Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-04 · Heft 45 (4.11.1892) · p. Seite 538

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 45 (4.11.1892)
Date
1892-11-04
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227977--49253-3269935
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

538 Ver Schulklopfer. Eine wahre Geschichte aus einem kleinen rheinischen Städtchen. Es sind wirkliche Thatsachen, die ich berichte, lieber Leser. Keine Geschichte der Vergangenheit aus dem jüdischen Ghetto will ich erzählen, sondern eine kleine Skizze aus einem kleinen Städchen nicht weit von unserem lieben Köln, zu der ich das Material vor nicht langer Zeit sammelte. Freundlich ist unser Städtchen gelegen. Ein Nebenflüßchen des Rheines bildet nach der südlichen Seite seine Grenze, ein schöner Wald begrenzt es nach Norden, der schöne Ausblick aufs Siebengebirge lohnt die sich weitansdehuenden Spaziergänge in seinen wohlgepflegten Anlagen, und ein Berg, von einer alten Burg und schönen Baumgruppen geschmückt, bildet seinen Mittelpunkt. Traulich schmiegen sich die alten Gassen des Städtchens an den Fuß dieses Berges, traulich grüßt der schöne mit Linden geschmückte Marktplatz den Fremden, n»d eine katholische und protestantische Kirche laden ihre Gläubigen zum Gebete ein. Es ist Samstag; reges Leben herrscht in den Kaufläden und auf dem Markte, und nur eine Straße, die in den Marktplatz mündet, athmct tiefe Ruhe. Die Läden sind geschlossen, geputzte junge Mädchen und junge Männer wandern auf und ab, und die Gebetbücher in der Hand, sieht man fromme Beter zur Synagoge wallen, die, durch einen Borhof und ein eisernes Thor von der Straße getrennt, fast in deren Mitte liegt. Wir sind im Judenviertel. Nicht in einem mittelalterlichen, in dem der Zwang die geplagten jüdischen Mitbürger cinspcrrte, sondern in einem freiwilligen. Durch Zufall und Gewohnheit lebt fast der größte Theil der Inden des Städtchens in dieser Straße vereint, und dieses verleiht ihr des Freitag Nachmittags und Samstags ihr eigenthümliches Gepräge. Eine Gestalt ist es aber, die uns vor allen anderen auffällt. Ein altes verwittertes Gesicht, aus dem ein Paar Augen blicken, die halb verschmitzt, halb gutmüthig ausschaueu, öffnet die Pforten der Synagoge. Es ist dies der Schamnies oder Synagogendiener, der seit mehr denn einem halben Jahrhundert sein Amt bekleidet. Heute ist Samstag und die Hauptinsignie seines Amtes fehlt ihm, ihm fehlt — der Hammer! Du lächelst, lieber Leser, und denkst, wozu dieser? Du hast keine Ahnung von der Wichtigkeit dieses Instrumentes. Es ist von Holz und dient dazu, den Mitgliedern der Gemeinde den Anfang des Gottesdienstes zu verkündigen. Diese mittelalterliche Einrichtung hat sich wohl nirgendwo in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten, als eben in unserem Städtchen. An den Wochentagen, wenn kaum der Morgen dämmert, huscht unser Schammes von Thür zu Thür, wo er einen jüdischen Glaubensgenossen vermuthet, und im fröhlichen Dactylus — lang, kurz, kurz — klopft sein Hammer an die Pfosten des Hauses. „Steh' auf, fauler Schläfer, es ist Zeit zum Morgengebet", so heißt's auf gut deutsch übersetzt, und trotz der frühen Stunde sieht man manchen Beter zum Gotteshause wallen; und des Nachmittags läßt der Hammer wieder sein lustiges Pochen ertönen, und nur am Sabbath und Feiertag ruht er. Aber nicht sein emsiger Träger. „Mer geiht — Schule!" so ertönt seine Stimme die Straße entlang, und diesem zwar nicht wie Glockentöne harmonisch schallenden Rufe folgt die fromme Schaar. — Doch nicht immer tönt der lustige Dactylus, ein trauriger Spondäus — lang, lang — thnt dem erschreckten Lauscher kund, daß die Seele eines der Gemeindemitglieder zum Himmel gestiegen, und der eben ans den, Schlafe Ertvachte denkt besorgten Sinnes: wer mag das sein! Schwere Schicksale erlebte der unscheinbare Hammer schon. Eine Revolution beschwor er herauf, doch er ging