Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
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514 der Fahrt und dem spanischen Kriege beben machte. Ich bedachte, daß meine Mutter mit mir ihre letzte Stütze verlieren würde — nach Spanien konnte, nach Spanien wollte ich nicht ziehen, und mein Entschluß war rasch gefaßt. Mit den zehn Spillingen, die ich als Unteroffizier erhalten hatte, machte ich mich in der Nacht auf. In dem Anzuge des Matrosen, den ich mir schon vorher zu verschaffen gewußt hatte, kam ich am Morgen nach Oxford, pilgerte durch Gloucestershire und Monmouthshire dem Westen zu, meist bei Nacht, wahrend ich bei Tag mich in einsamen Dörfern aufhielt, betrat bei Tydvill das Fürstenthum Wales, durchzog das Hochgebirge von Caermarthen bis Caernarvon, kletterte bei Llanberis über den Snowdon, überschritt bei Bangor die Menai-Stratt-Brücke und kam endlich nach achttägigen Kreuz- und Ouerziigen an der Nordwestspitze von Anglesea, in Holyhead an. Auf einer Schaluppe, die Schieferplatten nach Dublin bringen sollte, miethete ich mir einen Platz und nach einundeinhalbtägiger Seefahrt betrat ich den Boden von Irland. Hier athmete ich zum erstenmal wieder frei auf; hier hielt ich mich für sicher, und ich war es auch. Aber ich war auch wieder ganz verlassen und noch dazu in viel größerer Gefahr als an jenem Tage, wo ich dem Helgoländer Kauffartheischiff entsprang. Zudem war mein Geld daraus gegangen, und als ich auf der Bank im Phönixparktraurig, hungrig und elend lag, da faßte ich zum zweitenmal an das Goldstück, welches mir meine Mutter Ungenützt hatte. Allein ich dachte wieder: „noch mußt bu es nicht herausnehmen" — es war recht, als ob mir aus jeder Berührung desselben neue Kraft erwachsen sollte. Ich ging wieder in die Stadt zurück, ich sah mir die Häuser an — und wenn auch nicht so riesengroß und so überaus volkreich wie London, so war ich doch schon mehrere Stunden gelaufen, ohne Ziel und Ende zu sehen. Auf einmal fiel mein Auge auf ein Haus, das in jüdischen Lettern anzeigte, daß sich in demselben eine Garküche für Juden befinde. Ich trat ein, gab mich als einen Glaubensgenossen zu erkennen und bat um unseres gemeinschaftlichen Gottes willen, daß sie nur etwas zu essen geben möchten. Der Besitzer der Garküche ließ mir zu essen geben und sprach mir freundlich zu. „Wohnen hier denn noch viele Juden?" fragte ich ihn. „Außer mir wohnt hier nur noch eine Judenfamilie, Mr. Samuel, der große Kaufmann und Banker, auf der Sackville-Straße, das zehnte Gebäude von Leinsteehouse, rechts," sagte der Wirth. „Aber sonst kommen noch sehr viele jüdische Kaufleute aus London und Liverpool hierher, die bei mir speisen." (Fortsetzung folgt.) ,,Ghre seinem Andenken!" Von S. Steinberg in Hamburg. Nach langen unheilvollen Wochen ist es endlich den vereinten Anstrengungen gelungen, den grausamen asiatischen Würgengel aus unserer theuren, so schwer heimgesuchten Vaterstadt zu bannen. Der drückende Alp, der schwer auf jeder Brust lastete, ist endlich gewichen; Hoffnung und Zuversicht beginnen wieder einzukehren in die Herzen der schwergeprüften Bewohner, und von allen Lippen steigt ein Dankgebet zunr Himmel empor, so inbrünstig, wie es nur die dräuende Gefahr, die gemeinsame Noth erweckt. Wohl rinnen noch in tausenden von Familien die heißen Thränen mn die theuren Angehörigen, die der grausame Tod mit Blitzesschnelle dahingerafft; noch mildert kein äußeres Liebeszeichen, kein Grashalm den erschütternden Anblick der tausend frischen Grabcs-! Hügel, in welche die schmerzlichen Opfer der verheerenden Seuche