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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-14 · Heft 42 (14.10.1892) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 42 (14.10.1892)
Date
1892-10-14
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
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496 größeren Städten dieser Provinz hat die europäische Aufklärung einige jüdische Gemüther wirklich zu erleuchten vermocht, während das Hanptkontingent, wie gejagt, theils von scheinbar Gebildeten, theils aber auch von Unwissenden gestellt wird, die ° durch Geld den Mangel an Kenntniffen ersetzen zu können glauben. Dieser Klasse Leute repräsentiren in kleinen Städten die Gemeinde und bieten dem ausländischen, an bessere Verhältnisse gewöhnten Beobachter recht oft Gelegenheit, über die Auffassung ihrer Pflichten zu lachen. Doch ist diese Erscheinung im Hinblick auf die Macht, die solchen Vertretern anheimgegeben wird, recht betrübend. In strenger Abhängigkeit von der Gemeindeleitung befindet sich auch der Rabbiner, und nur sehr energischen Männern ist es bisweilen in Kurland gelungen, auch auf den Gang außersynagogaler Angelegenheiten geringen Einfluß zu gewinnen. Zu diesen seltenen Ausnahmen gehört auch das Oberhaupt eines kleinen Städtchens in der Nähe Rigas. Nicht der Ruhm ungeheurer Gelehrsamkeit eroberte ihm alle Herzen, sondern die Ehrfurcht vor seinem schon seit einem Jahrhundert die Führerrolle innehabenden Geschlecht, wie auch sein stolzes, selbstbewußtes Auftreten erstickte jeden Widerspruch und erzwang ihm völligen Gehorsam, so daß er in kurzer Zeit der eigentliche Verwalter der ganzen Gemeinschaft war. Sein Ansehen erreichte allmälig eine solche Höhe, daß die Entscheidung selbst der internsten Familiendinge seinem Ermessen von de» Bürgern freiwillig überlassen wurde. Solche Fälle, wo Rabbinen eine so diktatorische Gewalt in die Hand gespielt wurde, gehören jetzt bereits der Tradition an, und selbst der eben erwähnte Machthaber muß noch an seinem Lebensabend um die Erfahrung bereichert werden, daß das neue Geschlecht für seine Blitze nicht mehr empfindlich ist. Auch das russtsche Gesetz, das von Jedem Kronsrabbiner die Absolvirung eines klassischen Gymnasiums verlangt, trägt viel dazu bei, die Reihen der alten, ehrwürdigen Rabbinen zu lichten, die ihr ganzes Heil im Talmudstudium und der Pflege der hebräischm Sprache sahen, der äußeren Welt mit ihrer Aufklärung aber verschlossen blieben, und zwingt die Gemeinden, sich jüngeren Kräften zuzuwenden, die sie fteilich nicht so hochschätzen wie die.alten, denen sie aber leichter Respekt einzuflößen hoffen. Amitfif. 9 Gin pädagogischer Versuch. Wie schon zu allen Zeiten, so wird auch neuerdings wieder ganz besonders darauf hingewiesen, daß die Zukunft des Judenthums von unseren Kindern abhängt, daß wir bemüht sein müssen, ihnen dasselbe in der Form zu überliefern, die sie befähigt, allen Angriffen die Spitze bieten zu können und ihrem Glauben treu zu bleiben. In einem anfangs dieses Jahres gehaltenen Vortrag, der auch in dieser Zeitschrift erschienen, wies Herr I. Wiener bereits darauf hin, und fand auf die Frage: Womit erhalten wir unsere Kinder dem Judenthum? die Antwort, daß wir dieselben, in einer dort näher angegebenen Art, in den wahren Geist des Judenthums einführen müssen. Zu diesem Zwecke empfahl der Redner die Herausgabe eines Buches, »dessen Inhalt volksthümlich und zugleich belehrend fein könnte lind müßte", eines Buches, „das in geeigneter Auswahl enthielte, was aus deni Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur die Herzen unserer Kinder für das Judenthum zu gewinnen vermöchte", und das zugleich ein „Hausbuch für Erwachsene" sein müßte. Geeignete Lektüre