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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-28 · Heft 44 (28.10.1892) · p. Seite 528

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
Seite 528 (sequence 12)
Language
German
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528 Brust, schmale Schultern, eine dünne Tatlle, ntittleren Wuchs und langes, schwarzes Haar, daß oft bis an die Kniee reicht. Die Kleidung und Wohnung des jüdischen Bergbewohners lassen in ihm deutlich das Kind des Kaukasus erkennen. Häuser nach europäischem Muster kommen nur in den Städten vor, und auch da ist die Einrichtung vollständig nach asiatischem Geschmack; in den Aulen aber wohnen die Inden in Szaklen. Die Schaklja besteht gewöhnlich aus zwei oder drei Zimmern. Das eine ist für die Frauen, das andere für die Männer und das dritte, wenn solches vorhanden ist, zürn Gastzimmer bestimmt. Ein Blick aus die Zimmer zeugt deutlich non der unterdrückten Stellung, welche die Frau des Bergbewohners einnimmt Das Zimmer der Frau ist zugleich Küche, Kinderzimmer und Borrathskammer: infolge dessen zeichnet es sich durch seine Unsauberkeit aus. Viel sauberer sind die anderen zwei Zimmer. Das Gastzimmer ist selbst bei den ärmsten Leuten mit allerlei asiatischem Zierrath und Waffen ausstaffirt. Ein großer Theil der jüdischen Bergbewohner lebt einfach in Erdhütten oder Höhlen. Auch in seiner Kleidung unterscheidet sich der jüdische Bergbewohner nicht von den anderen Kaukasiern, gleich ihnen trägt er stets seine Waffen bei sich. Die Kleidung der Männer bilden: das kattunene „Beschmet" mit stehendem Kragen, die „Tscherkesska" ohne Kragen, mit Haken, welche an der Brust oder Taille befestigt werden, und Patronentasche für die Pulverbehälter. An dem oft mit Silber- oder Goldtressen verzierten Gürtel hängt der Dolch oft in silberner Scheide. Das Kostüm der Frauen besteht aus breiten „Schalowary", einer atlasnen „Archelupka" und der „Tschutka", einem Sack, welcher den Kopf bedeckt, worüber noch ein Tuch kommt. Die Frauen lieben, sich sehr zu putzen. Ihre Archelupka und Hemden werden mit Silber¬ und Goldtressen verziert; in den Ohren und auf allen Fingern außerdem Daumen tragen sie große Ringe. Die Mädchen tragen an der Brust Glasperlen; ihr Haar färben sie mit dem persischen Kraut „Eny". Zur Reinigung der Zähne und um dem Munde einen Wohlgeschmack zu verleihen, kauen sie eine Blasse aus weißem Harze und Nelken. Die eigentliche Arbeiterin in der Familie ist die Frau, wie bei allen Bergbewohnern. Die schwersten Arbeiten fallen dieser Unglücklichen zu, sie kennt keine freie Stunde, sie trägt Wasser ins Haus, reinigt die Pferdeställe, verrichtet die Feldarbeiten, streicht die Dächer und weißt die Wände. Und wenn diese anhaltend schwere physische Arbeit die Bergschönheit rasch in eine häßliche, runzelige Alte verwandelt hat, eilt der Mann in die Arme eineranderen jungen Frau, lim sich über das frühzeitige 'Alter seiner ersten Frau zu trösten, da den jüdischen Bergbewohnern die Vielweiberei gestattet ist. Aus ökonomischen Rücksichten hat jedoch selten Jemand mehr als zwei Frauen. Die angestrengte 'Arbeit der Frau macht es dem Manne möglich, sehr viele Stunden dem ungezwungensten Müßiggänge zu weihen. Inden vielen freien Stunden denkt er weder an die Zukunft noch an das tägliche Brod. Der Müßiggang und die Sorglosigkeit, das Schwelgen an den Eimern Weines, das Umherschlendern im ganzen Aul, von Haus zu Haus, mit der Mütze auf dem Hinterkopf und der Tscherkesska oder dem Pelzchen auf den Schultern, diese Unterhaltungen und Träumereien an oder auf den Bänken vor den Häusern dauern nicht nur Tage und Wochen, sondern oft ganze Monate hinter einander. Außer dem Schachspiel lieben die jüdischen Bergbewohner allerlei sinnlose Wetten zu veranstalten, z. B. wer mehr Arbusen mit einem Tolchhiebe durchhauen kann, wer mehr 'Arbusen, Melonen oder Eier aufessen kann und dergleichen mehr. In diesem Nichtsthun und diesen Schwelgereien verbringen ihre Zeit die Glaubensgenossen der stets beschäftigten, immer unruhigen und ewig besorgten europäischen Juden. Ter Gehorsam der Kinder gegen ihre Eltern geht so weit, daß sie ohne Murren den Willen der Eltern erfüllend, die Ehe nur mit derjenigen Person eingehen, welche von den Eltern erwählt ist, wobei selbst ein Gespräch über diese 'Angelegenheit als unstatthaft und unanständig gilt. Veranlaßt durch Familienverhüllnisse, aus ökonomischen Gründen oder gar beim Kruge Wein, verloben die Eltern oft ihre unerwachsenen Kinder und diese müssen, sobald sie herangewachsen sind, den Willen der Eltern erfüllen. Wenn die Verlobten in verschiedenen Aulen wohnen, so geschieht es oft, daß sie einander bis zu ihrem Hochzeitstage nicht zu sehen bekommen. Jedoch geht es nicht immer nach dem Willen der Eltern, Unter den glühenden Strahlen der südlichen Sonne