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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-28 · Heft 44 (28.10.1892) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
Seite 524 (sequence 8)
Language
German
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524 merkwürdigen Traumes, der sich wohl auf einen nicht näher bekannten Vorgang bezogen hat; den Schlüssel dazu hat er in seinem Herzen, denn es heißt ain Schlüsse: „Heben Sie dies Blatt auf, das kann uns nach einer langen Reihe von Jahren vielleicht einmal wieder einen lustigen Augenblick verschaffen. Den Schlüssel verliere i ch nicht, der ist an einem Orte, aus dem mau leider auch nicht das verliert, was man los sein will." Sehr bemerkenswerth ist der zwölfte Brief ans viel späterer Zeit. Wie es scheint, hat Henriette Herz über eine Mischehe in ihrer Familie seine Ansicht hören wollen; darauf antwortete ihr Humboldt: „Ich bin für alle Arten der gemischten Ehen nach allen Haut- und Glaubensfarben, wenngleich das Acsthetische der Hautfarben bei dem Prozesse mehr als der Glaube gefährdet wird. Eine Empfehlung oder Fürsprache von meiner Seite könnte in einem die christlichen Vorurtheile berührenden Gegenstände nur schädlich wirken. Man wird mich nie über einen solchen Gegenstand befragen, ja, auch nicht, ohne zu lächeln, mich anhören. Eheliche Verbindungen zwischen Christen und Inden sind in den besseren, früheren, toleranteren Jahrhunderten überall erlaubt gewesen. Sie wissen, theure Freundin, daß Leuchsenring . .. diese Art der gemischten Ehen wünschte und vorschlug als Mittel des Untergangs des Judenthums." Mögen sich alle Diejenigen, welche für die Mischehe schwärmen, diesen Satz merken! Leuchsenring ist wahrscheinlich der hessische Rath, den Goethe in „Wahrheit rmd Dichtung" citirt und im „Pater Brey" verspottet hat, wo er ihn als „Pfaff" mit den Versen einführt: „Hab ich doch mit Geistcsw orten 3(uf meinen Reise» allerorten Aus rohen ungewaschenen Leuten, Die lebten wie Juden, Türken und Heiden, Znsanimcngcbracht eine Gemein', Tie liebe» wie Maicnlnnunelein Dich und die Geistesbrüderlein!" Ganz besonders interessant sind die beiden letzten Briefe Humboldts an Henriette Herz aus dem Jahre 1845. Schon als junger Kronprinz war König Friedrich Wilhelm kV. in das Herz'sche Haus gekommen und hatte dort die Schönheit der Hausfrau bewundert. Es machte Humboldt, der der schönen Frau stets in Freundschaft ergeben war eine besondere Freude, bei dem Könige diese Jugenderinnerungen später auffrischen zu können, indeur er ihm ein Bild Henriettens, das eine begabte Dilettantin, EliseFrünkel, 1820 angefertigt hatte, und das Marianne Mendelssohn gehörte, eines Tages überreichen durfte. Auf dem Bilde war Henriette nach der Mode der Zeit mit einem Kopftuch in Form eines Turbans dargestellt. Auf dieses Bild bezieht sich nun der folgende Brief: „Ich muß Ihnen sagen, theure Freundin, wie lebhaft die Freude des Königs war, als ich ihm, schön eingerahmt, Ihr liebliches Bild, von Elise Frankel gezeichnet, gebracht habe. Ich verdankte es dem Wohlwollen von Marianne Mendelssohn, die von mir erfuhr, wie sehr der König ein Bild von Ihnen wünschte, „wie Sie ihm in der jugendlichen Einbildungskraft vorschwebten." Er fand das Bild nicht schön genug, aber theilweise sehr ähnlich. „Das ist dazu der einfache Turban, das Kopftuch, wie ich es noch vor mir sehe. Ich werde suchen, das Bild der Königin zu verbergen. Wir sollten Beide, in unserem Alter, den Hof mehr zu meiden wissen." Sehr charakteristisch und ehrenvoll für alle Theile ist endlich der letzte Brief von Alexander Humboldt an Henriette, nachdem der König auf seine