Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- Seite 540 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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540 Was das Gebet i;2*7D 12'3K betrifft, so giebt uns zunächst Trakta Taanith 25 II darüber Aufschluß, daß, nachdem eiumal ein längeres Gebet von R. Elieser behufs Regen von Gott unerhört blieb, R. Akibah zwei kurze Gebete, jedesmal mit dem Anfänge von 132^/3 i^2X dann verrichtete, worauf der ersehnte Regen niederströmte. Im anonymen, nichtsdestoweniger berühmten Werke 12*73 wird uns diesbezüglich Folgendes mitgetheilt: Einst veranstaltete man ein besonderes Fasten, was aber nichts fruchtete. Dann kam R. Akibah und sprach zwei kurze Gebete — die mit denen vom Talmud nicht ganz übereinstimmen — mit den Anfangswörtern 1)2*7,3 H3N, was sofort geholfen hat. Als die Zeitgenossen R. Akibah's auf diese Weise von der Erhabenheit dieser Gebete erfuhren, fügten sie noch Verschiedenes bei und bestimmten diese Gebete für die 10 Bußetage. Soweit im Kolbo, Abschnitt ,-jj£7T Im yiH *118, Abschnitt 2"nr soll es nun Vorkommen: ^2 p!?'H- Die Zahl von 2"-- also stimme mit der von pjj'H überein, was ich aber nicht herausbekommen kann. Den 21*1' T1K besitze ich leider nicht. Hingegen heißt es im 2"N filwtT “HTO Edition Livorno 604, im I. Theil p. 9911: rD^pj? '2^ *7"n J3"K 'i SOJ223 fcWTfcHD HD"1 F]D'n Dies erkläre ich mir folgendermaßen: Die Zahl von *p2*7 l)8Dn 123*7)3 H2K stimme mit der Zahl von HD'' ^31^ N3^pd-1 überein; die Zahl beider ist 479. Nach dem Talmud aber hat R. Akibah das *pD*7 12SDH gar nicht gesagt. Es sei denn, daß vor dem Autor vom 2'H *iuni3, das thalsächlich ebenso viele interessante Textkritiken und auf den Text sich beziehende Vorschriften al^ Gebete enthält, eine andere Lesung vom Talmud, die mit dem Kolbo übereinstimmt, Vorgelegen hat; oder es könnte auch sein, § daß das erste p"n 2"8 von Anderen herrührt, wie es der Kolbo uns niittheilt, wobei zugleich mit diesem Anfang angedeutet wurde, daß NO' rpT '] rrrrpn' daß R. Akibah zuerst Gott mit IX augerufeu. Zum Schlüsse sei noch hier bemerkt, daß nicht nur das „Vaterj unser", | oltbern auch das gleich darauf folgende „der du bist im Himmel" schon recht lange unser alltägliches Gebet ist, und zwar gleich am Anfänge unseres Morgengebetes, nach dem sogenannten Klein flKHp, im zweiten 81N 7171--, wo wir beten „C^3t3313 Auch dieses Gebet eitirt Maimonides, und findet es sich in sämmtlichen Riten vor, ein Beweis, daß es schon lange eingeführt sein müsse. Hochachtungsvoll Rabb. Tr. M. A. v Geehrte Redaktion! In Nr. 42 Ihrer geschätzten Zeitung bringt Herr Dr. Fink das Fasten am Versöhnungstage nochmals zur Sprache und kann sich über die Ansicht des Herrn Dr. A., daß das Fasten in epidemischen Zeiten aufzuheben sei, noch nicht beruhigen. Herrn Dr. Fink beliebt es nicht, in eine medizinisch-wissenschaftliche Diskussion einzutreten. Er wird mir aber eine solche auf dem Gebiete des Talmud gestatten: Es ist bekannt, daß unsere Vorfahren das Fasten am Versöhnungstage nicht nur bei Krankheitsfällen, sondern auch bei freudigen Ereignissen beseitigten. Bei der Einweihung des Salomonischen Tempels — so erzählt der Talmud: Moed Katan 9. A. — wurde am Versöhnungstage nicht nur ein kleiner Imbiß genommen, sondern — gegessen und getrunken, wie es bei einem fröhlichen Festgelage Sitte ist. Die Vorstellung, daß Gott durch das Fasten versöhnt wird, ist in Jesaias 58, 8 fl. ausdrücklich widerlegt. Noch deutlicher in Zacharias 7, 5. Diese kräftigen Citate aus den Propheten und dem Talmud werden wohl alle Zweifel beseitigen. Lissa i. P., den 23. Oktober. Falk Goldschmidt. d In den in 9h. 44 dieser Zeitung abgedruckten „Erinnerungen an Henriette Herz" ist die Rede von einem Liede zu Henriettens Hochzeit, welche am 1. Dezember 1779 stattfand, dessen Verfasser sich hinter den Initialen G ..... z versteckt. Sie halten für den Verfasser dieses Gedichtes Dr. Aron Salmon Gumpertz, den Lehrer Moses Mendelsohns. Möglich, daß ein Gumpertz jenes Gedicht verfaßt hat; von Dr. Aron Salomon Gumpertz rührt es gewiß nicht her, denn dieser hat mehr denn zehn Jahre vor Henriette Herz's Verehelichung das Zeitliche gesegnet: er starb im März 1769. S. d. „Allg. Zig. d. Jdths.", 1889. S. (52 f. Budapest, den 30. Oktober. Dr. Kapserling. Miscellen. * Mit Albert Millaud, der an einer Lungenentzündung am 23. Oktober gestorben ist, ward einer der geistreichsten und glänzendsten Mil