Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dieser einzige Gedanke genügt, um das junge Wesen mit tausend glückseligen Hoffnungen zu erfüllen, die, wenn auch unklar und formlos, es umgaukeln wie farbenprächtige, schillernde Schmetterlinge. Wie verschieden auch, je nach der Individualität, die Zukunftsbilder sein mögen, welche vor dem innern Auge des großen Kindes erscheinen, rosig und freundlich sind sie alle. Jede freut sich auf das Leben, das nun beginnen wird. Sie hofft, sich nun auch ihren Platz in diesem Leben zu erobern. Wie aber dieser Platz sein wird, ob das junge Mädchen ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft, oder ob es sein Leben mit Nichtigkeiten vertändeln wird, das hängt in gar vielen Fällen von der Mutter des Kindes ab. Eltern hegen den natürlichen Wunsch, ihre Töchter zu wahrhaft gebildeten Menschen zu erziehen, und wohl denen, welchen günstige äußere Verhältnisse es erleichtern, dieses schöne und lobenswerthe Ziel zu erreichen. „Sie hat die Schule verlassen, und sie soll nun Privatunterricht zu ihrer völligen?lusbildung erhalten; „es soll ihr an nichts fehlen", heißt es da. Und das junge Mädchen, besonders dasjenige der Großstadt, wird nun in einen Stundenplan hinein gezwängt, der an Reichhaltigkeit die Schule noch übertrifft. Klavierspiel, Litteratur und Kunstgeschichte stehen obenan; in fremden Sprachen bedarf sie selbstverständlich der Vervollkommnung, und andererseits liegt auch die Nothwendigkeit vor, sie in die Geheimniffe des Haushalts einzuweihen, zu welchem Zweck vor allen Dingen ein systematischer Kochunterricht »öthig ist. Damit ist aber der Lehrplan noch nicht erschöpft. Das junge Mädchen muß auch lernen die Nadel führen, welche eine unleugbar wichtige Rolle im Leben des Weibes spielt; da giebt es Nähstunden, Schneiderstunden und Putzmacherstunden. Die Menge dieser Unterrichts-Gegenstände, niit welchen heut fast jedes junge Mädchen der gebildeten Stände vertraut sein muß, würde geradezu erschreckend wirken, wenn man nicht das beruhigende Bewußtsein hätte, daß es sich bei vielen Fächern mehr um eine angenehme Spielerei, als um eine nützliche Thätigkeit handelte. Wie überall, schwingt auch hier die allgewaltige Herrscherin Mode das Szepter. Es ist Mode selbst für Töchter wohlhabender Eltern, Privat-Unterricht im Schneidern und Putzmachen zu nehmen. Man sagt sich, daß es doch herrlich sein müsse, unabhängig von der unpünktlichen Schneiderin, der unzuverlässigen Putzmacherin zu iein, sich auch einmal selbst das Wunderwerk, genannt „Kleid", anjertigen zu können. Und wahrlich, als ein kleines Wunder wird das Kostüm, wird der Hut angestaunt, den das junge Mädchen eigenhändig, allerdings in der Lehrstunde, unter Aufsicht der Lehrerin, hergestellt hat. In der Lehrstunde. Das ist des Pudels Kern! Auch die Puddings, welche in der „Kochstunde" so vorzüglich gerathen, lverden gebührend bewundert, und mit welchem Eifer werden Kochlöffel, Nähnadel und Schueidermaß geführt, denn man kommt sich sehr wichtig vor in dieser echt weiblichen Thätigkeit und amüsirt sich nebenbei köstlich, denn es geht außerordentlich heiter in diesen Lehrstunden zu. Da nun aber außerdem Kunst und Wissenschaft nicht vernachlässigt werden dürfen, so kommt eigentlich keines dieser Gebiete völlig zu seinem Rechte, selbst dann nicht, wenn dieselben nicht zu gleicher Zeit, sondern in aufeinander folgenden Zeiträumen absolvirt