Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1892)
- Date
- 1892-10-14
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
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497 irch Bücher ich meinen ^esen guter l zu lernen, ncht konnte. Bindern jede den einzelne ich wahrend der Glanzdichter-Dmnd Aerzten. den^eiden i. w. Auch „Stimmen )!ungen aus lderen. und in denen bachtete ich g, der vom ieg. Alles r erzählen, r biblischen ogenannten ein freier nack besser wnnabendhört. Ja. ren Ellern m die Erblich bereitraum kaum was Herr n, aber ich \ zu bieten, teratur ihre ich auch die ll ich meine einführen, ile des Mirt oder zum wichtigen hn zu verin kleineren den Erfolg' R. H. t thr. t. S. i Ausspruch um saust, nicht heilen, s muß das Heuer heilen" gleichsam als Geleitschein vor. Fragen wir, was hat Schiller veranlagt dem erstgeborenen Kinde seiner Muse den Ausspruch eines Heilkünstlers an die Stirn zu schreiben" Wir werden rvohl nicht irren, wenn wir behaupten, daß der Grund hierfür, wenn mir auch noch andere Gründe ekelten lasten wollen, in der Auffassung liegt, welche Schiller m\ der Dicht- und Schauspielkunst hatte. biroft, wie er selber war, denkt Schiller von der Aufgabe des Richters und dem Wesen der Dicht- und Schauspielkunst. Wie der Arzt die leiblichen Gebrechen, so soll der Dichter die Gebresten der reele heilen. und ivie die Heilkunst die Aufgabe hat, dem kranken .Körper manch stärkendes Säftlein zuzuführen, )o soll auch die Dichttunst in dem siedenden Kestel der Phantasie zuweilen bittere, zuweilen iupe Arzneien bereiten, um die kranke Seele zu heilen. ..Wenn Gram an unseren! Herzen nagt, wenn trübe Laune unsere einsamen Stunden vergiftet, wenn uns Welt und Geschäft anekelt, wenn tausend Lasten unsere Seele drücken." so empfängt uuS die Heilanstalt, die unter dem Schutze der Thalia und der MeLpomene steht. Der Unglückliche weint hier mit fremdem Kummer lechen eigenen ans der Glückliche wird nüchtern und der Sichere besorgt; der empfindsame Weichling härtet sich zum Manne und der rotn' Unmensch sängt vielleicht zum ersten Male an zll empfinden. Allein, wenn wir auch einer jeden Gattung der Dichtung das Perdienst zuerkennen, daß sie mehr oder weniger bemüht ist, Schäden heilen und Mißstände zu beseitigen; wenn lvir gern zugeben, daß der Schmerz unserer Seele sich ausweint in einem Liede, welches Lyriker uns vorgesungen hat: daß wir selten einen Roman ohne Außen lesen werden, weil der epische Dichter seine Helden mit Vorüuu'n und Fehlern allsstattet, in welchen wir unsere eigelle Tugend iüid Schwäche wiedererkennen: daß wir endlich weder ein Schallspiel noch ein Trauerspiel, weder Komödie lloch Tragödie könnell allfführen 'eben, ohne von den auf der Bühne uns vorgeführten Enlpfindllngen angeregt ooer angewidert Zll werden, so ist es dennoch eine Gattung Ar Dichttllnst, die in hervorragellder Weise das Amt einer Heilsilustlerin bei . . -7 versieht, nämlich - - die Satire. Ta- Glück der Gesellschaft, sagt Schiller, wird ebenso sehr durch üliorbmt aß? durch Perbrechen unb Laster gestört, und wenn wir die Wandlungen der Menschen bis an ihre Citelle verfolgen, werden wir gewiß zehnmal lächelll müssen. ehe wir lllls ein einziges Mal mtseßen. Thorheiten aber lassen sich durch nichts leichter und gründlicher Nnfen als durch Spott unb Satire, denn diese verwunden den ^tolz des Menschen mehr, als Verabscheuung sein Gewissen foltert. Tiefer lst wohl nod) nie das Wesen der Satire erfaßt worden! Aach nie ist dem Spott ein höheres Adelsdiplom verliehen nuuben, voll dein Dichterfürsten Schiller undwie gern wir auch spotten I wogen, so haben wir dennoch vielleicht niemals daran gedacht, daß Am Spott and) eine läuternde, befreiende Kraft innewohnt. Die -frage: Was ist Satire? können wir nicht besser beantworten, ch's indelll wir lnls eilles Vorfalles erinnern, der llns alls dem Leben p- Erasllllrs voll Rotterdam mitgetbeilt wird. Dieser soll einst an j.inem gesährlicheil (steschwür erfranft sein. Alle Versuche, daffelbe hi beseitigen, blieben erfolglos. Eilles Tages kamen eillige Freunde, j m Um durch ihre Scherzreden zu erbeitern. Bei dieser Gelegenheit ^wußte Erasmlls so laut auflacheu, daß eine Operation überflüssig |'v>ar, da das Geschwür durch die heftige Erschütterllug, die das Lachen w verursachte, aufgegaugeu war?