arbeiter der Pariser Presse und insbesondere des „Figaro" zu Grabe ge tragen, zu dessen letzten überlebenden Theilhabern er zählte. Millaro war ein geborener Journalist, ein Journalist von Gottes Gnaden. Er gehörte zu den in Frankreich nicht ganz seltenen Persönlichkeiten, diAnn einem Fuß in dem zerstreuenden Lärm und Gewirr der Tagespresse stehen und mit dem andern sich auf dem ruhigen, festen Boden zu behaupten vermögen. Seine unausgesetzten täglichen Zeitungsbeiträge verleugneteu nie den litterarischen Zug seines Wesens und seine schriftstellerischen Er zeugnisse waren stets getränkt von der sprudelnden, perlenden Frische der stets sich verjüngenden, erneuernden Gegenwart. Sein Vater, Moseauch Polydore Millaud genannt, war der Gründer des „Petit Journal'. Der Sohn brannte, kaum den Schulbänken entronnen, schon mit 17 Jab ren vor Begierde, sich mit der Feder in das Zeitungsgewühl der Haupt stadt zu stürzen. Mit zwanzig Jahren sandte ihn sein Vater in dir Provinz, um mit Arthur Meyer, dem heutigen Leiter des „Ganlois", au der Verbreitung des „Petit Journal" zu arbeiten. Mit 23 Jahren brachte Millaud den unvermeidlichen Band Gedichte, die Fantaisies de Jeunesst. an die Oeffentlichkeit. Er besaß ein zierliches, anmuthiges, poetische - Talent und spielende Verse strömten mit beispielloser Leichtigkeit au* seiner Feder. Durch sprühende satirische Verse über politische Tages ereignisse erwarb er sich auch zuerst einen Namen in der Pariser Presst, anfänglich im „Paris Journal" und später im „Figaro". Im letzteren Blatte schrieb er dann anfangs der siebziger Jahre einen regelmäßigen zusammenfassenden Parlamentsbericht, der von lustigem Spott und geist reicher Neckerei überströmte, von den Lesern verschlungen wurde und jahrelang eine der beliebtesten Gaben des vielseitigen Blattes bildete Auch auf dem Theater eroberte er sich als Verfasser übermüthiger Pa riser Possendichtungen, wie Lili, Niniche, La Femme ü Papa, Made moiselle Nitouche und der beiden feinen kleinen Stücke Le Peche veni< l und Plutus, von einzelnen Operettenbüchern zu schweigen, Beifall, Rai und klingenden Lohn. Die genannten Stücke wurden unter der Mitarbeit erfahrener Bühnenzimmermeister hergestellt und die Possen der Judit auf den Leib geschrieben, aber ihre lustige, anmuthige Pariser Anzüo lichkeit trug bis in alle Kleinigkeiten hinein den Stempel von Millaud* geistiger Eigenthümlichkeit. Sie behaupteten sich undenkliche Zeiten aus der Pariser Bühne, sie machten das Glück zweier Theater, sie eilten im Siegeslauf durch die civilisirte Welt, sie wurden in Paris wieder und wieder aufgeführt und mit Jubel ausgenommen und brachten Mi! laud ungezählte Summen Geldes ein. Seit mehreren Jahren hatte sich Millaud aus dem Strudel des stürmischen Pariser Lebens in ein ruhigeres Dasein zurückgezogen, seit etwa fünf Jahren war er in Folge eines quälenden Leidens, neuralgischer Gesichtsschmerzeu, dem Morphinismus anheimgefallen. Bor kaum einer Woche, so erzähl man, erhielt er von einem gefälligen Apotheker 14 Flaschen des zem störenden Giftes zugesandt und zahlte eine Rechnung von 1000 Franken ausschließlich für das Chloralhydrat, dessen er sich bediente. Gearbeitm, geschrieben hat er bis zum Ende. Eine schwere Lungenentzündung Hel dem zerrütteten Organismus, der keine Widerstandskraft mehr besaß, in ein paar Tagen den Tod gebracht, aber man kann sagen, Millaud ist im Harnisch gestorben, denn vor fünf Tagen erschien er mit seiner letzten Arbeit in der Redaktion des „Figaro" und am kommenden Montag soll.e ein neues Stück von ihm zur ersten Aufführung gelangen. Auf seinem Sterbelager bat er, man möge die Aufführung und seine Beerdigumt nicht auf denselben Tag fallen lassen und ihn ohne die dem Ritter d. r Ehrenlegion znkommenden militärischen Ehren bestatten. Millaud war ein Jude und hatte aus seiner Abstammung nie ein Hehl gemacht. Er war ein kleiner, gedrungener Mann mit rothem Gesicht, ein offner, harmloser Charakter, voll Witz, aber ohne verletzende Schärfe. Dem kämpfenden Parteijournalismus hatte er lange entsagt, aber keiner habe eine so glückliche Hand wie er, wenn es galt, einer politischen Angelegen heit durch eine Phantasie-Unterredung oder sonst durch eine lustim' Erfindung aus freier Hand die scherzhafte Seite abzugewinneu. Millaud ist 48 Jahre alt geworden. Die Leser wie die Leiter de.' „Figaro" werden seine Beiträge schmerzlich vermissen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.