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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-04 · Heft 45 (4.11.1892) · p. Seite 532

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 45 (4.11.1892)
Date
1892-11-04
Page
Seite 532 (sequence 4)
Language
German
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532 fonberuitfl von beit Juden sich griechischer ober jüdischer Melodien bedient hätten, während inan andrerseits annehmen darf, daß die Apostel nicht darauf ausgegangen sind, eine neue christliche Musikkunst zu schaffen. Psalinentexte und Psalmeuweisen waren beide ein Ganzes, unzertrennlich, eins das andere bedingend. Da man nun die Psalmentexte in den Gottesdienst ausgenommen hatte, wird man wohl nicht die Psalmenweisen beseitigt haben, um so weniger, als die Gesänge den zum Christenthuin iibergetrctcuen Juden in Fleisch und Blut übergegangeu waren: das Psalmodircn in der katholischen Kirche läßt einen nicht ganz unberechtigten Schluß auf diese Annahme zu. Nächst dem Psalmodiren ist es noch eine andere Art, die auf de» Ursprung unserer Musik hindeutet: Die Art der Meistersänge» „Der Erfinder des Tones hatte ihn vor der ganzen Gesellschaft zu singen, und zwar dreimal: das erste Mal so niedrig er vermag, das zweite Mal mit vollkommener Stimme, das dritte Mal so hoch er ihn mit der Stimme erheben kann." (Müller S. 87). An einer früheren Stelle, Seite 69, heißt's von den Minnesängern: „Ob auch ihre Gedichte schlecht sind und der Gesang dem Ehoral oder der Ebräer Musik nicht ungleich zu hören . . ." Diese beiden Stellen bieten überraschende Hindeutungen auf die berühmteste der jüdischen gottesdienstlichen Melodien, auf das Kol »idle. In den Aufaugstakten ist unschwer das modifizirte Bruchstück eines ch oral artigen Gesanges zu erkennen und die Vortragsart, welche das erste Eitat augiebt, ist doch genau dieselbe, mit welcher noch heute Kol nidre gesungen wird. An dem Kai nidre-Gesang ist eine Verwandtschaft mit dem gregorianischen Gesang zu bemerken. Da die Juden stets offene Auge» und Ohren für ihre klmgebung hatten, und trotz strengen Festhallcus an den religiösen Satzungen die Kulinrelemente der Nationen und Zeiten, in denen sie lebten, ausnahmen, so glaube ich, kann man annehnien, daß der erhabenste unserer Gesäuge, das Kol nidre, des Ehoralbruchstücks wegen, unter Karl dem Großen entstanden ist, zur Zeit, da soeben der gregorianische Gesang als etwas Neues und Epochemachendes in Deutschland eingeführt worden war. Dafür spricht besonders Karls durchgreifende Hebung der Stellung der Juden, die, sich also gleichberechtigt mit den christlichen Unterthanen u»d zur vollen Theiliiahme an aller Eivilisatiou berufen fühlend, gewiß nicht gesäumt haben, das neue, von ihrem großen Herrscher eingeführte, musikalische Element ebenfalls aufzunehmen. Vielleicht ist auch die Person des Einführers oder Förderers in Rabbi Kalonymos aus Lucca, den Karl der Große als Vorsteher der Jndeuschaft nach Mainz berief, zu suchen. Er mag, mit dem gregorianischen Gesänge an der Quelle bekannt, diese Sangart mitgebracht oder doch eifrig gefördert haben. Was den Tert anbelangt, so dokumentirt sich das Kol nidre als ein altes, schon im Orient gebräuchliches Gebet vornehmlich durch seinen aramäischen Dialekt. Nur der Satz: „Vom heutigen Jom kippur bis zum künftigen", ein rein hebräischer, ist offenbar ein späteres Einschiebsel aus der Zeit der mittelalterlichen Verfolgungen. Gerade deshalb ist es das feierlichste der Gebete; daher wurde eS auch mit dieser ausdrucksvollen Melodie vorgetragen, welche so heilig gehakte» wurde, daß sie die Spuren der früheren Entstchungszeit: — den choralartigen Anfang und die Wendungen ans der dorischen Kircheutonart — reiner als irgend eine andere