Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1892)
- Date
- 1892-10-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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In den hiesigen Kreisen, in denen man für! die höheren Aufgaben der großen Wiener Kultusgemeinde sich interesstrt, * haben die Sympathien, welche die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" dem Rundschreiben unseres Vorstandes an die Groß-Gemeinden, i um zu berathen, wie dem herrschenden religiösen Jndifferentismus unter i unseren Glaubensgenossen abgeholfen werden könnte, entgegenbrachte,! dankbare Befriedigung hervorgerufen. Jeder Unbefangene, der über das j Niveau der Alltäglichkeit sich erheben kann, muß einräumen, daß schon ' die 'Anregung zu einer solchen Besprechung, die Stellung der Aufgabe. - die Geister aufrüttelt und zum Nachdenken aneifertz Ist auch der Kongreß i am <r September noch nicht zu Stande gekommen, so wird das Rundschreiben doch nicht ohne Erfolg bleiben und später Früchte tragen. Man ' soll damit umgehen, auch die größeren Gemeinden direkt heranzuziehen : und zur Mitwirkung in geeigneter Weise auszufordern. — Unser Prediger j Herr Dr. Jellinek, blieb während des Neujahrsfestes und des Versöhnungs- ' tages in seinem Landaufenthalt in Baden. Sein Befinden ist wohl sehr j befriedigend, allein der Tod seiner Gattin erschwerte es ihm, an Festtagen! 'u predigen, an denen die Wechselfälle des vergangenen Jahres und die! Umschau über das ganze Leben besprochen werden, zumal derselbe von Natur aus sehr weich ist. — Baron Rothschild erkundigte sich beim | Vorstande telegraphisch nach dem Befinden des Herrn Dr. Jellinek, und ob er am Versöhnungstage predigen werde. Derselbe wurde von Herrn j Rabbiner Dr. Jonathan Wolf würdig vertreten. Dieser Rabbiner, der bisher Religions-Professor der jüdischen Kultusgemeinde war, besitzt ein! sehr smnvathisches Organ, spricht klar und allgemein verständlich, tritt! bescheiden auf und hat bereits viele Sympathien sich erworben. Er hat i bisher mehrere Jahre an den hohen Festtagen in einem großen, vom i Vorstande eingerichteten Siale zur Zufriedenheit seiner Zuhörer gepredigt j und besitzt eine tüchtige Vorbildung zum Rabbiner und Prediger. Wenn , der Vorstand es vorgezogen hat, einen Hilfsprediger und nicht einen ' koordinirten zu wählen, so geschah es einfach deswegen, weil bisher kein! Prediger bekannt ist oder genannt wurde, der durch sein Wissen, seine < Rednergabe und seine Persönlichkeit würdig wäre, den Herren Dr. Güde- I mann und Dr Jellinek koordinirt zu werden. Eine so große und äuge- > fehene Gemeinde, wie die Wiener, muß in der Wahl ihrer religiösen Führer sehr vorsichtig sein * Gablonz a. d. Neisse, 28. September. Vom herrlichsten Wetter 'begünstigt, fand heute die Einweihung des hiesigen neuerbauten israel. Tempels unter regster Betheiligung statt. Präcise 4 Uhr fanden sich die Ehrengäste, sämmtliche staatlichen und städtischen Behörden, mit dem Vezirkshauptmann und dem Bürgermeister an der Spitze, im Gotteshause ein. Ter Kultusvorsteher Herr Daniel Mendl begrüßte die Erschienenen nnd hielt eine herzliche Ansprache, in welcher er dankbar des Schutzes gedachte, den die Juden von Staat und Stadt genießen, und schloß mit einem Hoch aut Sr. Majestät den Kaiser. Der Obmann des Baukomitees, Herr Lustig, dankte allen Jenen, welche die Bestrebungen des Baukomitees unterstützt haben. Herr Bürgermeister Posselt hielt hierauf eine kurze Ansprache, in welcher er u. A. sagte: 'An diesem Baue haben Menschen mitgearbeitet ohne Unterschied der Nationalität und Konfession. Möge von ihm Friede ausgehen, daß wir geeint gegen gemeinsame Feinde kämpfen können. Ter Erbauer des Tempels, Baurath Stiaßny aus Wien, gab dem Wunsche Ausdruck', das Haus möge zur Ehre des Baumeisters der Welt Frieden und Liebe fördern Nun bestieg Rabbiner Dr. Kisch aus Prag, der gerade vor 20 Jahren noch als Breslauer Seminarist die ersten jüdischen Predigten in Gablonz gehalten hatte, die Kanzel, entzündete das ewige Vid)t nnd sprach dabei einige sinnreiche und zu Herzen gebende Worte. Radi einer warmempfundenen Ansprache des zukünftigen Rabbiners von Gablonz, Herr Tr. Bannet, verrichtete der Rabbiner von Reichenberg, Herr Dr. Hoffmann, das Kaisergebet, womit die erhebende Feier, zu deren Weibe die prächtigen Gesänge des Reichenberger Tempelchors wesentlich beitrugen, ihren Abschluß fand. 8 Budapest, 5. Oktober. Während der jüngsten Budgetdebatte 'at der Kultusminister Graf Alb in Esäky bekanntlich erklärt, daß er Gesetzentwürfe über die Einführung partieller Eivilmatrikel, über