werden die Leidenschaften mächtig angesacht. Nicht nur der Wille des Vaters, selbst düe Bande der legitimen Ehe sind oft nicht im Stande, den Jüngling von dem Gegenstände seiner Liebe Zurückzuhalten. Gefällt dem Burschen ein hübsches Tschetschenenmädchen in einem benachbarten Aul, so verläßt er die heunathliche Szaklja, die ungeliebte Frau, den angestammten Glauben und eilt in die Arme der Schönen, die ihn bezauberte. Ihre Glaubensgenossen nehmen ihn mit offenen Armen auf, da ein jüdischer Bergbewohner, der Mohammedaner wird, bei ihnen tiefste Verehrung genießt. Er erhält feierlich den Namen „Schiche" (Heiliger) und wird der Angesehenste in der Gemeinde. Sobald er sich nähert, oder vorübergeht, ist Jedermann verpflichtet, aufzustehen und ihn mit „Salem alaikum" zu begrüßen. Die Eltern verzeihen einen Glaubenswechsel nie; zwischen ihnen und dem Abtrünnigen hört jede Gemeinschaft auf, was bei dem äußersten Fanatismus der Bergbewohner nicht wundern darf. Wenn aber der in eine Mohammedanerin verliebte Jüngling unverheirathet ist, so nimmt die Sache oft eine andere Wendung. Mit Hilfe der jungen Welt, die stets gern bereit ist, bei ähnlichen Dingen hilfreiche Hand zu leisten, entführt er seine Geliebte, welche dann den jüdischen Glauben annimmt und seine Frau wird. Werden die Entführer aber von den Verwandten der Entführten eingeholt, dann entscheiden die Waffen den Besitz des kostbaren Gutes. Wie bei allen Völkern, bei denen die Frau die Arbeiterin der Familie ist, so bringt auch bei beit jüdischen Bergbewohnern nicht die Frau dem Manne Mitgift, sondern dieser zahlt den Eltern seiner Braut den „Kalpn" int Betrage von mindestens 150 Rubeln. Außerdem muß der Bräutigam die Hochzeit ansrichten, welche sehr lustig und geräuschvoll gefeiert wird, und das Brautkleid anschaffen, so daß die Heirath dem Bergbewohner 300—400 Rbl. zu stehen kommt. Diesem Umstande ist es zu verdanken, daß unter ihnen viele Hagestolze Vorkommen, obgleich ein solcher für unwürdig gehalten wird, Waffen zu tragen. Als echte und rechte Bergbewohner sind die jüdischen Kaukasier nicht nur ungebildet, sondern völlig unwissend. Wie eine ansteckende Krankheit fürchten sie die europäische Bildung, da sie, nach ihrer Meinung, zur Abtrünnigkeit führt. In jedem Aul finden sich kaum mehr als 2—3 - Leute, die lesen und schreiben können. Die Meisten können nicht zwei Worte der heiligen Schrift lesen. Inden Städten finden sich jedoch mehr des Lesens Kundige als in den Dörfern. Selbst der Rabbiner, der das Vieh zu schächten und den Gottesdienst zu verrichten hat, zeichnet sich nicht durch große Gelehrsamkeit aus. Eine solche Unwissenheit muß selbstverständlich traurige Folgen haben. Sie ist die Ursache, daß viele heidnische Bräuche in Uebung kommen und veranlaßt das Umsichgreifen des Aberglaubetts mit allen seinen traurigen Folgen. Die jüdtschen Bergbewohner halten sehr fest zusammen und sind stets bereit, einander ztt helfen, womit nur immer möglich. Die Feste werden stets in Gemeinschaft mit dem ganzen Aul gefeiert. Das sind die angenehmsten Stunden im Leben des Bergbewohners. In der Szaklja einer Wöchnerin versammeln sich alle Weiber unb geben sich die größte Mühe, derselben mit Rath und That beizustehen. Die Kranken werden mit besonderer Sorgfalt gepflegt. Alte Männer und Frauen halten Tag und Nacht Wacht am Krankenlager. Während der ersten Woche nach dem Tode irgend eines Geineindegliedes verläßt die Gemeinde die Hiitte des Verstorbenen nicht. Die Verwandten und Bekannten desselben trauern ein ganzes Jahr um ihn und besuchen keinerlei Festlichkeiten Kehrt ein Verwandter des Verstorbenen von der Reise heim, so begiebt er sich zuerst in das Trauerhaus, weint um den Todten und geht nicht eher nach Haus zu den Seinen, bis er alle Trauernden im Dorfe besucht hat. Soll eine Hochzeit gefeiert werden, so bereiten die Anverwandten des Bräutigams schon eine Woche früher aus Hühnereiern eine schmackhafte Speise und schicken davon allen Trauernden im ganzen Aul. Diese senden den Verlobten ihren Segen und ersuchen dieselben, die Hochzeit nicht aufzuschieben. Die Armen werden von den Bergbewohnern nie vergessen. Wenn sie Fleisch für den Winter einsalzen, so wird ein Theil davon und das Eingeweide den armen Wittwen und Waisen geschickt. Am Sonnabend schicken die Verwandten einander von ihren schmackhaften Speisen, wodurch die Aermeren, die nur eine einfache billige Speise haben, zu einem inannigfaltigen Mahle gelangen. Vor einer Hochzeit werden die Wittwen und Waisen mit Kleidern beschenkt. Alle diese, theilweise unwichtigen Fakta beweisen deutlich, wie wichtig für die arme Bevölkerung die Einigkeit ist, welche alle Bewohner des Auls verbindet. 13 H. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für bte Redaktion - Mar Bauchwitz in Berlin.

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