- Wir fönTien also die Satire als dasjenige Lachen bezeichnell, '-welches Geschwüre allerdings nicht leibliche sondern - geistige Seine Bi voran hie wein non diesem Vorfälle nichts. entfernen soll, oder wie Heine ganz treffend sagt: Und wenn das Herz im Leibe ist zerriffen, zerrisien und zerschnitten, dann bleibt uns doch das — schöne, gelle Lachen! So lange nämlich das Mißgeschick dem Menschen eine Schlinge legt, der er wieder zll entkommen hoffen darf; so lange ihm das Leben nur solche Wunden schlägt, die eine Heilung erwarten laffen, wird er im Allgenblick der Gefahr, der Verlegenheit seufzen und klagen. Wenn aber das Unglück Pfeil auf Pfeil gegen den Menschen schleudert; wenn das Mißgeschick gleichsam sein ganzes Arsenal zu leeren scheint, um ifm vollends zu vernichten, so daß sich seiner die Verzweiflung ganz unb gar bemächtigt — dann ist ein gellendes Gelächter der Schrei, der sich der gequälten Brust entringt, dann wird die Seele von dem Alp befreit, der ans ihr lastet, befreit durch einen lachenden Seufzer! Aber uicht nur einzelne Menschen können an seelischen Geschwüren leiben. Es können ganze Berufsklassen imb Stände, ganze Völker llnd Staaten, ja, es kann zuweilen die ganze Menschheit moralisch erkranken. Wenn, wie z. B. im Mittelalter, die Geistlichkeit an Prunk- und Trunksucht, an Hochmuth und Herrschbegierde mehr Gefallen findet als qn dem Gelübde der Keuschheit, der Armuth und der Demuth; wenn der Adel, anstatt die Armen zu schirmen, dieselben scheert; wenn, was heute to oft beobachtet werden kann, der Finanzmann mit seinem Gelde protzt während er Viele neben sich hungern läßt; wenn die Sucht zu glänzen und zu genießen ein ganzes Geschlecht zu entnerven droht, während Mäßigkeit und Bescheidenheit immer seltener werden, wo findet sich da der Arzt, der solches Siechthum bannen könnte, wo wächst das Kraut gegen solche Schäden und Jrrthümer? Da ist es denn nur die Satire, welche mit der ätzenden Lauge des Spottes die Wundmale der Menschheit auswäscht; da wird der Satiriker zum Operateur, der die brandigen Glieder vom Organismus der Gesellschaft zll trennen sucht: da wird die spitze Feder zum scharfen Messer des Ehirurgen! Als Rom im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung unter den Kaisern Tiberius, Caligula, Elaudius und Nero, als es unter Messalina, dem schamlosesten aller Weiber, eme weite Brutstätte der niedrigsten Laster geworden; als die einflußreichsten Männer des Senats zu elenden Sklaven sich erniedrigten und die Unsittlichkeit der römischen Matronen einer jeden Zucht spottete; als die Söhne und Töchter der römischen Großen für Geld sich öffentlich sehen ließen; als sogar ein Kaiser in seinem eigenen Palaste ein Schandhaus errichtete, mn seine Einkünfte zll vermehren da versuchten Männer lvie Jnvenal und Martial die Schäden und Schwächen ihrer Zeit mit der Satire zu geißeln, und allgemein bekannt ist des Ersteren Ausspruch: ..Rifüeile est satirmn non seribere!“ Doch das Alte stürzt unb — neue Thorheit blüht alls den Ruinen — also könnten wir frei nach Schiller ansrllfen! Heben wir llämlich unseren Blick hinweg voll den Orangengärten Italiens lind lenken wir ihn nach den Eichenwäldern Deutschlands; überspringen wir den großen Zeitrallm von einem ganzen Jahrtausend, seitdem das weltumklammernde Ungeheuer -- Rom genannt an seiner Ländergier wie an seinen Lastern zu Grunde gehen und sich verbluten mußte; seitdem aus seinem Staatorganismus, weil er von keiner sittlich-geistigen Idee zusammengehaltell wurde die einzelnen Staatengebilde sich losgelöst haben, so nehmen wir Folgendes wahr: Das Menschengeschlecht, welches sich aus den Trümmern des gestürzten unb zerstörten Alterthums erhoben hatte, hat zwar seine Lebensfackel all der Geistesflamme einer neuen Lehre am Ehristenthnm — allgezündet; allein diese Flamme diente nicht nur dazu, das Menschenherz zu erwärmen, sondern hat sehr oft dazu beigetrageil, daß die natürliche Wärme in der Menschenbrust zu einer Fiebergluth sich