Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- Seite 536 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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536 „Okbt mir eine Feder, so kann ich schreiben," erwiederte ich unb schrieb meinen Namen mit fester Hand unter das Papier, steckte die zehn Goldstücke ein, verabschiedete mich von dem alten Mr. Samnel, und m der andern Stunde war ich schon im Hafen von Kingstown und setzte mich auf das Packetschiff, das nach London ging. Als ich diesmal den Strand betrat, da war mir anders zu Muth als damals, wo ich über Tower-Hill vor den Matrosen fortlief. Ich hatte Geld in den Taschen und kam mir schon halb wie ein gemachter Mann vor. Ich suchte so rasch als möglich nach Lombard-Street zu kommen, und ich erreichte sie auch ohne weitere Schwierigkeit und stand bald vor dem Hanse mit der Inschrift: „Mr. Bar and Cie." Hier trat ich ein und begab mich in das große Geschäftslokal rechts. — Sie kennen es, lieber Landsmann, Sie sind heute selbst darin gewesen — ich fragte nach Mr. Bar, und man führte mich ein Treppchen hinauf in das Gemach, in welchem Sie mich heute Morgen gefunden haben. Mr. Bar saß, über einem großen Buche in Zahlen vertieft, an seinem Schreibtische. „Jetzt dürfen wir den Herrn wohl nicht stören," sage der Clerk, der mich führte. „Seht, er sitzt bei dein Hauptbuch." „Nrnr gut," erwiederte ich, „so will ich warten, bis er fertig ist." — Ich wollte in der halbgeöffneten Thür umkehren. Doch kaum hatte der gute Mann meine Stimme gehört, als er aufsah, die Brille ans die Stirn schob und fragte: „Wer will mich sprechen?" „Ich bin es, Sir," sprach ich, „David Barney . . „David Barney?" wiederholte er mit dem Aufdruck der größten Freude und Ueberraschnng? . . . „Kommt, kommt—seid mir herzlich, seid mir tausendmal willkommen, mein Netter, mein Wohlthäter!" Er schloß mich gerührt in die Arme, und der Clerk, erstaunt darüber, daß der reiche, vornehme Chef des Hauses einen armen Menschen, der beinahe aussah wie ein Bettler, in die Arme schloß, wich voll Ehrfurcht znriick und ging hinaus. Mr. Bar aber schlug das große Buch zu, nahm seinen Ueberrock und sagte: „Der Tag, an welchem Ihr zu mir kommt, soll ein Feiertag für mich sein, — kommt, David, wir wollen in mein Wohnhaus fahren." Arm in Arm mit mir ging er durchs Komptoir, wo alle Clerks die Köpfe voll Verwunderung über die Pulte streckten und ehrfurchtsvoll grüßten. Bor der Thür nahm Mr. Bar einen Wagen und wir fuhren nach Finslmry-Square und hielten vor dein Haus, das Ihr kennt, vor dem Haus an der Ecke, mit den Treppen. — Mr. Bar führte mich in das Wohnzimmer seiner Frau, wo diese mit ihrer Tochter, Miß Rachel, saß; ihr Sohn, Mr. Lewis, ein junger Herr, mit mir dazumal in einem Alter, stand am Fenster und sah auf die Straße. Nachdem wir eingetreten waren, rief Mr. Bar: „Hier, liebe Frau und lieben Kinder, stelle ich Euch Mr. David Barney, den jungen Marin, der rnir vor zwei Jahren in der irischen Torfschänke auf so wurrderbare Weise geholfen hat." Mr. Bar reichte rnir die Harrd und hieß mich freudig willkommerr; Mrs. Lewis umarmte mich wie einen Bruder, und Miß Rachel — ach, Miß Rachel! . . . mit ihrem dunkelbrauner! Auge sah mich an, und mit ihrer feinen Hand drückte sie die meine ... ich werde diesen ersten Blick ihres dunkelbraunen Auges nie vergessen und den Truck ihrer seinen Hand habe ich noch jahrelang nachher gespürt. Es war ja das erste Mal in meinem Leven geweserr, daß rrrich ein schönes Mädchen freurrdlich angesehen hatte! — Mr. Bar sagte, nun lasse er rrrich rricht wieder von sich gehen; er gab rnir eine Stelle in seinen! Geschäft, und da ich erträglich rechnen und schreiben konnte, so füllte ich sie zu seiner Zufriedenheit aus, und sie ernährte mich nicht nur aufs Beste, sondern gab rnir auch noch Gelegenheit, Ansehrrliches zurückzulegen. Meine Kollegerr behandelten