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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-14 · Heft 42 (14.10.1892) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 42 (14.10.1892)
Date
1892-10-14
Page
Seite 500 (sequence 8)
Language
German
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500 hatten. Als ich nun so befiedert aufstand, da goffen sie große Kübel mit Seewasser über mich. — Ach — da habe ich recht, recht schmerzlich an meine Mutter gedacht! — Nach fünf Tagen Seefahrt liefen wir in die Theme ein und ani sechsten Morgen ankerten wir in St. Katharine» Wharf, dem Tower gegenüber. Das Erste, was ich that, war, daß ich desertirte. Ich lief, sobald ich über Tower-Hill hinaus war, als sei mir die ganze Mannschaft auf den Fersen — ich Lief den ganzen Lag, Straß' auf, Straß' ab — ich weiß nicht mehr, wohin ich kam — aber ich weiß, daß ich zuletzt erschöpft, fast ohnmächtig auf dem Treppenstein eines großen Hauses niedersank. Es war Nacht geworden und die Straßenlampen wurden schon angezündet. Hunderte liefen, fuhren, ritten an mir oorüber, aber Keiner hatte Acht aus mich. Denn es kommt mehr vor in London, daß ein hilfloses Wesen todtmude auf dem Treppenstein eines großen Hauses niedersinkt. Aber recht, recht traurig war ich - das ist wahr — als ich bedachte, wie einsam, wie unsäglich einsam ich in vieler Riesenstadt sei, m der mich Niemand liebte, Niemand kannte, Niemand verstand! Ta hörte ich die Vesperglocken von zwei Thürmen läuten, die wohllautend zusammenschlugen iind deren Sprache ich verstand. „Gott vertraut! Gott vertraut!" riefen sie unablässig und ich sagte: „Ja, ich will Gott vertraun!" Und dann suchte ich aus meinen Westentaschen und aus meinen Hosentaschen die deutschen Groschen, die ich noch von Bremen her, und die englischen Pencestücke, die ich noch von Helgoland her bei mir hatte, zusammen. Ich trat in ein Alehouse und kaufte mir Brod und eine Kanne Bier, aß, trank, erquickte mich und ging dann wieder auf die erleuchtete Straße hinaus, um mir ein Nachtquartier zu suchen. Ich kam in ein sehr enges, dumpfes Gäßchen, und vor deni schmutzigsteii, erbärmlichsten Hause desselben blieb ich stehen und las die Inschrift an der Thür: „Good airy beds.“ Ich verstand nur das letzte Wort, und es genügte auch. Denn Betten waren da — aber sie waren weder gut, noch leicht, sondern schlecht und bleischwer und steinhart. Aber ich schlief gut, iind da die Bagabonden, die außer mir hier hausten, nichts an mir entdeckten, weshalb sie mich hätten todtschlagen sollen, auch sicher Am andern Morgen zahlte ich mit meinem letzten Penny mein Nachtquartier, und nun stand ich wirklich ohne Hilfe, ohne Aussicht auf der Straße, in der großen Welt von London! Ich dachte an das Goldstück meiner Mlitter — ja, ich griff schon mit der Hand nach deni heiligen Tuche, in welchem ich es auf dem Herzen trug — „aber liein!" rief ich dann — „nein, noch muß ich es nicht herausnehmen." Mir kam ein Gedanke. Ich ging durch die Straßen unb sah mich so lange um. dis ich Jemand fand, den ich nach feinem Gesicht für einen Juden hielt. „Können Sie mir nicht sagen, wo die Judcnschul' ist?" fragte ich den Mann. Der Mann sah mich an; er verstand offenbar kein Teiitsch, aber ein Jude mußte er sein; denn er repetirte das Wort „Judenschul", und versiichte auch, so viel es mit Englisch ging, mir verständlich zu machen, wohin ich mich zu wenden hätte. Ich dankte dem Manne und ging in der bezeichneten Richtung der Judenschul' zu. Sie wiffen, lieber Landsmann, daß „Schul'" in der Sprache der gewöhnlichen und ungebildeten Juden der Ausdruck für „Synagoge ' ist; und ich strebte, dahin zu kommen, weil ich dort am erstell einen Glaubensgenoffen zu finden hoffte, der deutsch sprecheil und verstehen und mir in meiner hilflosen Lage beistehen könnte und wollte. Ich kam in die Old-Jewry, ich kam nach Duke street und nach Dukeplace. In der Ecke links steht ein ehrwürdiges Gebäude, mit erhabellen Eingängen und einer breiten Treppe. Das ist die alte, jüdische Synagoge; unb ihr nahte ich mich mit