Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Professur in Leipzig wegen seiner liberalen politischen Haltung aufgeben! mußte, lebte er bis zum Jahre 1863 in Weimar, wo er eine Zeit lang mit Bert hold Auerbach in innigem Verkehr stand. Im Jahre 1863 siedelte er wieder nach Leipzig über, in der von ihm daselbst geleiteten „Deutschen Allgemeinen Zeitung" bekämpfte er auch den damals zum ersten Male auftauchenden Ukas, der die russischen Juden 15 Werst von der Grenze aus dem Ansiedelungsrayon verbannen wollte. Der Ukas gelangte durch den Gegendruck der öffentlichen Meinung nicht zur Ausführung. Was Biedermann, der mit dem seligen Jakob Nachod, dem Leiter des „deutsch-israelitischen Gemeindebundes", in innigen Beziehungen stand, für den deutschen Liberalismus geleistet, hat die politische Presse eingehend gewürdigt, so u. A. ein von Dr. Moritz Brasch im „Leipziger Antisemiten es verschmähen sollen, durch Arbeit ihr Brod zu erwerben. Das Fest lieferte ferner den Beweis dafür, daß es den professionsmäßigen Hetzern trotz alledem noch nicht gelungen ist, das Band der Eintracht zwischen jüdischen und christlichen Bürgern zu zerreißen. Nachdem der Jubilar in früher Morgenstunde bereits durch ein Musikständchen seitens der Bezirksgenossen begrüßt worden war, erschienen etwa um zehn Uhr Vormittags die Obermeister, sowie der Gesammtvorstand der Berliner Malerinnung, um den würdigen Kollegen durch eine bewegte, zu Herzen gehende Ansprache zu feiern. Gleichzeitig überbrachte diese Deputation dem Jubilar ein Ehrendiplom in Kolossalgröße, dessen Ausführung eine künstlerische genannt werden darf. Die Malerei, auf weißer Seide ausgeführt, ist bis in die kleinsten Details mit so feinem Verständniß ent¬ Tageblatt" erschienener Essay. Berlin, 3. Oktober. Herr Stöcker hat alle Hände voll zu thuu, um sich seiner Parteigenossen zu erwehren. Es hält halt schwer, ein Prediger der Liebe und des Haffes zugleich sein zu wollen Das Leibblatt des Herrn Hofprediger a. T., das „Volk", bekämpft seinen Parteigenossen an der Pleiße, indem es schreibt: „Das Organ des Herrn Dr. Erwin Bauer, die „Neue Deutsche Zeitung", entnimmt dem Pariser Blatte „La Libre Parole“ eine Betrachtung des Publizisten j "Achille Plista über die antisemitische Bewegung in Deutschland, welche folgende Ausführungen über den verehrten Führer der christlich-sozialen Partei enthält: „Stöcker ist der Führer seiner Partei, nämlich der christlich-sozialen, aber er weiß sehr wohl, daß sein Einfluß nicht weiter j reicht und auch von Niemanden angenommen werden würde. Ich verz kenne die ungeheuren Dienste, die der berühmte Pastor der antisemitischen j Sache geleistet hat, durchaus nicht, noch die "Angriffe, noch die ihm er- > wiesene Ungnade, die seinen Namen nur geehrt haben. Aber ich halte! es für nothwendig, daß man davon zurückkommt, in ihm den Führer! des deutschen Antisemitismus zu erblicken. Ohne sein Verdienst zu ver-! mindern, läßt sich nicht leugnen, daß das Bewußtsein seines Ruhmes ihn I niemals verläßt. Seine Antwort auf die Interpellation Rickerts im preußischen "Abgeordnetenhause hat man in antisemitischen Kreisen nicht; verstehen können. Man versteht noch weniger seine schwache Vertheidigung; "Ahlwardts, dem man einen außerordentlichen Muth nicht absprechen 1mm;; ebensowenig begreift man sein Verhalten in dem Falle Paasch, der nicht nur eine cause celebre“, sondern ein Prozeß von großer historischer! Bedeutung ist. Was man aber vor "Allem nicht begreift, ist, daß Herr j Stöcker noch an einen Kampf mit Rom denkt." Wir würden diese Eri güsse kaum beachtet haben, wenn darin nicht die intimsten Gedanken der; Herren Dr. E. Bauer und seiner Mitarbeiter und Gönner zum Ausdruck; kämen. Und da wir unklare Situationen nicht lieben, wollen wir die! vorstehenden Bemerkungen nicht unbeantwortet lassen. Hofprediger Stöcker! und die christlich-soziale Partei bekämpfen den