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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-28 · Heft 44 (28.10.1892) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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526 „Hätte ich Euch in London, in meiner Bank-Office, oder hätte ich Euch nur in Dublin bei meinem guten Freunde, Mr. Samuel!" „Nach London darf ich sobald nicht kommen," erwiederte ich, „das hat seine Gründe; aber den Mr. Samuel in Dublin kenne ich wohl, das ist auch inein guter Freund — seht, jenen Ballen Maaren habe ich von ihm!" Da griff der Londoner Bankier in die Rocktasche . . . „ach", rief er aus, „auch mein Notizbuch haben sie mir genommen — ich möchte Euch etwas Schriftliches geben, aber ich habe kein Papier und keine Feder." „Da kann ich Rath schaffen," sagte ich, schnürte mein Bündel auf und nahm Papier, Feder und Tinte heraus. Der Londoner Kaufherr schrieb und reichte nur dann das Blatt hin. Er hatte folgende Worte geschrieben: Ich, der Endeslmterschriebeue, eröffne dem Ueberbringer, Mr. David Barney, bei dem Bankhause des Mr. Samuel Esqr. in Dublin einen Kredit bis zu 20 Pfd. Sterl. Elias Bar. Lombard-Street. London. Ich dankte für den Kreditbrief, legte ihn zusammen und steckte ihn ein, während Mr. Bar mein Goldstück einsteckte. Am andern Morgen, nachdem sein Pferd ordentlich gefüttert war und er seine Rechnung bezahlt hatte, saß Mr. Bar auf und mit tausend Versicherungen seiner ewigen, unveränderlichen Dankbarkeit ritt er davon. Ich handelte und wandelte in der gewohnten Weise fort, und so mochten wiederum zwei Jahre verflossen sein. Da flog die Nachricht übers Meer, daß die Franzosen in einer Rieseuschlacht bei Waterloo geschlagen und vernichtet, daß die Fremdherrschaft gebrochen, das Kaiserthum gestürzt uub der Kaiser selbst auf einer Insel des großen Oceans gefangen gesetzt sei. Nun dachte ich, meine Zeit sei gekommen. Nun sei keine Gefahr mehr für mich in London. Im allgemeinen Siegesjubel würde man auf mid) keine Acht haben, und wenn auch, so würde man mir Pardon gewähren. Also verkaufte ich rasch meine Bänder und meine Tücher, begab mich nach Dublin sandte die drei Goldstücke, die ich verdient hatte, nach Haus, bezahlte mit den übrigen sechs meine Schuld im Laden des Mr. Samuel und präsentirte den Kreditbrief des Mr. Bar, denn ich gedachte zehn Pfund theils für die Reise, theils für sonst mögliche Fälle zu erheben. Als Mr. Samuel das Blatt gelesen hatte, sagte er, ich müsse in das Bankgeschäft zu seinem Sohne damit gehen. Ich begab mich hinüber in das Koniptoir und überreichte meine Anweisung an Mr. Ralph. < Fortsetzung folgt.. d Indiskrete Briefe aus der Gemeinde Schermeifel. Von I». Sin »viel Pef;ndif e () n. JV. Mein lieber Herr Doktor! Sie wundern sich, daß ich mein Licht vor Ihren geschützten Lesern so selten leuchten lasse und weisen darauf hin, daß Ihr Wiener Briefsteller schon bei der Nummer XX angelangt sei, während ich Ihnen erst drei Mal aus unserer Gemeinde berichtet hätte. Ja, vergessen Sie denn so ganz den Unterschied zwischen Schermcise! und Wien? Wäre ich, wie es mir gebührte, in Wien oder auch nur in Berlin angestetlt, es sollte mir an Stoff zum wöchentlichen Schreiben nicht fehlen. Auch scheint es mir vorznkommen, als ob die Großstadt auf die Schreibelust fruchtbar einwirke. Haben Sie ja doch niemals weniger als zehn „Korrespondenzen" aus Berlin in Ihrem „Gemcindeboten". Im klebrigen ist die Zeitung in den letzten Wochen wieder besser gewesen als früher; hoffentlich gelingt es mir