Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1892)
- Date
- 1892-10-28
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Derlei Worte »nd Szenen wären wohl an keinem achtjährigen Knaben spurlos vorbeigegangen, und Moritz war frühreif lind sehr begabt, ihm haben sich jene dunklen Tage unvergeßlich in Hirn lind Herz eingekerbt. Reichere Mittheilungen über seine Kindheit liegen mir nicht vor, immerhin läßt sich ein Einblick in seinen Werdegang gewinnen. Harmonisch war die Erziehung nicht, auch sonst in mancher Hiilsicht nnvernünstig. Körperlich ivurde der Knabe in einer Art verweichlicht, wie sie selbst im polnischen Ghetto, wo die Wohlhabenden leider in diesem Punkte Ungewöhnliches leisten, selten ist. Selbst im Sommer „wohl verpackt, als ginge es in nächster Stunde nach Sibirien", wurde er im Winter „als unförmliches Bündel von Tüchern und Pelzwerk auf des Dieners Arm zur Schule getragen." Laufen und Springen, jede raschere Bewegung war selbst in der Stube verboten, geschweige denn im Freien, wohin er selten lind dann nur in Begleitung des Dieners oder der Mutter durste. Spielgenossen wurden ihm zuweilen auf die Stube gebracht, anfsnchen durste er sie nicht. Neben der zitterigen Sorge der Mutter um die Gesundheit des Einzigen, der ihr geblieben, mochte auch ihre stete Angst, das; ihm die Chassidim seiner Tracht wegen etwas anthnn könnten, all' den Widersinn verschuldet haben. War der Vater daheim, so steuerte er vorübergehend dem Schlimmsten, den Diener freilich wagte auch er nicht abzllschaffen. Sobald er abgereist war, handelte die Mutter wieder ganz nach eigenem Ermessen. Im Herbst 1814 fand Siinche, als er ans Wien heimkehrte, den Knaben sogar i»i Kaftan und mit keimenden Schmachtlöcklein vor. Der Kaftan wurde gekürzt, die Löckleiu rasirt, und die Auseinandersetzung, die der Mann mit ver Gattin hatte, war eine so gründliche, daß derlei in Zukunft unterblieb. Aber hindern konnte er es doch nicht, daß auch der häusliche Unterricht in eine männliche und weibliche Rcgierungszeit zerfiel; war Lunche fort, so verschlang die Tnlmndstnnde die deutsche. Höchst ungünstig mußte es alich wirken, daß Beide den Knaben »in die Wette verzogen lind gleichsam darin wetteiferten, welches von ihnen durch größere N'achgiebigkeit gegen feine Wünsche mehr Liebe bei ihm erringen könne. Was uns im Leben so oft schmerzhaft durch's Herz schneidet, die Erkenntniß, daß die Erziehung nur eben ein Faktor neben der Naturanlagc ist »nd die beste Erziehung nichts über eine ichlüuine Anlage vermag, wird uns hier ziiin Trost. Die Anlage war unverlvüstlich gut, der Knabe wurde brav, gntmüthig, gegen beide Eltern zärtlich, obschon sein Herz von Anbeginn mehr an dem Vater hing. Freilich haben wir ihn »ns daneben in jener Zeit als ein blasses, kränkliches Kind ni denken, das seinen Willen oft mit leidenschaftlichem Starrsinn durchzusetzen suchte, dabei körperlich träg nnd Gleichalterigen gegenüber scheu und furchtsam war.') Daß seine geistige Veranlagung keine gewöhnliche war, erwies sich sehr früh. Er lernte leicht, rasch, hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis;, hielt das mühelos Erworbene unverlierbar fest, aiich die Spur voll Witz und Phantasie zeigte sich schon damals. Näheres wird später darüber zu sagen sein; hier nur so viel, daß sich ihm der Gegensatz der verschiedenen Welten, in die er blickte, sehr früh offenbarte. Ich meine damit nicht den Gegensatz zwischen dem „Lesebuch für Normalschulen" und dem Talmud; ein achtjähriges Kind, auch Praxis »' NU a iö.ritt, wenn es noch so frühreif und begabt ist, liest beides gleich naiv ui eifrig. Aber der Gegensatz zwischen den Christenknaben, neben dem» er auf der Schulbank saß und die ihn als Juden hänselten, da, irttigge Ehassidim, die ihm, wenn er an des Dieners Hand an ihnen vorb» kam, Schimpfworte nachriefen oder Schneebalken