einem Gefühl, als nahe ich mich dem Hause meines lange gestorbenen Vaters — als winke mir die Heimath. als erwarte mich die Mutter darin. Die Thüren waren nicht verschloffen. Ich trat ein. Kein i Mensch war in der hochgewölbten Halle — die Betstühle waren nun , . . . leer war der Pult, wo die Thora verteseli wird, . . . aber inu | der Lade des Gesetzes lag der Sonnenschein. als sei es der Abglanz! des allgegenwärtigen Gottes, und in den Tafelil der zehn Gebote , die über der Lade stehen, strahlte die goldene Schuft. Ich betete j und mir war, als beteten ungesehen viele Lausende nur mir; ui i küßte die Schaufäden des heiligen Luches auf meiner Brust, und mir ' war, als küßte ich die Lippen meiner Mutter. Tie Thronen kamen | mir in die Augen; ich wischte sie ab. Ich verbeugte mich vor tvi j Lade des Gesetzes und ging aus der Synagoge fort. Als ich am I die Treppen vor der Thür kam. da sah ich aus einem Stein einen l alten Mann mit greisem Haar und langem greisen Barte sitzen. T»n- I Mann tonnte mich nicht sehen: der Mann loar bimd. Ich ginn! ans ihn zu. „Sir!" sagte ich. — Sir war eine» von den wenigen englischen i Worten, die ich bisher gelernt hatte. Es mochte den allen, blinden Mann sehr schmeicheln, „Sir" augeredet zu werden: es hatte ihn | gewiß noch niemals Jemand so angeredet. l „Waz thut Ihr leiten?" fragte der Blmde in jenem jüdischj deutsch-englischen Slang, den weder ein Deutscher, noch ein Eng-! länder, sondern nur ein Jude versteheu kann. Er wollte sagen, j „wliat de you like!" „Was belieben Sie § j „Sir," fuhr ich fort, „versteht Ihr Deutschs" | „Das hört Ihr ja!" erwiderte der Blinde. „So soll nur der I Heilige, gelobt sei er! hunderttausend Thaler geben, als ich Deutsch; verstehe. Bin ich doch ein Deutscher, in Deutsch-Polen zu Haus, i gleich hinter Posen. Wer seid Ihr denn?"! „Ich bin auch ein Deutscher," sagte ich. „Ich bin seit gestern j hier m London, und habe kein Geld, und keine -Freunde, und keinen > Menschen, der sich meiner annimmt. Ich will mir eine Stelle suchen.! daß ich leben kann." « „So," sagte der Blinde . . . „so, so. Kommt doch einmal I näher zu mir, beugt Euch ein bischen herunter, daß ich Euch de-! fühleri kann." ' Der blinde Mann fuhr mir mit seiner zitternden HandLmrchs! Gesicht.! „Schem jischmerenu!" rief er aus. „Ihr habt ja noch keinen Bart. Ihr müßt noch sehr jung sein. Wre alt seid Ihr denn?"! „Ich bin sechzehn Jahre alt," erwiederte ick.! „Sechzehn Jahre!" wiederholte er nachdenklich. „Sechzehn! Jahre! — Hört einmal, ich will Euch einen Vorschlag machen. Ich! bin der alte Jtzig; fragt nur jedes Kind in dir ganzen Dld-Jewrv.! und es wird Euch sageil, bau es den alten Jtzig kennt. Hier sin' j ich von Morgens acht bis Abends fünf Uhr, mit Ausnahme des | heiligen Schabbes, da sitz' ich nicht hier. Ich lebe vom Betteln. , Seht, da ist meine Büchse. Ich habe meine Kunden, die Einen werfen täglich einen halben, die Anderen täglich einen ganzen Pennv hinein. Ich habe auch Einige, die mir's wochenweise geben, einen Sixpence, einen Shilling — und der alte Rebbe Moses von High Holborn — ein braver Mann! — der giebt mit alle Freitag eine halbe Krone. Außerdem habe ich aber noch Verdienst von Denen, die nicht regelmäßig hierher kommen — da krieg ich einmal bei Hochzeiten, da krieg ich ein andermal bei Jahrzeiten. — Wie heißt Ihr denn eigentlich?" „Ich heiße David Barney," sagte ich. „Nun Hab' ich einen Aufwärter nöthig. David." fuhr er ton. „Einen Aufwärter, der mich des Morgens hierher führt, der mir des Mittags mein Esten bringt, und der mich des Abends wieder nach Haus begleitet und meine Büchse mitnunnu. Ter letzte Aufwärter, den ich hatte, ist mir vor drei Wochen iveggelaufen, und ich j habe j des I J wilde | Ich i [ werd j sehen [ mir | habe. \ führt j Woll; billig i wart' ent g l''lws der i an D 2iib Lebei dieses Irab und die 5 ande wiedi als'F Gold Reich Werl El,ns. von < Gern und word l^lück in de vor i lassen und (s>eun Oauj)! ctiib j MUbd berrn verzn bavoi u»atti mir Tchu Natu

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