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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-14 · Heft 42 (14.10.1892) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 42 (14.10.1892)
Date
1892-10-14
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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fehlen, daß die Feier aus dem engeren Rahmen eines Familienfestes herauslrat und zu einer allgemeinen öffentlichen sich gestaltete, an der die weitesten Kreise unserer Bürgerschaft den herzlichsten Antheil nahmen. Wegen des Festtages war die Feier auf den 2. Oktober verlegt worden, und es war in unserer schweren Zeit der Verhetzung eine Herzensfreude, zu sehen, wie sich aus allen Bekenntnissen und Gesellschaftsschi! ten Deputationen und theilnehmeude Freunde um den allbeliebten Jubelgreis drängten, um ihni ihre Wünsche darzubringen. Schon am frühen Morgen wurde ihm von der Musikkapelle des hiesigen Regiments v. d. Goltz ern Ständchen gebracht, um seine Verdienste als langjähriges Mitglied der hiesigen Badedirektion zu feiern. Dell Reigen der abgeordneten Deputationen eröffnete um 1,212 Uhr Vormittags der Seelsorger der hiesigen indischen Gemeinde, Herr Rabbiner Dr. Goldschniidt, der ihm die Glückwünsche der Gemeinde brachte. Ihm schloß sich der Kaufmann Herr Hermann Bernhard an der Spitze des Vorstandes und des Repräsentantenkollegiums der hiesigen Synagogen-Gememde, ivelchen beiden Körperschaften der Jubilar fast ein halbes Jahrhundert angehört, an. An der Spitze der Direktion des hiesigen Vereinssoolbades erschien Herr Ehristiani; der Vorstand und das Kuratorium des jüdischen Kurhospitals war durch die Herren Jakobv und Stadtrath Lindenhayn vertreten. Unser langjähriger, ehemaliger Sladtverordnetenvorsteher, Herr Speck, begrüßte als Direktor der Vorschußkasse den Mitbegründer dieses gemeinnützigen Vereins und schilderte seine vielfachen Verdienste um denselben Herr Heinrich Braiidenburg brachte als erster Vorsteher die Glückwünsche des hiesigeii jüdischen Armen- und Krankenpflegevereins, und zuletzt erschien das Büreau der hiesigen Stadtverordnetenversammlung, dessen gegenwärtiger Vorsteher, Herr Rechtsanwalt Bentz, die Verdienste des Jubilars als Stadtverordneter in warmen, herzlichen und beredten Worten feierte Der Magistrat halte schon vorher Herrn Friedländer durch ein herzliches Glückwunschschreiben des Herrn Bürgermeisters Kümmert geehrt. Tief ergriffen nahm der Jubelgreis die ihn ehrenden Huldigungen entgegen und erwiederte dieselben m seiner schlichten, bescheidenen Weise mit einfache!! und herzlichen Worten. Die Feier schloß mit einem reichen Morgenimbiß und lange bis in dm Nachmittag hinein blieb ein Kreis herzlich i heilnehmender Freunde bei Becherklang um den Jubilar versammelt, wobei noch so manches sinnige, herzliche und treffende Wort gesprochen wurde. * Leipzig, 4. Oktober. Das Reichsgericht verhandelte heule die Revifionsklage Ahlwardts gegen das Urtheil des Landgerichts Berlin vom 22. Febriiar, welches Ahlwardl wegen Beleidigiing des Berliner Magistrats und der Lehrerschaft zu vier Monaten Gefängniß vernrtheilte. Die Revision rügte nameutlict) die Ablehnung von Beweisanträgen, jowie daß der berliner Magistrat zur Strafantragsstellung nicht beftlgt geweseii |ei. Rechtsanwalt Galli