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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-14 · Heft 42 (14.10.1892) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 42 (14.10.1892)
Date
1892-10-14
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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Hungert man, so ist man kraftlos, trinkt man nicht, so ist man erschöpft. Man zimmert Holzstücke, spannt aus die Schnur, zeichnet es mit dem Röthel, fertigt es mit den Hobeln, i zeichnet es mit dem Zirkel, macht daraus die Gestalt eines Mannes, nach der Hoheit eines Menschen, daß es ein Haus bewohne! . . > Die eine Hälfte wird im ^-euer oerbrannt, auf der wird der Braten , bereitet, der da sättigt, während die andere Hälfte zum Götterbilde 1 bereitet wird, vor dem man sich bückt, zu dem man betet, zu dem 1 man spricht: „Du bist mein Gott!"! Auch die Widersprüche, von denen das Buch Koheleth voll ist,! dürsten gehoben werden, wenn man. wie wir dies auch anderweitig tbini werden, dasselbe als eine Satire auffaßt: trotzdem gestehen wir! >* gern, daß dies nur leise Töne sind, durch welche die jüdische! Volksseele ihre satirische Regung zu erkennen giebt. Desto größer und gewaltiger war die Satire, welche auf den sdeib des Judenthums — nicht als Dichtung, sondern als erschütternde, traurige Wahrheit geschrieben wurde, eine Satire, welche die Raserei der Bölker mit dem Blute der Juden hineingeschrieben und noch ’ immer bineinschreibt in die Blätter der jüdischen Geschichte! Oder kann es eine größere Satire geben, als die ist, welche die Ehristenheil seit zwei Jahrtausenden schreibt, indem sie behauptet, den achten Ring zu besitzen die echte und wahre Religion — während , Dieter sogenannte echte Ring sich zum Halseisen des Judenthums er-! weitertet Ist es etwa keine Satire, durch welche die Dankbarkeit! verhöhnt werden soll, lvenn die Bölker. die aus dem Lichtquell der mosaischen Lehre geschöpft haben, gegen diese den Borwurf erheben ne sei nur Unglaube, der bekämpft werden muß? Ist es keine Satire, durch die die Volker sich selbst verspottet, ivenn sie Scheiterhaufen haben errichtet und Folterqualen haben rsonnen um die Juden an das Taufbecken zu drängen? Ja, eine Satire die heutigen Tages noch fortgesetzt lvird, klingt aus vielen > Vierern des lachend-seufzenden Satirikers Heine uns entgegen, die! mir den altersgrauen Jndenselnnerz" sich beziehen.! Wer sollte angesichts des Elends jener unglücklichen Opfer der i urinscheu Glaubenswutb nicht tief bewegt werden, westen Herz sollte j nicht erzittern von tiefem, unsäglichem Weh. wenn er heute diese ' Worte des Diä)ters liest, ans dessen Seeienharse die tausendjährigen Klagen und Seufzer des jüdischen Stammes erklungen sind? Ja, 'ver erblickt nickst in dem jüngsten Erodus eine Satire, die Rußland mit Dem Blute der Inden auf das neunzehnte Jahrhundert schreibt? 1 Und was kann das Judenthnm Anderes als — schweigend sein Anne erheben zu Ihm, den der Psalmdichter den ewigen, unsterblick)en Satiriker nennt mit den Worten: ..Er aber, der im Himmel thront, r lackst und spottet ihrer", denn das Narrenschiff, das die „Gesellschaft" beißt, es wird doch einmnl leck werden, wenn der gewaltige Sturm nies wahrhaft liberalen Jahrhunderts hereinbrechen und es schleudern; wird gegen den heute noch nnentdeckten Felsen der Norurtheilslosig-! feit. Tann fmft das Schiff und die Menschheit taucht nieder in ein - rnferloses Meer, das Menschenliebe heißt, ans dem sie sich gekrüstigt ,; rbebt als eine endlose Kette, in der ein jeder Ring von gleicher , Vedentnng ist, als eine Kette von liebenden Brüdern und geliebten : Schwestern. i P FEUILLETON Das Goldstück der Matter. Bon Julius