pmg- und klanglos gebettet wurden. Unzähliges Familienglück, Freude und Zufriedenheit sind mit einem Schlage vernichtet; namenloser Schmerz, Knnuner und Elend starren aus den heimgesuchten, einst so behaglichen Räumen. Eine tiefe, tiefe Wunde ist unserem Gemeinwesen geschlagen; mit fürchterlicher Gewalt hat das Schicksal seine Furchen gezogen. Und dennoch darf das bangende Herz nicht verzagen, sondern muß in treuer, unabweisbarer Pflichterfüllung gegen die Lebenden den eigenen Schmerz bekämpfen. Keine Thräne giebt zurück, was die Erde birgt! — Wenn aber etwas im 'Stande ist, das unsägliche Weh zu mildern, den trüben Ausblick in die Zukunft zu erhellen, so ist es die großherzige Opferwilligkeit unserer Bewohner, ihr gemeinsames erhebendes Mitempfinden und die rastlose Bethätigung einer wahren Nächstenliebe, die aus tiefster Seele bittet: Laß das Zagen! trage umthig Deine Sorgen, deine Qual! Sei die Wunde noch so blutig. Heilen wird sie doch einmal. Auch in den Reihen der Männer, welche einst im heiligen Kampfe für das Vaterland dem Feinde todesmuthig gegenüber traten und seit zweihundert Jahren im miterkämpften Frieden unter uns geweilt, hat die verwüstende Geißel eine schmerzliche Lücke gerissen. Unergründlich bleibt das Schicksal, das einst die jungen Krieger im blutigen Schlachtgetümmel, im heißen Kampfe — Brust gegen Brust — beschützte, und sie nunmehr, als sorgende Familienväter, inmitten des tiefsten Friedens von einem unsichtbaren Feinde dahinraffen ließ. Ueberaus schmerzlich bewegt den Schreiber dieser Zeilen das jähe Hinscheiden eines ihm innigst befreundeten Kameraden. Das Andenken an dessen seltenes Beispiel im Kriege von 1870/71 bleibt für immer verknüpft mit der unerschütterlichen Gewißheit, daß wahres Menschenthum auch dann nicht erstirbt, wenn rings um uns Tod und Vernichtung toben. Rur in den Stunden der dräuenden Gefahr, der allgemeinen Noth wissen es die Menschen, welche Fülle der Liebe ihre Brust birgt. Beim Anblick des Todes zerstiebt alles Nichtige, alles Kleinliche, was menschliche Engherzigkeit geschaffen, — und nur sie allein, die ewige Wahrheit, erstrahlt im hinunlischen Glanze '. Uns Alle hat ein Gott geschaffen, wir Alle sind Brüder. Wie der Krieg mit seinen zahlreichen Verlusten an Menschenleben eine Aehnlichkeit zeigt mit der wüthenden Epidemie, so erweckt auä j das allgemeine menschenfreundliche Liebeswerk unserer Hamburger j Bevölkerung einen Anklang an die großherzigen Vorkommniffe in! Felde. In diesem Sinne möchte ich jene nur Wenigen bekannt ge! wordene Episode aus dem Leben meines entschlafenen Kameraden ali ein theures Andenken vor Vergessenheit bewahren.! Ta drunten war's, am eisumstarrten Strande der Loire, an | der Resttheil unseres 76. Regiments im tagelangen blutigen Ringen; Schritt vor Schritt, vom übermächtigen Gegner gedrängt, die letzte Kraft einsetzte. Wer dort vom Anfang bis zum Ende in Reih uns Glied gestanden, getreulich seine Schuldigkeit gethan, der hat die allerschwersten Leiden des Krieges kennen lernen; der weiß, am-; pflichtgetreue, opferwillige Menschen leisten können, welcher felbfttofcn i Hingabe sie fähig sind. In dieser verzweiflungsvollen Lage ist jebcL Gegensatz spurlos verschwunden. All' die mannigfachen Unterschiede, die der menschlichen Gesellschaft naturgemäß anhaften, sind gäuzliel ausgeglichen. Die sichtbare Gefahr, der nahe Tod kettet alle Kämpfer! wie wahre Brüder fest zusammen. Wer kennt noch den Begriff von! reich und arm, von hoch und niedrig? Wer denkt noch an die kirchj lichen Bekenntnisse, an Christen- oder Judenthum? Niemand! Sie