nun bald, Ihnen hier ein paar Abonnenten zu schaffen. Bis jetzt haben die Honoratioren unserer Gemeinde sich noch nicht dazu entschließen können, angeblich weil — man denke! — Ihr Blatt der fortschrittlichen Richtung huldige. In Wahrheit ist der Aerger darüber, daß Sie dem Berichte des Lehrers Löwenfreund über die Konfirmationsfeier in der hiesigen Spnagoge die Aufnahme verweigert haben, daran Schuld. In der That war dies unrecht von Ihnen. Können wir dafür, daß gerade in der Schewnothwoche auch noch in andern Gemeinden Konfirmationen stattgefmiden haben? Was sind wir schlechter als jene? Sehr gefallen hat mir der Vorschlag des Herrn A. — S . . . m „zur Hebung des jüdischen Studententhums". Recht hat der Mann! Nur ein eigenes Hans kann hier helfen, in dem die jungen Leute unter der Aussicht eines Hausvaters — bei wem kann man sich um die Stelle bewerben? — jeden Morgen ihr gemeinsames Schacharißgebet verrichten und in allen freien Stunden so beaufsichtigt werden, daß sie keinen Verstoß gegen die Satzungen unserer heiligen Religion begehen. Dahin sollte der „Hilfsvcrein für jüdische Studirende" streben, nicht darauf, daß er so jungen unerfahrenen Menschen Geld in die Hände giebt und sich nicht darum kümmert, was damit geschieht. Reform der Geldverweiidnng — dieses Schlagwort des Herrn A. — S . . . in ist mir sehr svmpathisch. Ihnen auch, Herr Doktor? Es wird Ihre Leser gewiß interessiren, zu erfahre», daß ich an Herrn I. Singer in Paris, den Herausgeber der „Allgeineinen Encyelopädie des Judenthums" das nachfolgende Schreiben gerichtet habe, dessen Abdruck in Ihrer Zeitung gewiß nur durch ein Perfahren bisher unterblieben ist: „Sehr geehrter Herr! Ich habe Ihr Cirkular erhalten i>nd spreche Ihnen zu dem schönen Unternehinen meinen herzlichsten Glückwunsch aus. Es wird mein Bestreben sein, in hiesiger Gemeiiide einen Subskribenten für das große Werk zu gewinnen. Ihr I>. Peßachsohn." Mit einiger Berwunderung habe ich die Angriffe gelesen, die dem verehrten Herrn Dr. Jellinck ivegeu dessen Vorschlag in der Blntlügeiifrage zu Theil geworden sind. Hatte er denn nicht ganz recht? Ich ivürde noch viel weiter gehen — oder das wäre nicht einmal »öthig, denn das Ei des Columbus liegt ja so nahe. Petitioniren wir einfach, daß die Regierung den Antisemitismus als strafbar verböte, und mit einem Schlage hätte die ganze Jndenhetze ein Ende. Sehen Sie, ans solche Idee ist selbst ein Jellinek noch nicht gekommen. Auch in anderer Hinsicht geht man mir nicht weit genug. Ta sollte in Wien eine Konferenz zur Hebung der Religiosität stattfinden, und Sie, verehrter Herr Doktor, haben mit Recht dafür plüdirt, daß die Rabbiner hinzugezogen würden. Aber warum in Wien? Zeichnet sich Wien durch Frönnnigkeit so aus, daß von dort die Wiederherstellung der Religiosität ihren Ausgang nehmen könnte? Warum wählt man nicht einen Ort wie Schermeifel, wo noch gute alte Branche herrschen. Unsere Gemeinde fühlt sich in der That, wie Ihr Wiener Berichterstatter ahnt, schwer gekränkt. Ferner, warum sollen nur die Rabbiner und nicht auch die Kantoren zugezogen werden? Wir sind, glauben Sie es mir, schwerer zn entbehren, als die Herren Rabbiner — das hat auch der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde empfunden, als er an den Vorabenden der hohen Feiertage aus Furcht vor Krankheit die Vorträge der Rabbiner verbot, unsere aber bestehen ließ. Man soll nicht glauben, uns Kantoren ungestraft znriicksetzen zn können. Den Erfolg habe»

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