Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1892)
- Date
- 1892-10-28
- Page
- Seite 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Anbei folgt mein neuester Bericht. Ich kann nicht umhin, Ihnen s zu bemerken, daß es alle Ihre hiesigen Abonnenten peinlich berührt; hat, daß Sie in früheren Korrespondenzen meine Reden, gleichviel ob es Toaste oder Predigten waren, gestrichen haben. Ich bitte Sie, s dies in Zukunft nicht zu thnn, Sie konnten hier sonst leicht alle : Ihre Abonnenten verlieren. Ihr David Kaßriel Peßachsoh». Nachschrift: Für „Von Nah und Fern" scheint die folgende Notiz geeignet: „In einer Zeit, wo die konfessionellen Gegensätze in so schroffer Weise anfeinanderplatzen, ist es doppelt erfreulich, daraus Hinweisen zu können, tvie friedlich in Schermeisel die Bekenner der verschiedenen Religionen mit einander leben. Als Beweis sei angeführt, daß ein Mitglied unserer Gemeinde, Herr Meyer Schneider, bei dem diesjährigen Jahresfeste der Schützengilde den besten Schuß abgegeben und die Würde eines Schützenkönigs erhalten hat." —Nunmehr lasse ich den Bericht folgen. Ihr Peßachsohn. Schermeisel, in den Halbfeiertagen des Hüttenfestes 5653. Die Hydra unseres Jahrhunderts, der Antisemitismus, bäumt sich auch in unserer altehrwürdigen Gemeinde hoch empor. Bei der Wahl eines Stadtverordnetenvorstehers, die vor einigen Wochen hier stattfand, ist — die Feder sträubt sich, es zu schreiben — unser Glaubensgenosse Herr Nathaniel Müller unterlegen, vielinehr der Bäckermeister Voigt mit allen gegen 2 Stimmen, zu dem wichtigen Amte gewählt worden. Das Unglaublichste an der Sache ist, daß! selbst unsere jüdischen Stadtverordneten in ihrer Mehrheit für Voigt stimmten. Wenn nun auch nicht geleugnet werden kann, daß der Bäckermeister Voigt, welcher der Versammlung seit 30 Jahren angehört, für den betreffenden Posten die besseren Eigenschaften besitzt, so wird man doch nicht fehl gehen, wenn man für die Niederlage des Herrn Müller lediglich den Antisemitismus verantwortlich macht. In großer Aufregung befindet sich unsere Gemeinde in Folge der Verfügungen, welche unser Vorstand zu den hohen Feiertagen zu erlassen beliebt hat. Daß er am Roschhaschana eine vorherige Desinfektion des Schofars anordnete, fand man dem Ernste der Zeit augemesse», ebenso daß den Kvhanim vor dem Priestersegen abgekochtes Wasser zum Waschen der Hände gereicht werden mußte. Mit dem Ausfall der Predigt am Kolnidre-Abend erklärte Mancher sich gern unverstanden; auch die Anordnung einer halbstündigen Panse am -iom kippur ließ nian sich noch gefallen. Was aber den hellen Zorn Aller, selbst der Aufgeklärten in unserer Gemeinde hervorrief, das mar das Verbot, in der Synagoge ohne Fußbekleidung zu erscheinen Und mit Recht! Das Verbot des Tragens von Lederstieseln am aom kippur ist ein biblisches; und kein Vorstand hat das Recht, hier eine Erleichterung eintreten zu lasten. Natürlich ist es in der Repräsentantenbersaininlung zu lebhaften Auseinandersetzungen gekommen. Herr Cohn II., der sich vergeblich bemühte, den himmelschreienden Ukas des Vorstandes zu entschuldigen, verstieg sich sogar zu der Behauptung, Opfern sei auch ein biblisches Gebot, ebenso sei Zinsnehmen nach der Bibel verboten, dennoch habe man noch nie in Schermeisel die Wiederherstellung des Opferdienstes verlangt und habe auch nichts dagegen gehabt, daß der Vorstand Gelder der Gemeinde zinstragend angelegt habe. Mit Recht wurde dem reformlustigen Herren vorgehalten, daß wir nicht in Jerusalem, sondern in Deutschland leben und daß wir nicht 1892 vor, sondern nach der üblichen Zeitrechnung uns befinden. Das Resultat war, daß man sich zunächst dahin einigte, unserem Herrn Rabbiner, Sr. Ehrwürden l)r. Schreier, die ganze Angelegenheit zur Begutachtung vorzulegen. Wie Herr Dr. Schreier