an den Kopf warfe und dem eignen Ich! Der Vater suchte ihm jedes Grübeln darüber fernzuhalten bis zu jenen „Cherem"-Tagen, da ging es nicht mehr. „Die Christ, sehen es nicht gern, daß ich zur Schule gehe," sagte er dem Vatr „die Chassidim wollen mich deswegen todtschlagen, muß es denn sein . „Thust Du's denn nicht gern?" — „Sehr gern!" Und leidenschaftlich aufflaimnend fügte er hinzu: „Ich will lieber sterben, als nicht zi Schule gehen, laß »üch's nur versuchen. Nur möcht ich vorher wisse. was schadet es denn den Chassidim?" Ter Vater suchte ihm die Sack läge zu erklären, nach Rappaports eigenem Urtheil ans späterer Ze „unendlich klug nnd vorsichtig", er suchte ihm das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit de» Mißleiteten zu erhalten, daneben doch d, Liebe zum Fortschritt einzupflanzen. Aber die Reden nützten wenig Sich von den Chassidim erschlagen lassen, oder nicht zur Schule gehe» oder von der Mutter weg nach Wien fort müssen — es war dock Alles gleich bitter, nnd die Chassidim waren daran schuld. Da fai der Vater ein Gleichnis;, welches den Stachel ans dem Kinderherz, zog, es zur edelsten Aufwallung erhob und noch im Gedächtniß d, Greises unverlierbar haftete: „Du heißt ja auch Moses, denk an ib der uns ins gelobte Land geführt hat! Er hat doch gewiß das Bei, gethan, und wie oft ist er dennoch durch Undank gekränkt ward Hat er deshalb seine Brüder nicht mehr geliebt? Zum Besseren Hai er sie geleitet, und das kann Jeder von uns. Und wenn Du dar nur ein kleinivinzig Stückele von einem Moses wirst »nd so w thust, wie er mit dem halben Nägele von seinem kleinen Finger, ist's schon genug! Darum mußt Du »»verbitterten Herzens nacli Wien gehen." Die Reise war zunächst durch ein »nvermuthetes Ereigniß nur nöthig. Aber wenn man der Liebe des Biographen ei» wenig wa dem zu Gute hält, was man der Vaterliebe nachsieht, nnd wenn , überhaupt gestattet ist, in noch so weitem Abstand neben die größt Gestalt eines Volkes eine» tüchtigen Arbeitsmann zu stellen, so möäu auch ich sagen: „ein kleinwinzig Stückele" von einem Moses ist Moni Rappaport mindestens in der Liebe zu seinem Stamme geworden. l) „Wenn ich", erzählte der Dichter im Alter oft zur Warnung für allzu nachsichtige Eltern, „etwas durchsetzen wollte, so warf ich mich zur Erde, oder noch besser: ich that, als risse ich mir die Haare aus. Aber nur gegen meine Eltern war ich so tapfer: vor einem vierjährigen Knirps, wenn er trotzig auf mich zukam, lief ich heulend davon. Meine Kindheit lehrt, wie Eltern ihre Kinder nicht erziehen sollten!" Erinnerungen an Henriette Herz. Hundert Jahre mögen verflossen sein, als man fast regelmäs»! jeden Abend zwischen sieben und acht Uhr einen kleinen Mann, dess» Kleidung nnd Haltung den Geistlichen verrieth, in Berlin von b'i' Chausseestraße nach einem kleinen Hanse der neuen Friedrichstrm Ecke der Königstraße, wandern sah. Der Mann, der damals Predig» an der Charitee war, hatte einen langen Weg gemacht, der zuina in Wintertagen nicht ohne Beschwerlichkeit war; sein Raine wa> Friedrich Schleiermachcr. In das Knopfloch seines Rockes angehäi»? trug der Wandrer eine kleine Laterne, die ihm leuchtete, da es damals noch keine öffentliche Straßenbeleuchtung in Berlin gab, und die Geschenk der wertsten Freundin war, welcher die Besuche galten: de> Gattin eines jiidischen Arztes. Der Zufall hatte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ciiuii jüdischen Arzt portugiesischer Abkunft, Benjamin de Lemos, nack k'iliii ressen inhen tocrnur Di gilbet rrrksan nr, iv uvil sie rar. 1 vnz. Al . »bhü »iem . «ichinii lerhäu aem ■ war Al;ie Ko tteis, i r jüd lustig geselp Lein irr da° erit a den ßr so! d — Dr äages i sei l i't wer;lte ih und ählte; emp rüber af's $ am i rarde i e Ta ser ti ine t vckche i iteb »rlunig Eosche Dr Markus ach kei ui Da i sein aichen. Kn Mi 'rigen