Verwendung der darbenden Greisin eine jährliche Pension bis an ihr Lebensende bewilligt hatte. In diesem Brief heißt es: „Wenn ich so glücklich war, meine theure Freundin, Siebente durch das gemüthliche Andenken des Königs zu erfreuen, des Königs, der, wie er sich ausdrückte, „von früher Jugend an Ihren Namen mit inniger Hochachtung hat aussprechen hören", so habe ich jetzt schon Veranlassung, auch die kleine Ungewißheit zu heben, die in meiner Erzählung zu liegen schien.... Der König hat nämlich gestern Abend schon ein Handbillet an Geh. Kabinetsrath Müller geschrieben, diesem meine Eingabe geschickt und auf das Bestimmtest, ausgedrückt: Es sollen Ihnen jetzt durch mich für das laufende Jahr 50 Stück Friedrichsd'or gebracht werden und vom 1. Januar 184ü an sollen Sie lebenslang eine jährliche Pension von 500 Thalern ziehe» Es ist Alles schon ausgefertigt, aber der König hat es zarter gefunden da Sie um nichts gebeten und die ganze Sache ohne Ihr Wisse» geschehen, keine Kabinetsordre an Sie zu richten. Ich werde ein, schriftliche Antwort vom Könige erhalten, in der Ihrer auf das Ehren vollste erwähnt ist. Mit aller Verehrung Ihr Alexander Humboldt. Den 20. November 1846. — Ich beschwöre Sie, mir nicht zn antworten." Diese Nachschrift drückt das zarte Empfinden Humboldts für die greise Frau aus, der ihr eine förmliche Danksagung erspare» wollte. Mit dem Briefe des großen Forschers schließen die daukens werthen Mittheilungen über Henriette Herz ab, die uns von Neuei» einen Einblick in jenes schöne, geistig bewegte Geselligkeitsleben Berlins gestatten, das nun schon längst zur Mythe geworden ist. k FEUILLETON Mas Goldstück der Mutter. Von Julius Rodeuberg. (Fortsetzung. Als ich gegessen und meinem guten Wirthe herzlich gedanli hatte — denn außer dem Dank hatte ich ihm nichts zu geben — machte ich mich nach der Sackvillestraße auf, um das Haus des Mr. Samuel zu suchen. Ich fand es sogleich, denn es war groß, vor nehm und zeichnete sich vor allen anderen Häusern aus. Mit be klommenem Herzen stieg ich die breiten Treppen hinauf und trat in das Haus; es waren eigentlich zwei Häuser: in dem einen war da- Bankgeschäft und in dem andern war der prachtvolle Laden mit de» großen Glasfenstern. Ich kam in das Komptoir des ersten Hauses und fragte nach Mr. Samuel. Ein junger Mensch — ungefähr so alt, wie ich selber damals war — stieg von einem Sessel herunter und kam zu mir an die Thür. Der Mensch hatte ein für mich unangenehmes Gesicht, stolz, hochmüthig und boshaft. Er sah micb grimmig an und fragte mit barschem Tone: „Was wollt Ihr? Wer seid Ihr? Ich bin Mr. Ralph Samuel. Wollt Ihr mich sprechen, oder wollt Ihr meinen Vater sprechen?" Da ich mir nicht denkenkonnte, daß sein Vater noch roher sein könnte als dieser junge Mensch, so sagte ich, ich wollte seinen Vater sprechen. „Dann müßt Ihr hinüber gehen in den Laden. Dann habt Ihr hier nichts zu schaffen!' rief er und schlug die Thür hinter mir zu, als ich ging. Daraus begab ich mich, die Mütze in der Hand, in den Laden. Die Lichter brannten schon, und der Widerschein aus den Krystallglocken und den Spiegelscheiben blendete meine Augen. Als ich schüchtern nad> Mr. S amuel fragte, ward ich zu einem alten Herrn geführt, der recht ehrwürdig aussah und auf meine Begrüßung das Sammlkäppchen über seinem grauen Haar ein wenig lüftete. „Womit kann ich Euch dienen?" fragte er. „Ich bin ein deutscher Jude," erwiederte ich, „den sein Schicksal hierher, nach Dublin geführt hat, ich bin rath- und mittellos und iclj wollte Euch bitten, mir einen kleinen Dienst in Eurem Hause auzuvertraueu." 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