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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-28 · Heft 44 (28.10.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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56. Jahrgang. Nr. 44. Weikage Dev Gvmvindvbolv. zur „Akkgemsinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 24. Oktober. Wir erhalten folgendes Cirkular, das wir hiermit allgemeiner Beherzigung dringend empfehlen: Wiederum nahet das Chanukahfest und mit ihm die rauhe Winterszeit. Nahezu tausend arme jüdische Kinder, welche die Kommunalschulen besuchen, ersehnen auch dieses Mal, durch Versorgung mit Stiefeln und warmen Kleidern gegen die Unbill des Wetters geschützt zu werden. Wie in unserem Rechenschaftsbericht vom 16. Februar a. c. nachgewiesen, vermochten wir im vorigen Jahre 943 Kinder mittelst eines Baaraufwandes von Mk. 15,276.29 zu berücksichtigen. Die bittere Noth einerseits, die wir nur allzuoft bei unseren persönlichen Recherchen in den betreffenden Familien vorgefunden, wie der aus Lehrerkreisen andererseits wiederholt bezeugte günstige Einfluß unserer Bestrebungen auf die Kinder selbst, verpflichten und ermuthigen uns aufs Neue, die Wohlthätigkeit unserer Gemeindemitglieder, insbesondere die der Frauen in Anspruch zu nehmen. Demnach erlauben wir uns auch iit diesem Jahre zu bitten, durch freundliche Gaben an Geld, Stoffen, Jugendschristen?c. Ihrerseits dazu beitragen zu wollen, daß dies Liebesiverk wieder zu günstigem Resultat geführt werde. Jede der Unterzeichneten wird Geldbeiträge und Gaben mit Dank entgegennehmen und bereitwilligst Auskunft ertheiten. Berlin, im Oktober 1892. Das Komitee für Chauukah-Bescheerung. Frau M. S. Meyer, Vorsitzende, Margarethenstr. 18. Frau Julius Neumann, stellvertretende Vorsitzende, Viktoriastr. 31. Frau Mar Benjamin, Schatzmeisterin, Königgrätzerstr 8. Frau Sanitätsrath Dr. Mühsam, Schriftführerin, Schöneberger Ufer 47. Frau Michael Fiegel, Alexanderplatz 2. Frau Dr. Frankl, Schiffbauerdamm 33. Frau Leopold Friedmann, Voßstr. 31. Frau Dr. I. Ginsberg,Karlsbad 7. Frau Dr. Grabower, Landsbergerstr. 63. Frau Dr. Felix Liebermann, Bendlerstr. 10. Frau Dr. May bäum, Burgstr 1. Frau Louis Oppenheim, Potsdamerstr. 118a. Frau S. Schönwald, Magdeburgerstr. 9 Frau Louis Sieskind, Wilhelmstr. 67a. Frau Dr. Ungerleider, Oranienburgerstr. 57. Frau Arnold Weiß, Schöneberger Ufer 23. OO Berlin, 23. Oktober. Seinen siebzigsten Geburtstag beging gestern unter zahlreicher Theilnahme der Geheime Kommerzienrath Salomon Lachmann. Der bekannte Wohlthätigkeitssinn des Jubilars, der denselben bei fast keinem der jüdischen Humanitären Institute Berlins als Mitglied fehlen läßt, bewirkte, daß die Vertreter fast aller dieser Vereine und Anstalten sich bei dieser festlichen Gelegenheit ein Rendezvous gaben. Besonders hervorzuheben ist die Ovation, die der Religionsverein an der Potsdamer Brücke dem Jubilar, der zum Vorstande dieses Vereins gehört, darbrachte. Sie bestand in der Ueberreichung eines Albums sowie der Ernennung zum Ehrenmitgliede. Berlin, 22. Oktober. In der Antisemitenpartei gährt es gewaltig. Wir erwähnten schon jüngst des Absagebriefes, den der unstreitig talentvollste Führer der Partei, der Hofprediger a. D. Stöcker, den jetzt am Ruder befindlichen „Geschäftsführern" der Bewegung geschrieben hat. Ein neuer Ruf zur Rückwärtskonzentration klingt aus der Rede hervor, die besagter Herr gestern vor seinen „Christlich- Sozialen" gehalten hat. Da gefiel sich der Hofprediger a. D. im Kampfe gegen den Rektor a. D., da wurde - nachdem man ihm Jahre hindurch liebäugelnd zugesehen hatte — der Rassenantisemitismus wieder einmal für unvereinbar mit dem Christenthum gehalten, da brachte Herr Stöcker aufs Neue die alte Betheuerung vor, daß er „die Juden liebe". Aber schon der Umstand, daß diese Behauptung nicht mehr, wie einstmals, gläubige Aufnahme fand, sondern allgemeine Heiterkeit erweckte, zeigte, daß Herr Stöcker die Herrschaft über die Massen verloren hat, und als er gar das alte Testament gegen antisemitische Ausschreitungen in Schutz nehmen wollte, da erhob sich von manchen Seiten ein Lärmen, in dem mtr der Ruf „Judenknecht" fehlte. In der That griff auch in der auf