Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1892)
- Date
- 1892-10-28
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227976--49231-3269912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
521 >M erdient cm Zchilderun: i eigentlich hat imd 1 dort! T> n zu fühle, schen Selb,! selsten Tco^ chieden um?inb verlo as war nii) i mußte ü'i b Alles Uf ß diese friihs s er erseln: ruch daraii icn »nd i men, worU lommissien! mer tapse ü nun an , die Dicht a, blieb de Kontors uii : unterlege Nicht tun ion: er ii bensführa Kinder >n> :r nach femi herein zivi iß sie Jadl »eil im lud cht blos fi cur Löb, a» msatz beit elches Mer siittheilun« >erlicfcrt liij osef Per: Galizien eite für Ij?r selbst „Haben chenswürdis lein) mci : Löb seinü H>ott Wnh i Juden üiij fragte der And« So war denn Salomo» Löb auch mit der Erziehung, die nuche seinem einzigen Sohne gab — zwei andere Knaben starben i nach der Geburt, außer Moriz blühte nur noch eine Tochter, Hasalie, im Hause auf — nicht völlig einverstanden. Daß Moritz iiicn vortrefflichen Lehrer im Hebräischen erhielt -- einen seltsamen jltnschen, mit dem Spitznamen „Nuwi" (Prophet) — und früh in den lmud eingeführt wurde, fand ebenso seine volle Billigung, wie; der Knabe ganz regelrecht die Normalschule durchmachte. Hinjcaen war ihm die deutsche Tracht des Kindes etwas störend. „Es keine-Sünde," sagte er dem Vater, „ich weiß es auch. Aber es idet ihn doch von den Anderen und mancher Vater, der sonst!ien Sohn nach Deinem Beispiel dorthin schicken würde, schreckt n davor zurück." — „Ich will nicht davon sprechen," war Simches twort, „wie viel niein Knabe durch diese Aeußerlichkeit leiden in rde, obwohl ein Vater wohl auch daran denken darf. Aber wie iirgert sich ein Fortschritt ein? Dadurch, daß Einzelne vorangehen! >llte Jeder auf die Anderen warten, wie kämen wir vorwärts?!" „Doch! wir müssen Alle zugleich vorwärts! Denk an Jakob's fer!" mahnte der Vetter. — „Eben weil ich daran denke!" rief wche. „Habe deshalb ich studiren dürfen, weil er im Kaftan zur ^iversität ging?!" Noch heftiger entbrannte der Widerstreit der Anschauungen, als muhe den Knaben von einigen Geboten des Ceremoniells entband; handelte sich nur um Dinge, die mit dem Besuch einer öffentlichen amle schwer vereinbar waren, Kleinigkeiten, die heute selbst der hodoxeste Jude in Deutschland nicht mehr einhält. Wie fromm Erziehung trotzdem war, mag der Umstand beweisen, daß Moritz : Sabbath weder die Schule besuchen, noch ein deutsches Buch rühren durfte. Aber Salomon Löb nahm auch weniger an den inigkeiten, als an dem Prinzip Anstoß. „Wohin kommen wir," chnte er, „wenn jeder Einzelne für sich oder für sein Kind bestimmen ff, was gehalten werden soll, was nicht!" — „Aber wer soll's ui bestimmen?" — „Eine allgemeine Rabbiner-Synode, die das csentliche von dem Kleinlichen scheidet!" — „Wir haben sie ja nicht!" „Wir sollten sie haben!" — „Darauf kann ich nicht warten. Es Gefahr im Verzüge. Der Junge soll, wenn er Lust dazu hat, in n Medizin studiren. Lasse ich ihn bis dahin Alles erfüllen, was >' und ich befolgen, wie wird's dann mit ihm? Dort kann er t t Allem Nachkommen und geräth dadurch wahrscheinlich in einen nchtbaren Gewiffenskampf, der vielleicht mit dem Schlimmsten endet: wirft Alles fort. Dem beuge ich vor, indem ich ihn daran gewöhne, Wichtige von dem Unwichtigen zu sondern." — „Nein, nein!" :'ß Salomon Löb erregt. „Das ist nicht Deine und Deines Sohnes, -U ist die Sache der Wissenschaft. Sie allein darf sondern und noerfen. Und sie wird diese Aufgabe erfüllen, sie muß es! Daru allein kann dem Judenthum neues Heil kommen." Man sieht, der Gegensatz zwischen den beiden Männern bestand fü t darin, daß der Eine am Judenthum festhielt, der Andere nicht; mbig waren Beide. Auch darin nicht, daß etwa der Eine ein erischrittler, der Andere ein Konservativer gewesen; die Schlagworte [iiicn nicht, selbst wenn man sie im Sinne der Mendelssohn'schen fit und nicht der unfern auf sie anwenden wollte; konservativ waren ßiüe. Wohl mag sich Simche aus seinen geliebten Franzosen