werden. Auch der beste Unterricht kann immer nur die Grundlage bilden, auf welcher weiter gearbeitet werden muß. Alles, was erlernt wird, kann nur durch fleißige Uebung, durch selbständige Arbeit zur Fertigkeit werden. So geschieht es denn, daß die junge Schülerin, welche sich mit den häuslichen und weiblichen Arbeitsfächeui die Zufriedenheit ihrer Lehrmeisterin erwarb, nach einigen Jahren weder im Stande ist, auch nur das einfachste Morgenkleid anzufertigen, noch ein bürgerliches Mittagsmahl herzurichten. Das junge Mädchen mußte andere Lehrstunden nehmen und hat über diesen, welche ihre volle Hingabe beanspruchten, das früher Erlernte vergessen. Nicht allzu selten wird auch ein „Talent" in dem Töchterchen entdeckt, es lernt malen oder singen, zuweilen auch beides; das gehört heutzutage zur Bildung und es wird von den Freunden des Hauses angestaunt, wenn auch seine Leistungen"nicht über den gewöhnlichen Dilettantismus hinausgehen. Das ist viel auf einmal. Von Allen etwas, giebtlnie etwas Rechtes, und schon mancher gut veranlagte Geist hat durch das Zuviel, seine beste Kraft verzettelt. Ich meine, hier ist uns die Wissenschaft, welche einen so mächtigen Einfluß auf die Volkserziehung übt, auch für die Erziehung des Individuums die beste Lehrmeisterin. Was sich früher ein Fach nannte,ist jetzt häufig in zehn Fächer getheilt, und jedes dieser Fächer genügt, ein Menschenleben voll und ganz auszufüllen. Mit einem Wort, wer heut etwas erreichen will, muß spezialisiren. Damit soll der Einseitigkeit nicht etwa das Wort geredet werden. So wie es von dem Arzt heißt: Nur der vielseitig gebildete Mediziner skann ein guter Spezialist sein, so gilt auch für die Jungfrau der Satz: Suche dir eine allgemeine Bildung zu erringen, aber sei tüchtig in dem Gebiet, welches dir eine besondere Neigung vorschreibt. Wiederuin ist es hier die Aufgabe der Mutter, mit echt weiblicher Feinfühligkeit dasjenige zu entdecken, was ihrem Kinde das liebste ist. So ein junges Ding weiß sich oft selbst in dem Wust von Wiffenschaften, Künsten und Fertigkeiten, deren Kenntniß dem regen Geist alle verlockend erscheinen, nicht zurecht zu finden. Ist ihm ein wirkliches Talent verliehen, die holdeste Gabe, welche die gütige Mutter Natur uns armen Menschenkindern verleiht, so muß dies in erster Linie gepflegt und dafür manches gestrichen werden, was sonst als nothwendig betrachtet wird; denn nichts Beglückenderes giebt es, als die Ausübung einer Kunst, nichts hebt so sehr über die Miseren des Lebens hinweg, als das völlige Aufgehen in derselben, als das Streben nach Vollendung. Ist eine Neigung für Sprachen vorhanden, so versäume man nichts, um diese zu fördern. Ihr Studium eröffnet eine Welt des Interessanten. Wer sich für das Leben und Treiben, das Fühlen und Denken anderer Nationen interessirt, wer ein Land und seine Leute kennen lernen will, ohne gleich in der Lage zu sein, sich durch persönliche Anschauung diesen Wunsch zu erfüllen, dem wird durch die Litteratur des Volkes dessen Sprache er beherrscht, ein Weg gebahnt, welcher demjenigen, der gezwungen ist, sich mit Uebersetzungen zu behelfen, verschlossen ist; denn auch die beste Uebersetzung wird stets nur ein mangelhafter Ersatz für das Original sein. Indessen sind es nicht immer Kunst und Wissenschaft, welche auf das junge Mädchen eine Anziehungskraft ausüben. Es will etwas lernen, aber seine hervorragend praktischen 3lnlagen weisen!