den Vortrag folgenden Debatte ein radikaler Antisemit namens Krauts das alte Testament aufs Heftigste an, und wenn er auch der Entrüstung der SBcffergeftnnten weichen mußte, so geigten doch die nachfolgenden Redner, die für Ehren-Ahlwardt und gegen den von Stöcker in Schutz genommenen Talmud mit den üblichen Phrasen auftraten, daß die Schüler den Meister in jeder Hinsicht übertreffen. Ihre Ausführungen richteten sich gegen Stöckers — Milde. Sie ließen erkennen, daß jeder I Ruf nach Besonnenheit bei Antisemiten ungehört verhallt. Und das ist j gut, denn durch ihre Maßlosigkeit wird die Hetze sicherer zu Grunde j gehen, als durch alle Kämpfe der Gutgesinnteil. ' Berlin, 23. Oktober. Gegenüber der offiziösen Auslassung! über die Zurücknahme der der Strafanträge des Justiz Ministers > gegen Ahlwardt und Paasch bemerkt die „Nation": „Der Minister will nach der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" nicht den Schutz der Behörden, die seinem Ressort angehören, für die eigene Person anrufen. Darüber läßt sich reden; aber er ruft diesen Schutz doch an und er verzichtet dann darauf und er droht schließlich mit erneuter Wiederaufnahme, wenn das Wohlverhalteu seiner Angreifer irgend etwas zu wünschen! übrig läßt; ein haltbarer Standpunkt ist das nicht mehr, wohl aber die völlige Steuerlosigkeit Und weiter. Daß politische Erwägungen von j der Klage zu Anbeginn hätten abhalten können, wurde zugegeben; aber j die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" spricht bald von politischen Er- I wägungen, bald von „Schonung", und daß gemeine Verleumder „Schonung" verdienen sollten, wäre überraschend und ist des Landes nicht der Brauch, j Und endlich. Wie soll man es verstehen, daß der Minister durch die j Prozeßführung nicht in eine „persönliche Gegnerschaft zu gewissen; Richtungen im Staatsleben" treten will? In faßlichem Deutsch heißt das: Antisemitische Verleumder belangt Herr v. Schelling darum nicht, weil er selbst unbeschadet der gröblichsten Anzapfungen nicht in persönliche Gegnerschaft zum Antisemitismus zu treten wünscht. Selbst bei hinlänglicher Vertrautheit mit den Glanzleistungen deutscher Offiziösen muß diese Aeußerung idyllischer Naivität doch ernstlich überraschen." # Berlin, 24. Oktober. Die Zerfahrenheit innerhalb der Antisemiten erhält durch folgende Erklärung Liebermauns von Sonneuberg eine drastische Beleuchtung: „Nachdem eine am 9. Oktober in Friedeberg N. M. tagende Versammlung von Antisemiten auf Betreiben des Rektor Ahlwardt aus Berlin beschlossen hat, diesen Herrn als Kandidaten für die Reichstags-Nachwahl im dortigen Kreise aufzustellen, sehe ich die mir von dem bisherigen deutschsozialen Wahlkomitee in Friedeberg schriftlich in bindender Form ertheilte Vollmacht zur Leitung der Wahl als erloschen an. Da Herr Ahlwardt nicht der deutsch-sozialen Partei angehört, so ist seine Kandidatur auch nicht als eine deutsch-soziale anzusehen. Vorbehaltlich der Zustimmung der übrigen Mitglieder des Parteivorstandes erkläre ich, daß unter dieser: Umständen die deutschsoziale Partei von der Ausstellung einer Kandidatur absieht Ich würde es nicht für angemessen erachten, zum Gaudium der Juden und Judengenossen in einen Konkurrenzkampf mit Herrn Ahlwardt zu treten." Daß unsere Vermuthung richtig war, diese Kandidatur sei nur der Angst vor dem Sitzen-Müssen entsprungen, beweist die neuerdings bekannt gewordene Thatsache, daß Ahlwardt die Aufforderung erhalten habe, seine viermonatliche Gefängnißstrafe nunmehr anzutreten. £ Berlin, 16. Oktbr. Der bekannte antisemitische Pfarrer Dr. Hansjakob hat an Herrn Sin ger in Paris ein Schreiben gerichtet, das u. A. folgende Stellen enthält: Frei bürg, 30. September. . . . „Ich bin mit Ihnen der Ueberzeugung, daß die Israeliten in der Kultur der Völker, unter denen sie wohnen, aufgehen, d. h. sie leisten in allen Zweigen der Wissenschaften so viel als die Nicht-Semiten, allein — und hierin liegt der letzte Grund des Antisemitisums — sie gehen nicht in den betreffenden Völkern selber auf, sondern bilden sozial überall ein Volk im Volk, weil sie festhallen an der alten Thora i und im Gesetzgeber des Neuen Bundes nicht den Messias

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