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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-04 · Heft 45 (4.11.1892) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 45 (4.11.1892)
Date
1892-11-04
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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Darauf ist nun in diesem Erlaß eine kräftige und klare Antwort gegeben, eine Antwort, die sicher ihres tiefen Eindruckes auch in dem durch die Agitation Boeckel's durchseuchten Hessenlande nicht verfehlen wird. 9 Me jüdischen Studenten. Von M. Friedeberg. Der Satz : „Sorget für die Kinder der Armuth, denn von ihnen geht die Lehre aus" bedarf glücklicherweise auch im heutigen Israel keiner besonderen Einschärfuug. Keiner der zahlreichen armen Studenten, welche mit Beginn des jetzigen Wintersemesters bei unsere» wohlhabenden Glaubensgenossen Empfehlungsbriefe abgebeu, wird, wenn er nur der eigenen Kraft vertraut und Beschäftigung höher stellt als bloße Geldunterstütznng, im Strudel des moderne» Großstadtlcbens uutergehen. Es ist indeß vor einiger Zeit in diesen Blattern ausgeführt worden, daß der arme jüdische Student bei der bisherigen Art der Stipendiengcwährung eine Einbuße an feinem moralischen Halt erleide. Diesen Satz werden Tausende, welche die Berhüllnisse kennen, unterschreiben, und es ist in der neubegründeten Gesellschaft für ethische Kulturentwickelung kürzlich unserer ganzen modernen Kultur der Vorwurf gemacht worden, daß die Art ihrer Wohlthätigkeit den Empfaugcuden erniedrige und nur den Spender erhebe. Die Kinder des Judenthums sind „Bne rachmanim", und selten wird ein jüdischer Stipendiat bei einem gebildeten Glaubensgenossen eine derartige Abweisung erfahren, wie sie vor Jahren ei» gefeierter christlicher Professor in seiner Eigenschaft als Rektor einem jüdischen Konnnilitoneii zu Theil werden ließ, indem er die regelrecht abgefaßte und mit vorzüglichen Zeugnissen belegte Bewerbung »in ein Benefizium, dessen Verleihung ganz in das Belieben des jeweiligen Rektors gestellt ist, kurzer Hand mit den Worten abwies: „Der Staat hat gar kein Interesse daran, daß Sie stndircu." Es erfolgte auf bescheidene Anfrage noch die Andeutung, daß das Benefizium nur Söhnen von Staatsbeamten in der Regel verliehen werde. Die meisten llniversitälsstipendie» sind in der That entsprechend dem Charakter der konfessionellen Stiftung der deutschen Universitäten nur Christen zugänglich. Demgegenüber wirkt die geringe Staatsunterstützung, welche der jüdische Hilfsverein für Studirende in Berlin gewährt, in vielen Fällen lediglich wie ein Tropfen auf einen heißen Stein, und die Aermsten werden oft auf Bahnen gelenkt, dieweitabvon den Zielen der „jüdischen Studentenvereinigungen" liegen, deren Begründung nach dem Muster der „Badenia" in Heidelberg kürzlich in diesen Blättern vorgeschlagen wurde. Zunächst paßt in dieser Richtung, was für Heidelberg und Jena gut sein mag. nicht immer auch für Berlin und Leipzig. An letzterer Universität besteht der von Studenten für Studenten begründete und erhaltene akademische Unterstützungsverein „Humanitas" für jüdische Studirende, — ein solcher Verein kann in echt jüdischer Weise unter dem Banner des „Oemilus chessed“ einen Sammelpunkt für die jüdischen Kommilitonen bilden, denen die Unterstützung ihrer armen Glaubensgenossen wichtiger erscheint, als der Kampf mit den antisemitischen Rowdics auf „krumme Säbel". Unsere Waffen sollen und müssen geistige Waffen bleiben, deshalb soll hier der Verdienste des „akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" rühmlichst gedacht werden, der für Berlin den festen Krystallisationspunkt für alle diese neueren Organisations-Bestrebungen bildet. Denn zu einem Hospiz für jüdische Studenten, wie solches nach dem Muster des „Friedrich - Wilhelmsinstituts" oder des „Melanchthonhauses" neulich hier in einem trefflichen Aussatz vorgeschlagen wurde, werden wir es schon deshalb nicht bringen, weil diese Eingrenzung in ein Wohlthätigkeitsstift der lebhaften Eigenart unserer jüdischen Kommilitonen nicht entspricht. Nicht immer neue Organisationen und neue Vereine mit schönen Statuten schaffen! An das schon Bestehende anknüpfen! Das sei die Devise für das Wintersemester, welches soeben in Berlin unter den Auspizien Rudolf Virchows begonnen hat und hoffentlich keine solchen Vorfälle zeitigen wird, welche, wie der Fall Blum-Eichler und sonstiger antisemitischer Duellunfug, das Herz mancher jüdischen Mutter verzagen lassen nüißten, wenn ihr Kind den Wahrspruch Virchows vergeffen sollte, daß „Student sein in erster Linie studiren heißt". Der eiserne Fleiß, welchen die jüdischen Studenten von jeher bewiesen haben, sei auch fürder die beste Abwehr des antisemitischen Unholds vor den Augen der rechtlich denkenden Männer der Wissenschaft. Für die rechte Pflege der Geselligkeit und für die eentralisirte Unterstützung der Aermeren wird sich unter dem Beirath erfahrener älterer Männer, die den jüdischen Studenten stets ein warmes Herz gezeigt haben, dann auch die geeignete Organisation heraussinden lassen. Zur Geschichte der jüdischen Melodien. i. Kot nid re. Von Leopold Katz in Ratibor. Heinrich Schütz, geboren 1585 zu Köstritz in Sachsen, gestorben 1072 als Kapellmeister in Dresden, schrieb im Jahre 1005 vier Passionen — von Professor Karl Riedel zu einer einzigen bearbeitet, — die Judenchörc enthalten, aus denen manche die Natioualweisen der Inden herleiten möchten, wie sie das mit Erfolg oder auch mit Recht von Polen, Zigeunern u. A. zu Wege gebracht. Diese hatten Nationalmelodien, die Juden nicht. Und wenn viele Passionisteu, und auch Schütz, mit ihren Chören die Juden charakterisiren wollten: die Schilderung der Juden ist nicht aus der Melodie, sondern nur aus der Rhythmik zu erkennen. Von jüdischen Nationalmelodien kann gar keine Rede sein, sondern nur von Tempelgesängen. Diese selbst sind dem Wechsel oft unterworfen gewesen. Davon kann man sich überzeugen, wenn man die melodischen Phrasen Kirchers aus dem Jahre 1650, die er aus echter Quelle entlehnt anführt, mit den ersten Aufzeichnungen Sulzers. Weintranbs und eines A. Meyer vergleicht. Die alten Melodien sind entweder direkt der katholischen Kirche entnommen oder den Weisen, die in der betreffenden Zeit beliebt waren. Für die erste Behauptung spricht die Uebcreinstimmung der Melodie eines „Wnj’ rtablter Mosche" zum Laubhüttenfest von Meyer-Mainz mit der im Antwerpener Prozessionale 1620 sich vorfindenden, und für die zweite: eine Menge Numniern der Weintraub'schcn, die an das 17. Jahrhundert erinnern, wo nur noch von „Jesulein" und seinen „Lämmlcin und Schäfleiu" die Rede war. Daß das Gegentheil der Fall wäre, daß die katholischen Melodien von den jüdischen herstammen, läßt sich nur vermuthen, nicht beweisen, weil wir nirgends eine Spur von einer musikalischen Aufzeichnung jüdischer Melodien finden. Einerseits hält man es nicht für wahrscheinlich, daß die ersten Christen bei ihrem Abscheu gegen alles Heidnische und bei ihrer Abyj

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