entscheiden wird, weiß man natürlich noch nicht. Jedenfalls wird er die wichtige Frage zuvor im Verein mit seinem Rabbinatskollcgen, Herrn Dr. Kaßriel Peßachsohn, einer gemeinschaftlichen Berathnng unterziehen, und bei der rabbinischen Gelehrsamkeit und dem bekannten Scharfsinn namentlich des letzteren Herrn wird gewiß das Richtige getroffen werden. Immerhin legen solche Vorfälle arifs Nene klar, daß es endlich an der Zeit wäre, einen „Deutschen Rabbinerverband" zu schaffen, von welchem der einzelne Kollege sich in schwierigen Fällen Rath holen könnte. Vielleicht treten die Kollegen Bamberger-Königsberg, Ungerleider-Berli», Rippner-Gloga», Peßachsohn-Schermeisel einmal der Idee dieser Gründung näher. Denn! man kann nie wissen, wozu die Existenz eines solchen Verbandes gut ist. 1». l'. MisceUen. * Die kaukasischen Juden. 'Aus 'Anlaß Ihrer Notiz in den Miscellen der Nr. 20der„Allg. Ztg. d. Judenth. erlaube ich mir, Ihnen ergebenst mitzutheilen, daß Herr Dr. A. Harkavp im Jahre 1884 auf 5kosten der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft unter den Juden in Rußland ein Buch in hebräischer Sprache unter dem Titel „I. I. Tscherny's Reise durch Kaukasien" veröffentlichte, in welchem das Leben unserer kaukasischen Glaubensgenossen beschrieben wird. Gleichzeitig sende ich Ihnen hier in fast wortgetreuer Uebersehung einige Auszüge aus einem umfangreichen Referat über das Buch Anissimow's: „Die jüdischen Bewohner der kaukasischen Berge", welches im ersten und dritten Hefte des Jahrgangs 1889 der in St. Petersburg erscheinenden Zeitschrift „Woschod" abgedruckt ist. „Inmitten der milden mtb großartigen Natur des Kaukasus, von zahlreichen kriegerischen Stämmen umgeben, hat sich ein Häuflein Juden erhalten und ist der Religion seiner Bäter treu geblieben. Die Geschichte ihrer Uebersiedlung nach Kaukasien ist bisher nnaufgekärt geblieben, eine tausendjährige Vergangenheit bedeckt sie mit undurchdringlichen Dunkel. Der Sage nach stammen diese Juden von den Israeliten ab, welche assm rische Könige noch vor der Zerstörung des ersten Tempels aus Palästina geführt und in Medien angesiedelt. Jüdische Bergbewohner giebt es in Kaukasien im Ganzen 28,129. Hiervon leben in Städten 11,027 und in Aulen (Dörfern) 19,032. Sie find sehr arm, jedoch sind die Städtebewohner verhältnißmäßig reicher, was schon daraus ersichtlich ist, daß die Familien derselben mehr Mitglieder zählen (7,35 in den Städten und 3,82 in den Aulen), und daß ein größerer Prozentsatz in eigenen Häusern oder Szaklen (Hütten) wohnt. Eigenes Land besitzen sie fast gar nicht (im Ganzen 2368 Dessjatin, d. i. 0,11 Dessjatin pro Kopf), größtentheils pachten sie solches oder verdingen sich als ''Arbeiter bei benachbarten Ländereibesitzern. Sie genießen gleich den Russen volles Bürgerrecht. Obgleich sie die Religion ihrer Väter erhalten haben, sind sie doch unter dem Einfluß der sie umgebenden Natur vielen heidnischen Bräuchen nicht! ganz unzugänglich geblieben. An die Existenz des einigen Gottes glaubend, nehmen sie jedoch an, daß außer ihm noch andere außergewöhnliche Wesen! göttlichen Ursprungs vorhanden seien, welche eine große Macht über; Natur und Menschen besitzen. Jedoch muß hier bemerkt werden, daß! die städtische Bevölkerung weit weniger heidnische Sitten angenommen hat, als die Dorfbewohner. Brünett, schlank, mit dünner Taille und breiten Schultern, schwarzäugig mit gelben: Weißen, großer Adlernase und leicht hervortretenden Backenknochen ist der jüdische Bergbewohner einem Lesginer, Tschetschenez oder Tscherkessen sehr ähnlich. Die Frauen! sind bedeutend hübscher als die Männer. Ihr Gesicht ist weiß, oft sehr; bleich, ihre Angen schwarz mit langen Wimpern, sie haben dünne, bleiche j Lippen, eine gerade, etwas zugespitzte Nase, ein längliches Kinn, hohe