beantragte die Verwerfung der Revision, die völlig iinbegründel fei. — Wad) einer Trabtmeldung wurde die Revision verworfen. Ahlwardl war persönlich erschienen, den Magistrat vertrat Rechtsanwalt Horwitz. «/V Köln, 6. Oktober. Die ultramvnlane „Kölnische Volts- Zeitung" veröffentlicht in ihrer Morgennuinmer eme Zuschrift des Herrn Rabbiner Dr. Frank zur Frage der jüdischen Katechismen. Dieselbe richtet sich gegen den bekannte!! Schmähartikel der „Kreuz- Zeitung", den die K. V. Z. anszuglich wiedergegeben hatte. 'Nach kurzer Reproduktion der gegnerischen 'Angriffe erwiedert Herr Frank aus dieselben folgendennaßen: „Der am meisten verbreitete Katechismus, aus dein die iüdische Jugend unterrichtet wird, heißt: „Jesode Hatorah, Glaubens und Pflichtenlehre für israelitische Schulen von Dr. S. Herxhenner, weiland herzoglicher Bandes-Rabbiner zu Bernburg, Leipzig, Roßberg fche Buchhandlung". Dieses Buch, das bereits in der dreißigsten Auflage erschienen ist, ist in deutscher Sprache abgefaßt und enthält S. 89-122 den hebräischen Urtext der m dem Katechislnus aus der Bibel und dev! Talmud citirten Stellen Die „Kreuz-Zeitung" scheint nicht zu wissen, daß die jüdischen Religlonsbücher bei der hohen Schulbehörde angeuieldet sind, und citiren wrr hier als Beleg emen Satz aus dem Vorworte der 29. Auflage, welcher lautet: „Mit Recht wurde daher auch in der neuesten Zeit auf dieses in so vielen Auflagen in der deutschen Judenheit verbreitete — auch von dem preußischen Ministerium zum Gebrauch an den Gymnasien u. s. w. eingeführte Religionsbuch als vorzügliches Zeugniß wider die antisemitischer! Verdächtigungen des Judenthums hingewiesen." Das dreser Katechismus und ich verbürge mich auf Ehre und Gewissen für alle übrigen sonstigen jüdischen Religronsbücher, mögen tu , Verfasser der streng orthodoxen oder liberalen religiösen Richtung a: gehören — nichts von allem enthält, was die „Kreuz-Zeitung' als ta! j mudistische, höchst anfechtbare Geheimlebre der jüdischen Religion hintteli! ■ davon kann sich Jeder überzeugen, der nicht m Vorurtherleu und Vor , eingenommenheiteu besangen ist. Als eine falsche und irrige Behaupttu muß ich aber die Ansicht bezeichnen, daß das heutige Judenthum uul i | Alten Testament fast gar nichts mehr zu thun Hut Zu diesen! Zwe. j lege ich ein Exemplar Dr. Herxheuners Glaubensmit» Sittenlehre fi: . israelitische Schulen in Ihrem Redaktiouszunmer zur Ansicht eines Jede:! nieder. Die unedlen Motive, welche die „Kreuz-Zeitung" zu dieser B-! hauptung veranlaßten, will ich hier nicht ausführlich erörtern: sie wi! , aber die Basis, aus der Judenthum und Ehristenlhum sich ausbauen, du , Alte Testament, das sie nicht verunglimpfen niöchte, dein Judenthur > unter den Füßen wegziehen, dieses auf das als sittenlos und verderbli.! gebrandmcirkte talmudische Gebiet zurückdrangen. Auch gegen diese irrig! Behauptung führe ich den oben genannten Katechismus als Gegenbewe: ' an. Der zu dem deutschen Text angeführten Belegstellen aus Bibel m, | Talmud sind 341; davon sind 329 der Bibel unD 12 Stellen dem Talmu ' entnommen lind was enthalten diese in dem so nun verpönten Talmu i enthaltenen Stellen" S. 3 £ 9 heißt es: Bei allem Lesen d. ' Schrift) aber muß man bedenken, dag die h. Schrift m emer ^cit g.; schrieben wurde, von