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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-21 · Heft 43 (21.10.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 43 (21.10.1892)
Date
1892-10-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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>6. Jahrgang. Nr. 43. Allgemeine Berlin» 21. Oktober 1892. eitung des Audenlhllins. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von NabKrner Hü*. Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: KerUn, Äerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel r Gerechtigkeit. — Leon Gordon. Von G. K. — Jüdische Ltudenten-Vereinigungen. Von Dr. Max Oppenheimer. — lieber die Fortiildnng unserer jungen Mädchen. Von Pantine Sander.—Morit; Rappaport. II. >ion Kart Emil Franzos. — Feuilleton: Tas Goldstück der Mutter. Von iutius Rodenberg. lForts.) — „Ehre seinem Andenken!" Von S. Steinberg. Unser Hoffen. Von E. P. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindcbote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Itatibor. Neu-Weißensee. Hannover. Nürnberg. Ulm, Wien. Ans Galizien. Budapest. London, Paris. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. — Gechäftliche Notizen. Gerechtigkeit. Berlin, 20. Oktober. Vor einiger Zeit veröffentlichte ein bekannter Schriftsteller, Heinrich Hart, in der „Täglichen Rundschau" unter der Ueberschrift .Grundsteine der Menschlichkeit" eine Reihe von Gedanken über Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit. Von seinen Gedanken über Gerechtigkeit wollen wir hier einige wiedergeben. „Noch rüttelt die Gerechtigkeit erst an den äußersten Thüren unseres Wesens, und noch ist die Welt von Ungerechtigkeit erfüllt. ist eine Lust in uns, den Nächsten ungerecht zu beurteilen, zu verleumden, zu hintergehen, alle Dinge, die wir nicht kennen, einseitig, kleinlich und boshaft anzufassen, das Hohe in den Staub zu ziehen oder uns in den Staub vor ihm ju werfen. Eins ist so verkehrt, wie das andere. Mit tausend Sympathien und Antipathien, sinnlos und grundlos, sind wir von Kindheit auf durchwachsen. Und statt sie mit dem Messer der Gerechtigkeit anszuschneiden, hegen und pflegen wir sie. Was aber treibt uns zu solcher Ungerechtigkeit? Nichts anderes, als unsere Unwissenheit, unsere Oberflächlichkeit, die sich scheut »nd wehrt, in den Kern der Wesen und Sachen zu dringen .... Die Masse, die stets ungerecht ist, lyncht die Person, welche eines Verbrechens bezichtigt, noch ehe sie überwiesen ist. Wer aber nach Gerechtigkeit strebt, der kämpft gegen das Verbrechen, aber er verdammt den Verbrecher nicht. Die Toleranz ist passiv, die Gerechtigkeit aktiv. Gerade,weil sie darauf dringt, kein Wesen »nd keine Einrichtung nur nach dem Schein zu beurtbeilen, weil sie zwingt, nach den innersten Beweggründen von Wandlungen, nach den letzten Ursachen von Meinungen zu forschen, gerade deshalb ist sie fähig, nicht nur zu richte», sondern auch um- Yischaffen. Wie oft hängt eine kleine oder auch verderbliche Welt- >aid Staatsanschauung nur an einem dünnen Vorurtheil, das ein Anderer nur zu entdecken braucht, um es zu zerschneiden. . . . Ich habe gesagt, daß der eigentliche Feind der Gerechtigkeit die Unwissenheit ist, die über die Dinge aburtheilt, ohne sie zu kennen. Das Wissen an und für sich aber genügt nicht, die Unwissenheit zu beheben, das vermag nur das rechte Wissen. Man kann auch wissen, ohne wissen zu wollen, d. h. ohne die Lust und Kraft zu haben, das Wissen recht anzuwenden, ans der Erfahrung die nöthigen Folgerungen zu ziehen. Man kann auch wissen, wie ein Automat, ohne lebendige Theilnahme an dem Gewußten. Das ist ein gewissenloses Wissen, ein Wiffen, das nur den Kops erfüllt, nicht aber das Herz und den ganzen Menschen durchdringt. Nur wo die Geistesbildung sich nicht auf den Verstand beschränkt, sondern mit Herzens- und Gewiffensbildung verbunden ist, ist Boden für die Gerechtigkeit. Sie bildet daher auch einen Maßstab für das wahre Wissen, die wahre Bildung. Wer nicht das Streben hat, allen Erscheinungen, Ereignissen und Personen gegenüber gerecht zu sein, der ist ein Barbar, so hoch an Wissen und Begabung er auch steht. . . . So weit Heinrich Hart, und jeder wahrhaft Gebildete, d. h. jeder Gewissenhafte stimmt ihm bei. Wir aber könnten uns damit begnügen, diese Gedanken hierniit zu allgemeiner Kenntnißnahme und Beherzigung weiter verbreitet zu haben. Allein sie sind auch sonst noch beachtenswecth. Sie enthalten nämlich eine durchaus zutreffende Charakteristik und damit zugleich die allein richtige Beurtheilung des — Antisemitismus. Ja, Unwissenheit, Oberflächlichkeit und Ungerechtigkeit haben den Antisemitismus geboren und der Neid ist seine Amme. Besäßen die Gegner die Gerechtigkeit, die jüdische Geschichte zu studiren — und wir brauchen uns dieser Geschichte wahrlich nicht zu schämen — so würden sie sehen, wie die Juden im Laufe der Jahrhunderte allmählich, aber stetig ans jedem Amt und aus jedem ehrlichen Berufe hinausgedrängt wurden — und mancher Vorwurf würde verstummen — weil nicht gerechtfertigt; sie würden erstaunen, daß die Juden trotz ununterbrochener Mißhandlung geistig nicht verkümmert, nicht zu Zigelinern herabgesunken sind; sie würden dafür wirken, daß diese Ungerechtigkeit endlich aufhöre; daß gleichen Pflichten auch gleiche Rechte gegenübertreten; daß der jüdischen Intelligenz derselbe Wirkungskreis eröffnet werde wie der allgemeinen. Aber gerade das scheuen sie; sie scheuen, wie Professor Nothnagel jüngst ausführte, die jüdische Konkurrenz. Die Antisemiten würden ferner, wenn sie Gerechtigkeit liebten, sich die Ethik des Judenthums erst ansehen, ehe sie über sie aburtheilen, und erkennen, daß diese Ethik der christlichen in keiner Beziehung nachsteht, und wenn ein Jude ein Verbrechen begeht, nicht gleich alle Juden oder gar das Judenthum dafür verantwortlich machen. Wir werden keinen jüdischen Verbrecher weiß waschen, ihr aber sollt nicht gleich „Radau" machen, wenn auch ein Jude nichts taugt.

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