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchlvik in Berlin.