Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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506 Waren die Antisemiten nicht so oberflächlich, so würden sie auch nicht so ungerecht sein, eine Reihe unleugbarer Mißstände der Neuzeit, die nur eine Folge unserer modernen Verhältnisse sind und die wir nicht minder beklagen und bekämpfen, den Juden allein in die Schuhe zu schieben. „Das Volk ist immer ungerecht", sagt Hart, und diesem Volke einen Sündenbock vorzuschieben, war allezeit beliebt bei denen, die gern im Trüben fischen. Wären die Antisemiten nicht absichtlich uriwissend, dann würden sie wissen, daß allerdings viele Juden deutschfreisiunig sind — aus leicht begreiflicher Ursache; arrdere sogar sozialdemokratisch — sie bittfcn das mit demselben Rechte wie die Christen; sie würden aber arrch wissen, daß die Mehrzahl der Juden nicht hinter diesen beiden Parteien steht. Und wollteri sie ferner gerecht erscheinen, so würden sie wissen, daß es nicht nur eine Anzahl reicher Inden giebt, so gut wie es reiche Christen giebt; sonderrr, daß die armer: Juden unter ihrerr Glaubensgenossen die Mehrzahl bilden. Jede jüdische Gemeindeverwaltung würde ihnen das statistische Material geben. Aber sie rvollen es nicht wissen, — wie sie vieles Aridere nicht wissen wollen. Terrn es lvird nachgerade langweilig, all die Thorheiteu urrd Lügen aufzuzählen, die sie theils arrs Unwissenheit, theils auch ans Neid urrd Haß verbreiten. Nach ihrer Ethik ist der Jude eben vogelfrei. Jhrrerr ist auch das allerdings jüdische Gebot unbekannt: Tu sollst kein falsch Zeugnis; reden wider deirrerr Nächster:. Doch gering; es kam uns. indem wir auf die Aphorismen Harts näher errrgirrgerr, nur darauf an, zrr zeigen, welche schörrer: Gedarrten rrrarr publi.ziren karrrr, ohne sie zu bethätigen, rverrn es sich urrr einen Juden handelt. Dieselbe „Tägliche Rrrrrdseharr", die diese schörrer: Gedarrten über Gerechtigkeit veröffentlicht, brachte kürzlich einen größeren Aufsatz: „Vom derrtscherr Reiche zunr deutschen Vaterlarrde", in dem haarscharf arrsgeführt wird, daß die deutsche Nation diesen Weg rrrrr dann werde zurücklegen, werrn sie — die Jrrderr ausgetrieben Haber: werde. Die Presse, die Theater, die Börse, die Larrdwirthschaft, Alles sei durch die Jrrderr kvrrumprrt — also mlißten sie sortgejagt rverden. Marr müsse errdlich das Losungswort bekennen, wo sich „deutsch" rmd „judenfreundlich" trennen. Urrd so weiter. Eine Widerlegung dieser hurrderturrd aberhrrrrdertrrral bereits widerlegten Vorwürfe wird Niemand arr dieser Stelle erwarten. Wohl aber müssen wir fragen: Wo bleibt dieser Aufforderung zum Rassenkrieg gegerrüber die vorr Euch so gepriesene Gerechtigkeit? So offen und rückhaltlos hat noch keiner vorher den Rassenkampf gepredigt; wie stirrrrrrt das zrr der Forderung desselben Blattes, allen Menschen rrrrd allen Ideen Gerechtigkeit und Objeetivität entgegenzubringen? Wir Juden sind ja nicht verwöhnt; wir können viel lesen und hören, ohne uns verbittern zu lassen. Aber es thut uns doch leid, wenn auch begabten Schriftstellern dem Juden gegenüber „die ganze Kultur wie ein Mantel von den Schultern gleitet und der nackte Barbar dasteht" — um uns an Heinrich Hart's eigene Worte anzulehnen: „Wer nicht das Streben: hat, allen Erscheinungen, Ereignissen und Personen gegenüber gerecht 311 sein, der ist ein Barbar, so hoch an Wissen und Begabung er and) steht." Wir können es nicht leugnen:, daß wir dein: Lesen jener Gedanken die stille Hoffnung faßte!:, sie würden die „Tägliche Rundschau" an ihr täglich wiederholtes Verspreche:: erinnern:, ein unparteiisches Blatt zu sein. Unparteiisch heißt doch aber wohl: gerecht gegen Jeden, sogar gegen Juden! U! Leon Gordon. Berlin, 16. Oktober In das Schillerhaus zu Weimar trat eines Tages ein arm/ Wanderbursche mit der Frage: „Wohnt hier Schiller?" Der Kastellm sah ihn verwundert an, er aber wiederholte seine Frage, darauf gal ihn: Jener zur Antwort: „Schlier wohnte hier, aber er ist ja längs todt." Schiller tobt! Das konnte der arme Bursche nicht fassen kann denn ein Schiller sterben? Mit diesen: Gedanken ging er sinnenr von dannen. Es wäre vermessen, Leon Gordon mit Friedrich Schiller vergleiche: zu wollen, aber ich kann mir wohl denken, daß es einem annen. polnischen Judenjungen in den nächsten Jahren genau ebenso ergehen mag, wie den: armen Handwerksburschen zu Weimar. Leon Gordon todt! Und mit diesen Worten stürzt für Tausende unserer Glaubens brüber eine ganze Welt von Dichtung und Phantasie zusammen. Wie seltsam: allgemein ist die Klage, daß der Dichter in unsere: Zeit nicht mehr seinen: Volke, sondern nur einer kleinen Schaar von auserlesenen Geistern lebe, und daß erst die Nation bei seinem Tod: von diesen: Leben Kenntnis; nehme. Hier ist das Verhältnis; ein anderes: ein großer Theil kennt den Nan:en Gordon nicht, der aiiben nicht minder große aber liebt und schützt ihn und wird ihn imune lieben. Er war der größte hebräische Dichter der neuen Zeit. Sou : nichts. Aber ist das nicht genug und sehr viel? Freilich für bu jenigen, welche von der Renaissance der hebräischen Dichtung in diese: Tagen auch nicht eine Ahnung haben, wird das sehr wenig bedeute:; aber für diese und von diesen spreche ich nicht. Ich spreche zu dem jenigen von Leon Gordon, die da wissen, welch eine merkwürdige ungeahnte Entwickelung, welch einen mächtigen Aufschwung die Pflem der hebräischen Sprache und Dichtung in diesem Jahrhundert in slavischen Osten genau:men hat. Und diese Entwickelung nahm von Berlin ihren Ausgang. T . „Measfin:", die Jünger und Freunde Mendelssohns, waren fast al o Dichter, sie belebten das Interesse für die hebräische Sprache um Poesie von Neuem. Mit den: Propheten konnte das alte Zion de mals fragen: „Wer hat mir all' diese geboren?" so viele Dichte erstanden plötzlich, die in den Lauten der heiligen Sprache sauge:. Aber nur die Sprache war hebräisch, nicht die Forn:, noch weniger der Inhalt. Sie suchten ihre Stoffe und Bilder aus der allgemeinen Poesie, sie übersetzten fremde Dichtungen, sie ahmten fremde Mustm nach und büßten ihre Eigenart ein. Der Kein: aber, der hier gelee: wurde, ging doch in: Osten in herrlicher Blüthe auf. Während alle- Orten die Inden in den Sprachen des Landes, in dem sie lebten, dm ihnen Licht und Schutz gewährte, sprachen, schrieben und sauge:-, erlebte so die alte hebräische Sprache, die ein Geschlecht von junge/. Tempelstürmern aus den: Gotteshause gäuzlich verbannen wollte, bo:i in: Osten eine neue Blüthezeit. Ja, noch mehr, die hebräische Sprack: wurde dort der geringen allgemeinen Kultur gegenüber ein Bildung/' element von hoher Bedeutung. Das Beispiel der Measfin: Hain fördernd gewirkt; wie diese suchten auch die slavischen Schriststelle.. die das hebräische Jdeom mit unerhörter Virtuosität wie ein Lieblinge instrumeut behandelten, in diesen: und durch dasselbe allgemeine Kenn: nisse zu verbreiten, die Fortschritte der Wissenschaft dem Volke iiiifcbii/ zu machen. Die Naturwissenschaften voran, aber auch die Mathemati! und Astrouonüe, Geschichte und Geographie, wurden da um gründlicher Sachkenntnis; und in einem blühenden neuhebräischen Stn, der an die besten Muster erinnert, hauptsächlich aber mit einem Frei muth behandelt, der eine erlösende Wirkung auf die in: dumpfe:: I Aberglauben verharrenden Massen ausübe:: mußte. Das lebhafteste I Inter Poesü Smol aber l und ( der N ratur Perio' 1 und s anzub einst i haben sich v wiedei Welta l große: rein i sang, sein p Er wi Pfade Lieder einer ihnen alte 5 % Beruf der B nassen lust, Zuver Empfi genug, sich ei: folgt ' bleibt mch : Gedich 3 /es G ckornp -nsam näßig '0'aft "arger Beispi