bewahrt hat. Wie sehr das historische Verhältnis; zwischen dem alten Gebet und dem Einschiebsel sich auch in der Melodie abbildct, ersieht mau daraus, daß, während im ganzen Stücke auf jedes Wort lange Melodienphrascn und Melismen gesetzt sind, die eingcschobencn Worte rasch hintereinander in der einfachsten rceitativischen Weise gesungen werden. Prüft man die verschiedenen Variationen des Kol uidre-Gesanges, so gewahrt man, daß nur zwei „echt" sein können, und zwar die deutsche und die polnische. Die übrigen sind theils diesen beiden ähnlich, theils nach verschiedenen Verhältnissen und Texteintheilungen willkürlich verändert und eingetheilt. Rückblick: Die von uns so benannten „alten jüdischen Melodien" haben ihre Heimath im Orient. Darauf läßt mit unfehlbarer Sicherheit das aramäische Kol nidre schließen. Möglich, daß es doch wohl in alle Länder griechisch-katholischen Bekenntnisses eingedrungen ist, zumal man sich von Rußland aus über Polen (jedoch wohl erst in den letzten Jahrhunderten, als die nach Polen ausgewanderten deutschen Juden langsam zurückzuwandern beginnen) die Einführung in Deutschland und den westlichen Ländern denken kann. Vermengt wurden aber diese Melodien durch die Zerstreuung dess Volkes mildem gregorianischen Stil, was die Einschaltung, ein „Recitativ", aufs Eklatanteste darthun dürfte. Was wir heute unter Harmonie verstehen, ist bei den jüdischen Gesängen nicht zu erkennen, weil uns jede Aufzeichnung fehlt. Wie diese beschaffen gewesen, dürfte kaum eher nachgewiesen werden können, als bis man nach Auffindung und Feststellung der alten Vokalmusik, wenigstens der hauptsächlichsten Bestimmungen des antiken Sprachgesanges, zu richtigen Schlußfolgerungen über die Beschaffenheit der ihn begleitenden oder vielleicht auch vertretenden Instrumente gelangt sein wird. Alles bis jetzt darüber Aufgestellte sind nur Verumthungen, die nach dem Urtheile verschiedener Musikhistoriker eine strenge historische Kritik nicht aushallen. Ich persönlich gründe meine Hoffnungen auf die Thätigkeit der „orientalischen Gesellschaft"! II. Aie JUuloMc des Mella!i-Audd iIch. Von Dr. M. Silberstein in Wiesbaden. Eine der müchtigst ergreifenden Melodien, die noch Tage lang nach dem Jom - ha - kippurim in uns wiederklingen, ist wohl für Jeden, selbst für den, dem die Mutter Natur nicht allzu vielen musikalischen Sinn in die Wiege gelegt hat, die Melodie des Ne'klah- Kaddisch. Wer vermöchte wohl in Worte zn kleiden, was uns bei diesen Klängen das Herz bewegt! Wie weich und doch wie aufregend und erschütternd klingt die Saugweise in uns nach, wenn längst die Töne verhallt sind! Woher kommt diese herzbewegende Melodie? Leider ist die Geschichte der Synagogcn-Melodien noch immer nicht geschrieben; noch harren wir der Hand, die diese wunderbaren Klänge, in denen sich uns ein Stück Judenthum offenbart und die einen so unvergleichlichen Zauber auf unser inneres Leben üben, bis auf ihren Ursprung zurückverfolgt und uns nachweist, wie sie ihren Eingang in die heiligen Räume der Synagoge gefunden haben. Was nun die unser Gemiith so tief bewegende Melodie des Neilah-Kaddisch betrifft, so war sie ursprünglich einem andern Gebet, dem das ja gleichfalls seine Geschichte hat, untergelegt. Unter den erschütternden Klängen des nach dieser Melodie gesungenen „Olenu" schritten die zum Feuertode vernrtheilten jüdischen Märtyrer einher und bestiegen die Scheiterhaufen, die im Mittelalter für unsere unglücklichen Väter und Mütter an zahlreichen Orten, auch in unserem deutschen Vaterlande, emporgerichtet wurden. Herzzerreißend klang diese Melodie selbst ihren Henkern in die Ohren, daß sie sich der Thräneu nicht zu erivehrcn vermochten. Endlich verbot mau

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