etwas ihr allgemein Menschliches angelesen haben; erhalten wollte auch er »glichst viel. Es war ein anderer Gegensatz, der zwischen Theorie und raris, Wissenschaft und Leben, und darum ein für jene Zeit und höchst bezeichnender Gegensatz. Weltklüger muß uns >mche erscheinen, aber Salomon Löb als die idealere und tiefere utur. Angenommen, daß sich sein Ideal durchführen, also für die Mpischer Resultate einer kritischen, streng wissenschaftlichen Durchforschung der heiligen Schriften, des Talmuds u. s. w. die Zustimmung Aller gewinnen ließ, dann war dem Judenthum allerdings „neues Heil" geworden und Alle rückten in einer Linie vor. Auch dies ist klar, daß der „Neuerer" Simche dem Zelotenthum ein minder gefährlicher Gegner war, als der stille Gelehrte, der ängstlich nach dem Schulchan Aruch lebte und z. B. sogar seinen Eltern nicht zu gestehen wagte, das; er französisch gelernt — nach der Familien-Tradition schrie die Mutter, als sie ihn zufällig in dieser Sprache reden hörte, entsetzt auf, weil sie glaubte, daß er wahnsinnig geworden! So war denn der „Lemberger Großinquisitor", wse damals der Kreisrabbiner Jakob Ornstein im Kreise der „Aufgeklärten" hieß, auf der richtigen Fährte, wenn er ihn womöglich noch mehr haßte als die Lehrer der deutschen Sprache im Ghetto: Erter, Pastor u. A. Im Jahre 1816 schien ihm das Maß ihrer Sünden voll. Aber was thun? Der Pöbel wurde gegen sie gehetzt. Aber sie waren an Beschimpfungen so gewöhnt, daß ihnen dies gleichgiltig war. Einer und der Andere wurde überfallen und krank geschlagen. Aber sie erholten sich wieder. Es mußte etwas Entscheidendes geschehen: nur der feierliche Bann konnte helfen. Freilich hatte die Regierung die allerdings furchtbare Maßregel unter strengster Strafe verboten, aber Ornstein glaubte unentdeckt zu bleiben, wenn er die Bannbulle anonym an die Mauern des Lemberger Ghetto anschlagen ließ.') Hochauf lohte der Fanatismus, auch die bisher Friedlichen unter de» Chassidim geriethen in wilden Eifer. Die Opfer waren Vogel frei nicht mehr ihres Lebens sicher. Wieder einmal wie vor 26 Jahren schien die Sache der Aufklärung in Galizien verloren. Der Eindruck, den dies Ereignis; auf Simche machte, war ein sehr tiefer. Er ließ Moriz nicht mehr zur Schule gehen, weil er das „deutsch" gekleidete Kind in diesen Tagen nicht auf die Straße zu schicken wagte. Der Privatlehrer im Deutschen fand sich nicht ein, da er zu den Geächteten gehörte und in seinem Hanse durch die Polizei geschützt werden mußte; den Lehrer des Hebräischen aber, der kam, wies Simche aus dem Hause. Der sonst so ruhige Mann war fassungslos vor Entrüstnng; zum ersten Male hörte man ihn heftig über die Chassidim reden, ihren Namen brandmarken. Sein erster Gedanke war auszuwandern, sein Geschäft nach Wien zu verlegen; er kannte die Verhältnisse der Hauptstadt, da er seit 1810 mehrere Monate im Jahr dort zu thun hatte. Aber das hieß die ganze Existenz aufs Spiel setzten; darin mußte Simche seiner Frau Eva (geb. Schochem), die sich verzweifelt dagegen stemmte, Recht geben Freilich war sie ebenso geschäftsklug als bigott, die stärkste Wurzel ihres Widerstandes war vielleicht die Sympathie mit der „Cherem"- Partei. Doch gab Simche diesen Plan nur auf, um sofort einen anderen zu fassen, an dein er nun mit unerbittlicher Entschloffenheit festhielt: er wollte den Knabeir nach Wien bringen und dort erziehen lassen. Vergeblich jammerte die Mutter, sie würde den Schmerz der Trennung vom einzigen Sohne nicht überleben; auch dem Ansturm aller Verwandten blieb Simche taub. „Ich lasse ihn nicht im Sumpf verkommen," rief er, und auf die Drohung, daß der Hausfriede darüber zu Grunde gehen werde, hatte er nur die Antwort: „Lieber mag ich unglücklich werden, als er!" Der gehaltene, entsagungsvolle Mann, der einst ohne viel Kampf sein eigenes Streben und Hoffen hatte einsargen lassen, war in der Angst seines Vaterherzens jählings ein Anderer geworden . . . ’) Vergleiche Max Letteris' Aufsatz: „Salomon L. Rappaport's 7u. Geburtstag" in den „Wiener Mittheilungen", Jahrg. l8U0,Nr. 17 ff! s i