der die jetzige Zeit sehr verschieden \\i. So ist z. T j in der h. Schrift (2. Buch Mos. 32, 33» den Israeliten Sulduug ui. Freundschaft gegen gewisse Völker verboten, weil diese sie zum Götzendien' verführen möchten, da es uns vielmehr Pflicht ist die Völker jetzige Zeit, die den einzigen Gott verehren und Tugend lind Rienschenlieo üben, zu achten und zu lieben. Die Frommen aller Völker haben Anthe: an der zukünftigen Wett." (Talmud Sanhedrin lun.» S. 85. L -439 Staat und UnlertHanen. „Insbesondere sollen wir daher l.die Landeegesetze treu befolgen u. s. w. . . ., dem Vater des Vaterlandes, dem R> genten (der durch Gottes Willen Oberhaupt des Staates m» Ehrerbietuu Gehorsam, Treue und Anhänglichkeit beweisen und für sein Wohl betei 2. Die Regentschaft aut Erden ist ein Abglanz der Regentschaft u Himmel. (Talm. Berach 58.)" Und nun zum Schlüsse noch eine Stell aus dem Talmud. S. 70 $ 289, unter der llekerschrift „Pfllcyleu gege unsere Nebenmenschen": „Unser 'Nebenmeusch l'Nächster, Bruder» ist iede Mensch, denn jeder Mensch, von welcher Religion, Waium und Menschen klasse er auch sein mag, lsl ein Ebenbild und Kino Gottes, der unje Aller Vaier ist Als ein Heide m wenigen Worten den Inhalt de israelitischen Religion von Hillel wissen wollle, anlworlcle dieser: „Wo du nicht willst, daß man es dir lhue, das thue auch deinem 'Nächsten mch Hierauf beruht das ganze Gesetz, Alles andere ist seine Erklärung, gel hin und kerne/' (Talm. Sabb 31.» Hillel lebte Fahre vor Ehrinue war Vorsitzender des Synedrions zu Jerusalem. Mochte auch die „stmu Zeitung" es beherzigen. Judenthum und Ehristeulhum und alle mour theistischen Religionen betrachten als höchstes Sittengesetz die 'Nächste! liebe und Menschenliebe Jener alte Jerusalemer Jude Hillel ruft aucl hr ^u „Was du nicht willst, daß man dir es lhue, das lhue auch deinen Nächsten nicht, gehe hm und lerne." rii München, 5 Oktober. Die vereinigten Vorstände der m israelitischen Kulwsgemeinde dahier bestehenden Wohlthäligkeiisvevem haben kurz vor dem Rosch-Haschanafeste sämmtliche Gemelndemirgliedc mittelst Cirkulares eingeladen, an Stelle schriftlicher Beglückwünschrrnge^ zum Jahreswechsel sogenannte Enthebungskarlen zu lösen, welch gegen Bezahlung eines dem Wohlthätigkeitssinn jedes Einzelnen übci lassenen Betrages in einem von der Gemeindeverwaltung zur Berfügun gestellten Lokale abgegeben wurden. Gleichzeitig wurde bekannt gegeben daß das Verzeichniß der Abnehmer solcher Enthebungskarten durch Irm vervielfältigt und rechtzeitig allen Gemeindemilgliedern zugesendet werde würde. Diese Anregung, zu welcher eme schon längst Seitens der städtische Annenpflegeschaftsbehörde für das bürgerliche Neujahr getroffene und viel fertig benutzte ähnliche Einrichtung den Impuls gab, ist auf fruchtbare! Boden gefallen. Es haben zahlreiche Gemeindemitglieder solche Em hebungskarten gelöst und warfen diese ein namhaftes Erträglnß . ö, welche unter die Wohlthätigkeitsanstalten gleichmäßig venhellt worden ist. E wäre zu wünschen, daß die neue Einrichtung auch m anderen größere Gemeinden Eingang finde, damit allmälig die nichtssagende Foi malitäl der Versendung von Neujahrskarten verdrängt und durch einer Akt der Wohlthättgkeit ersetzt werde.

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