bn Gewissens- und Religionsfreiheit und über die Rezeption oer jüdischen Religion einbringen werde. Wie nun gemeldet wird, und diese Gesetzentwürfe bereits fertig gestellt, der Minister werde dies in der heurigen Budgetdebatte anmelden. Der letzterwähnte Gesetzentwurf werde die Rezeption den thatsächlichen Berhältnissen gemäß aussprechen und keinen Unterschied zwischen Neologen und Orthodoxen machen, sondern lediglich von den „Bekennern der israelitischen Religion" handeln. — Ueber die schon kurz erwähnten Aeußerungen Se. Majestät des Königs Franz Josef ist noch Folgendes zu berichten: Sr. Majestät empfing gestern die österreichische Delegation in der königl. Burg in Budapest und hielt nach Beantwortung der Ansprache ihres Präsidenten Eercle. Es fielen dabei auffallende verurtheilende Worte über das unverantwortliche Treiben der 'Antisemiten. Dem Delegirten Richter, „einem „deutschnationalen Antisemiten", sprach Se. Majestät seine ernste Mißbilligung über die konfessionelle Hetze aus, und zwar in erregtem Tone und so laut, daß es alle Delegirten vernehmen konnten. Ueber die letzte Session des niederösterreichischen Landtages sprechend, sagte der König zu Richter: „Die Ausschreitungen, welche im niederösterreichischen Landtage vorgekommen sind, machen eine erfolgreiche Tbätigkeit nahezu unmöglich. Solche Vorgänge können zu keinem guten Ende führen. Das ist eine Schande vor der ganzen Welt, das ist ein Skandal! Diese Zustände können nicht fortdauern." Abgeordneter Richter stand ganz betroffen da und vermochte auch kein Wort der Entschuldigung vorzubringen. Der König wendete sich hierauf an den Prof. Sueß, der gegen die letzten von den Antisemiten provozirten Skandale mit energischen Worten Einsprüche erhoben hat, und sagte zu demselben: „Sie haben böse Tage im Landtage durchgemacht. Das ist eine Schande und Skandal, wie es dort zugeht, man weiß nicht, was man dazu sagen soll." Sueß antwortete : „Dem Gebildeten sind Schranken gezogen in der parlamentarischen Bertheidiguug. Wir können unserer Entrüstung wohl Ausdruck geben, aber wir können Skandale nicht mit Skandalen beantworten." Der Kaiser erwiederte: „Da haben Sie Recht. Aber es gehen and) in Folge dieser Vorgänge die Geschäfte des Landtages nicht vorwärts. Es wird ja nichts gearbeitet." In Folge dieser Worte demissionirt Gras Kinsky, Landmarschall von Niederösterreich, dessen.Debatteleitung die skandalösen Szenen im niederösterreichischen Landtage mit verschuldete. Frankreich. % Paris, 7. Oktober. Tie Pariser jüdische Gemeinde bat eines ihrer hervorragendsten Mitglieder durch den Tod Michael. Erlangers verloren. Derselbe war seit mehr als dreißig Jahren in hervorragender Weise bei Humanitären Unternehmungen thätig. Er war Vizepräsident des Pariser jüdischen Konsistoriums. Mitglied des Wvhlthätigkeitsausschusses, des Seminarvorstandes und des Eentralkouütees der Alliance israelite universelle. Sein Tod erfolgte vorigen Sonnabend in i Avrav. Die feierliche Bestattung fand am Montag Vormittag statt.! Eine große 'Anzahl Leidtragender war erschienen, darunter das gesammte | Konsistorium, an seiner Spitze Baron Gustav von Rothschild, ferner das > gesammte Rabbinat, das Eentraltonntee der 'Alliance und zahlreiche > Devl'tat'onen von humanitären Anstal en. 'Am Grabe sprachen die j Oberrabiner Zadok-Kahn, Dreifuß und Narziß Leven. Großbritannien. ' z. London, ■♦. Oktober. Ter rühmt ich st bekannte Jlvnsfreund, d'Avigdor hier, erhielt von ttolonel Goldsmidt aus Argentinien folgenden vom 81. August datirteu Brief, den er den jüdischen j Zeitungen mit der Bitte um Veröffentlichung zuschiekt: „Ter Koloni-; sationsplan des Baron Hirsch nimmt immer mehr, ivenn and) nur tang- , sam und Schritt vor Schritt, eine greifbare Gestalt au. Tie Schwierig- 1 keilen und Hindernisse, gegen die ich anzukämpfen hatte und noä) habe, , auch nur annähernd zu beschreiben, fehlen mir die geeigneten Worte i Leute, die zuverlässig und zugleich arbeitsfähig sein sollen, find leider i selten zu finden. Trotzdem sind in den Kolonien bereits Häuser erbaut,! die von arbeitsamen, dem Ackerbau oblieginden jüdischen Kolonisten be! wohnt werden. Als ich hier anlangte, fand id) Maurizia als eine von! circa hundert Familien bewohnte Stadt vor. Leider befanden nch unter denselben viele Faulenzer und Nörgler, die ibren sd)ädlichen Einfluß ' auch aus die Nüchternen und Strebsamen geltend zu machen iud)tcn. Es : gelang mir aber, insofern Remedur zu schaffen, als ich die Familien gej trennt von einander ansiedelte, damit sie nicht allzu oft mit einander ner •*; 4 z r I ■Ü!! ■i