müssen wir unseren Kindern also bieten, und schon oft, auch in diesen Blättern, wurde die Frage aufgeworfen: Was sollen wir unsem Kindern zu lesen geben, ohne daß ihr jüdisches Gemüth an dem fremd-religiösen Gepräge Anstoß nimmt, das die meisten unserer Jugendschristen tragen? Als Lehrer in einer einklassigen Schule, deren Etat durch Bücher anschaffungen nur sehr wenig belastet werden darf, hätte ich meinen Schülern auch gern Gelegenheit geboten, durch das Lesen guter Jugendschristen den wahren Geist des Judenthums kennen zu lernen. Da ich dies aber aus Mangel an geeigneten Büchern nicht tonnte, so machte ich folgenden Versuch: Ich erzählte beit Kindern jede Woche in einigen außerhalb der Schulzeit liegenden Stunden einzelne Züge aus der jüdischen Geschichte, zu deren Berührung sich während des Unterrichtes keine Gelegenheit gehoten halte, so von der Glanzzeit unter arabischer Herrschaft in Spanien, von dem Dichter-Drngestirn, von den großen Staatsmännern, Philosophen lind Aerzte», von den Greueln der Vertreibung aus Spanien, von den-Leiden während des ganzen Mittelalters im übrigen Europa ». i. w. A»L las ich ihnen, theils vollständig, theils im Auszüge die „Stimme» vom Jordan und Euphrat" von Sachs vor. ferner Erzählnngen aus der jüdischen Vergangenheit von Philippson, Treu und Anderen, und hin und wieder eine der Hoffmannschen Jugendschriften, in denen besonders von Juden erzählt ist. Selbstverständlich beobachtete ich dabei die geschichtliche Reihenfolge und einen Stufengang, der vom leichter Verständlichen zum schwerer Verständlichen aufstieg. Alles mußten die Kinder, so gut oder so schlecht es ging, wieder erzählen, worin sie bald recht geübt wurden, da sie das von der biblischen Geschichte her gewohnt waren. Anfänglich waren dia Kinder mit diesen von ihnen sogenannten „Erzählstunden" nicht sehr zufrieden, weil ihnen dadurch ein freier Nachmittag genommen wurde. Als ich aber ihre» Geschmack besser traf, da hätten sie mir am liebsten während des ganzen Sonnabend- Nachmittags, cküf den ich die. Stunden gelegt hatte, zugehört. Ja, es ging noch weiter. Die Kinder erzählten gelegentlich ihren Eltern einzelne Geschichten, und einige von diesen baten mich um die Erlaubniß, den Stunden beiwohnen zu dürfen, die ich natürlich bereüwillig gab. so daß mein ohnehin nicht sehr großer Schnlraum kaum mehr hinreicht, meine Zuhörer aufzunehmen. So habe ich, wenn auch nur im Kleinen, erreicht, was Herr Wiener forderte; allerdings habe ich kein Buch geschrieben, aber ich glaube doch auf dem Wege zu sein, meinen Schülern das zu bieten, .was aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur ihre Herzen für das Judenthum gewinnen kann", und zugleich auch die Erwachsenen zu interessiren. Wenn mein Borrath an Erzählungen erschöpft ist, will ich meine alten und jungen Zuhörer in die jüdische Sittenlehre einführen, indem ich ihnen die Pirtr Aboth und später einzelne Theile des Midrasch und der Agada erläutere, soweit sie mir bekannnt oder zugänglich sind. Einen Versuch habe ich als Unerfahrener auf diesem wichtigen Gebiete gemacht. Der scheinbare Erfolg bewegt mich, ihn zu veiöffentlichen mit der Bitte, namentlich an meine Kollegen in kleineren Städten, diesen Versuch ebenfalls anzustellen und über den Erfolg' zu berichten, resp. Befferungsvorschläge zu machen. R. H. Nie Satire und die Stellung des Äudenthums zu Ihr. Bon Dr. Siegmund Feßler, Rabbiner in Halle a. S. Seinem Erstlingswerke, den Räubern, setzt Schiller den Ausspruch des Hippokrates „Quae medicamenta non sanant ferruni saust, qnae ferrum non sanat, igms sanat“ „Was Arzneien nicht heilen, das heilt das Eisen, und was das Eisen nicht heilt, das muß das

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