nrich mit großem Respekt, da sie saherr, wie der Prinzipal mit mir umging und da sie hörten, daß ich ein für allemal an jedem Sarnstag Mittag im Hause desselben am Familientische rnitzuspeisen eingeladen roar. Mr. Bar war nach wie vor herzlich gut gegen mich, mit Mr. Lewis stand ich auf dem freurrdschaftlichsten Fuße und Miß Rachel — nun, ich glaube, daß sie mich damals so lieb hatte, als ich sie. Aber ich näherte mich ihr in keiner Weise; ich hätte jeden Versuch für Undankbarkeit gegen meinen lieben, guten Herrn gehalten. Als ich nun ein Jahr so im Geschäft des Mr. Bar gearbeitet hatte, sagte ich eines Tages zu ihm: „Sir, wollt Ihr mir nicht vier Wochen Urlaub geben? — Ich bin jetzt fast sechs Jahre von Haus entfernt — ich habe Sehnsucht, meine Mutter und meine Geschwister einmal wieder zu sehen." Der gute Herr bewilligte mir den Urlaub gern, und als ich am andern Morgen von ihm Abschied nahm, da gab er mir ein Etui und sagte dabei: „Gebt das Eurer Mutter mit meinem besten Gruße und sagt ihr, da sei ihr Goldstück wieder, das sie Ench einst eingenäht habe." Es war eine kostbare Uhr mit Kette, an welcher außer anderm Zierrath auch ein Sovereign hing, genau so wie der, den meine Mutter einst für mich eingetauscht hatte. — Mit einem Packetboot fuhr ich nach Hamburg . . . O, wie beschreib' ich das Gefühl, mit welchem ich die Gestade von Blankenese und Rainville Vorübergleiten, mit welchem ich die Thürme von Hamburg sah! . . . Weinend küßte ich die deutsche Erde, und die deutschen Flüche der Hamburger Hafenarbeiter klangen wie Musik an mein Ohr. Aber mich litt es nicht lange in Hamburg — ich eilte weiter .... bekannter, immer bekannter wurde mir die Gegend, und als ich das letze Don vor meiner Vaterstadt erreicht hatte, da fand ich meine Mutter, meinen Stiefvater, meine ganzen Geschwister, die mir dahin entgegengekommen waren." Hier schwieg Mr. Barney — denn die Thränen waren ihm in die Augen gekommen und fielen über die Wangen nieder. Nach einer Weile fuhr er fort: „Die Wochen, die nun folgten, waren die seligsten meines Lebens. Aber da sie sich zu Ende neigten, schied ich doch nicht so schwer, als ich mir Anfangs gedacht hatte. Deutschland war mir wirklich zu eng geworden, überall stieß und verwundete ich mich an Vorurtheilen, deren ich in England schon längst entwöhnt worden war, und dann, dann . . . nun ja . . . Miß Rachel war auch ein wenig Schuld daran, daß mir der Abschied von meiner Mutter und Familie etwas leichter wurde. Aber gerade in Bezug auf Miß Rachel sollte mir eine harte, harte Prüfling bevorstehen. Dem! eben war ich wieder nach London zurückgekehrt, von Mr. Bar, seiner Familie und meinen Kollegenaufs Herzlichste empfangen, und ich stand an lneinem Schreibpult im Geschüftslokal, als sich die Thür aufthat und Mr. Bar, einen jungen Herrn an der Hand, eintrat und sagte: „Meine Herren, ich geb. mir die Ehre, Ihnen hier meinen zukünftigen Schwiegersohn, den Verlobten von Miß Rachel, vorzustellen: „Wie ein Blitz durchfuhr es mich ... ich sah auf und mich traf der kalte, verächtliche Blul von — Mr. Ralph Samuel aus Dublin! ... Ich hielt mich an meinem Schreibpult; gewiß, ich wäre sonst rückwärts niedergesunken. Ich rang nach Fassung, und ich fand sie; aber jener Tag ist der unglückseligste meines Lebens gewesen. Mr. Ralph Samuel war Chef seines Hauses geworden, sein Vater war gestorben und er betrieb nun Alles auf einem hohen Fuß. Das Waarengeschäft war aufgegeben worden, — er war jetzt nur der große Banker von Dublin! Ich sah Mr. Samuel und Miß Rachel nur einmal zusammen dem! ich konnte doch nicht umhin, ihnen meine Gratulation abzu statten. Aber darauf vermied ich es, ihnen zu begegnen. Miß Rachel sah so traurig aus und der Blick ihrer dunkelbraunen Augen that mir wehe. — Alle meine Kraft, all meinen Eifer, alle meine Gedanken verwandte ich nun auf das Geschäft; und in der That-