siegreich ans dem Kampfe hervor, den Neuerungssucht angefacht. Da war so ein Neuerer, sonst ein seelensguter Mann, der stets für seine Glaubensbrüder in die Schranken trat, der sagte: Wozu diese mittelalterliche Einrichtung! Nieder mit dem Hammer! und erließ eine Petition an den Vorstand, die von Vielen unterschrieben wurde, besonders von den jüngeren Geineindemitgliedern. Und die Petition ging durch — und der arme Schammes mußte das Sinnbild seiner Würde, den Hammer, niederlegen. Er that es schweren Herzens und innerlich die verwünschten Neuerer verwünschend. Doch siehe da, welch unzufriedene Mienen zeigt auf einmal die Straße! „Frau, wo bleibt das Frühstück! Steckt die Magd noch immer im Bette, ich will zur Synagoge!" So tönt es aus verschlossenen Thüren. Und die verschlafene Magd kommt und sagt: „Ich kann nicht wach werden, wenn der Hammer nicht koinmt." Und die Synagoge zeigt, ivas noch nie dageivesen, nicht Minjan! O Kummer, und des Freitags Nachmittags beginnt der Gottesdienst und die Challe ist noch beim Bäcker und der Kartoffelschalct, der mit seinem Dufte die ganze Straße erfüllt, ist noch nicht gar! Ja, wo bleibt der Hammer, der uns sonst stets mahnte, wenn der Sabbath nahte, seufzen die Frauen und Jungfrauen. Und kurz und gut, eines schönen Sabbathnachmittags wird beschlossen, abermals eine Petition einznreichen, um den Hammer wieder in Amt rmd Würden einzusetzen. Der liberale Vorstand gewährt die Bitte; der wüthende Neuerer, der sogar akademische Bildung besitzt, muß sich für besiegt erklären. Und der Schammes nimmt schmunzelnd sein geliebtes Instrument hervor und klopft und klopft so vergnügt, als ob er sagen wollte: Ohne mich könnt ihr doch nicht fertig werden! Seit diesem denkwürdigen Tage ist schon manches Jahr verstrichen und der alte Schammes mit seinem Hammer behauptet noch immer das Reich. Wie eine Insel der alten Gewohnheit im Meere der Neuerung liegt die Gemeinde unseres Städtchens; friedliches Zusammenleben mit ihren Mitbürgern anderer Konfessionen war die Hauptstütze ihres Gedeihens. Viele edle und kluge Menschen sind aus ihr hervorgegangen, viele schlafen auf dem romantisch gelegenen Friedhofe am Ende der Stadt ihren letzten Schlaf, aber der Schammes mit seinem Hammer lebt »och immer, und der alte fromme Sinn der Bewohner lebt auch noch immer und wird wohl nimmer vergehen, so lange das „Schema Israel" noch in den Mauern seiner Synagoge wiederhallt. Raitel. * Literarische Mittheilungen. ----- Das goldene Buch des Judenthums. Biographisches Lexikon bedeutender und berühmter Männer in Wort und Bild, von Alfred Schoenwald. Hamburg 1892. Adolf Friedländer. Dieses auf zehn monatliche Lieferungen berechnete Werk soll mithelfen, jene „in ihren Motiven ebenso kleinliche, als in ihrem Vorgehen roh und erbärmlich erscheinende Bewegung" nieder Zu kämpfen, indem „offen und wahr heitsgetreu der unwiderlegliche Beweis geführt werden soll, wie das Judenthum in seinem innersten Kerne von seinen Feinden verkannt wird und welch hohen Antheil Angehörige dieses verlästerten Stammes in allen Landen und zu allen Zeiten an den Arbeiten auf allen Ge bieten der Kultur genommen und noch nehmen " Das „goldene Buch des Jndenthnms" will in Wort und Bild alle diejenigen Persönlichkeiten vorführen, welche dem jüdischen Blut entsprossen, durch „Genie und Talend Geist und Wissen, Herz rmd Gemüth, Ansehen und Berühmtheit, Arbeits lust und Arbeitskraft durch ihr Wirken und Streben haben erreichen helfen die Ziele „edler Menschlichkeit", Ruhm erworben, und somit einen Protest gegen alle Angriffe des Antisemitismus bilden. Hat ein solches Buch an sich schon einen unbestreitbaren Werth für unsere Glaubensgenossen, so wird es doch noch bedeutungsvoller für den Zweck, zu dem es ins Leben getreten, nämlich den: Nichtjuden, der belehrt sein will, Gelegenheit zu bieten, sich über den Antheil, den die Juden an den Kultur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.