Rodenberg. i Fortsetzung.) Sehen Sie. zum Andenken an meine gute, tobte Mutter — Frieden über sie! — trag ich noch immer ein „Arba Kanfos", dem ähnlich, das sie mir damals vor achtundvierzig Jahren am Abend vor meinem Weggange aus dem elterliche Hausen auf die Brust gehängt hat. „ Ich habe ein Goldstück hineingenäht, David lieb," sagte sie; „Gottes Segen wll mit dem Goldstücksein: denke Dir, so lange Dills noch hast, daß Du nicht ganz verlassen bist, und nimm es nicht eher heraus, als bis Du glaubst, daß Du es herausnehmen mußt." Dann küßte sie mich, und am andern Morgen ging ich hinweg. Ich ging in eine kleine Stadt in der Nähe von Bremen, und da ich gut leien, gut schreiben und gut rechnen konnte, auch in der heiligen Schrift wohl belesen war, so fand ich daselbst in dem Hause eines bemittelten jüdischen Kaufmanns ein Unterkommen als Lehrer seiner Kinder. Ich blieb daselbst ein halbes Jahr, aber es gefiel mir nicht. Meine Mutter schrieb mir zwar recht glücklich darüber, daß ich so bald eine Stelle gefunden hatte: allein mein Geist strebte weiter — so konnte ich weder für mich noch für die Meinigen etwas erübrigen. Ich gab also mein Lehramt nach einem halben Jahre wieder auf und pilgerle mit zehn Thalern. die ich zurückgelegt hatte, nach Bremerhaven. Die von Napoleon angeordnete Kontinentalsperre hatte die Schifffahrt zwischen England und der deutschen Küste fast ganz aufgehoben. Allein der Schmuggel- Handel florirte und namentlich gingen zahlreiche Schaluppen heimlich nach England, wo das Depot der englischen Kontrebande war. Mit einer solchen Schaluppe sul-r ich nach Helgoland. Da war ein buntes Leben dazumal. Ganz Helgoland war wie eine Stadt. Auf dem Oberlande sah es aus. als ob immer Markt und Messe miire, und auf dem Unterlaude ging es lebhaft zu. wie in den Londoner Docks. Schiffe wurden ein- und ausgeladeu, Tonnen kollerten über den Meerkies, Ballen lagen hoch aufgestapelt unter den Wetterdächern, die den Strand bedeckten. In der englischen Kommandantur lag ein Detachenient Rothrocke, die Fischerhauschen waren voll von den Agenten Londoner, Hamburger und Bremer Kauffahrer, und zwischendurch wurde auf der Düne gebadet. Familien ans vielen deutschen Stadien waren zur Kur anwesend, und im „grünen Wasser" auf dem Oberlande wurde wöchentlich mehre Male Ball gehalten, zu dem der blinde Rickmers siedelte und auf dem die Herren von den englischen Kriegsschiffen mit den deutschen Damen tanzten. Ich machte von ungefähr die Bekanntschaft einer alten häßlichen Dame aus Berlin, die mich lieb hatte, während ich ihre junge, hübsche Kammerzofe lieb hatte. Die Beiden ließen mir's an Nichts fehlen; und ich lebte ein paar Wochen leichtsinnig und glücklich in den Tag hinein. Unglücklicherweise überraschte mich aber eines Tages meine alte Freundin in einem zärtlichen Zusammensein mit meiner jungen Freundin — und da war das Glück mit einem Male zu Ende. Geld hatte ich nicht und Aussicht auch nicht: ich ging zum ersten besten Kauffahrteischiff, das segelfertig nach England lag. und verdang mich als Schiffsjunge. Das Schiff lichtete die Anker, ach - und bald tauchte der letzte Fleck Erde unter, wo deutsch gesprochen wurde, und ich fand mich allein auf dem hohen, wilden Meere unter einem rohen Volke, deffen Sprache ich nicht verstand. Eben darum batten sie'" Alle auf mich abgesehen und sie hatten es bald heraus, daß ich ein Jude sei. Nun sagten sie, sie wollten mich taufen. Sie zogen mich aus, sie bestrichen meinen nackten Körper mit Theer und warfen mich in die Ecke des Schiffsraums, wo die Federn von den Hühnern und Gänsen lagen, die der Kapitän und der Obersteuermann gegessen

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