Mammonismus und seine sittlichen und sozialen Auswüchse, sie brandmarken die Ausschreitungen des Judenthums, wo sie durch Thatsachen dokumentirt werden, sie stehen aber nicht auf dem Standpunkt des Rassenantisemitismus und der Radaumacherei. Wir bekämpfen diejenigen, welche den Juden ein Justizprivilegium einräumen wollen, indem üe jüdische Verbrechen aus Aberglauben für unzulässig erklären, wir haben aber niemals den Juden „Ritualmorde" vorgehalten." Soweit das Stöckerblatt- Wenngleich wir das kurze Gedächtniß des Herrn Hofpredigers schon öfters bewundert haben — uns scheint der Fall Xanten noch nicht weit zurück zu liegen und wir erklären es für eitel Wortgeflunker, wenn man zwischen „Blutmord" und „Ritualmord" einen Unterschied konstatiren will — so nehmen wir doch von dem heutigen Bekenntnisse mit Genugthuung Kenntniß, daß Herr Stöcker nicht an Ritualmorde glaube. Dann mag er aber auch den Muth haben, gegen die Lügen seines Parteigenossen Wackerbarth und die Thorheiten der „Kreuz-Zeitung" offen aufzutreten, dann mag er gegen den Meineid eines Rohling sich nicht verhüllen. Eher wird an die Wahrhaftigkeit seiner Worte nicht geglaubt werden können. n. Berlin, 4. September. Das fünfzigjährige Bürger- und Meister-Jubiläum, welches der in weiten Kreisen bekannte Malermeister Michael Jacob am Donnerstag voriger Woche beging, gestaltete sich zu einer erhebenden Ovation für den noch rüstigen Jubilar. Das Fest bot aber für unsere jüdischen Mitbürger noch ein spezielles Interesse. Es vernichtete in drastischer Weise die Legende von der Trägheit der Juden im Allgemeinen, die ja bekanntlich nach dem Katechismus der worfen, daß sie die Bewunderung Aller erregte, wie dieselbe auch auf Wunsch der Herren Obermeister am nächsten Jnnungstage ausgestellt werden soll. Gleich darauf erschien der Vorstand des Vereins selbstständiger jüdischer Handwerker ebenfalls in corpore, und der Sprecher, Herr Hermann Landsberger, hob in warmen Worten die hohen Verdienste, welche der Jubilar sich seit langen Jahren, namentlich in seiner Eigenschaft als Krankenpfleger, um den Verein erworben hat, gebührend hervor. Gleichzeitig überreichte die Deputation Namens des Vereins einen wohl fußhohen, in Silber und Gold getriebenen Pokal, welcher durch die Widmungsinschrift einen ganz besonderen Werth für den Gefeierten erhält. Es dürfte hier wohl am Platze sein, darauf hinzuweisen, daß der bereits vor über fünfzig Jahren begründete Verein Hunderte von selbstständigen jüdischen Meistern zu Mitgliedern zählt und wohl ebenfalls dazu beiträgt, das gemeine Lügengewebe von dem Parasitenthum der jüdischen Mitbürger zu Schanden zu machen. Es folgten dann der Vorstand des Bezirksvereins, ebenso stellten sich die Herren Rabbiner Drr. Maybaum und Ungerleider als Gratulanten ein, wie sich auch der Vorstand der jüdischen Gemeinde nicht nehmen ließ, sein wackeres, in "Arbeit und Ehren ergrautes Mitglied in einer herzlichen Zuschrift zu beglückwünschen. Der Malergehilfenschaft Berlins gereichte es zur besonderen Ehre, daß auch sie des wackeren jüdischen Meisters an seinem Ehrentage gedachte und ihre Theilnahme durch ein vortreffliches Sängerstündchen Ausdruck gab. Bis zum späten Abend schaarten sich Gratulanten um den Jubilar, welcher, von Kindern und Kindeskinderu umgeben, oft Gelegenheit fand, in der ihm eigenen schlichten Weise seiner Freude Ausdruck zu geben. Möchten doch noch oft derartige Feste davon zeugen, daß es der antisemitischen Partei nicht geglückt ist, trotz aller Verleumdungen die Eintracht unter unfern Mitbürgern zu vernichten. Berlin, 3. Oktober. Kein Mittel ist so unrein, daß die anti semitische Propaganda sich scheuen sollte, es zweimal anzuwenden. Es ist bekannt, daß die Hetzpresse für ihre Behauptungen von der „inter nationalen" Macht und Organisation des Judenthums lediglich eine Rede auführen konnte, welche ein antisemitischer Schriftsteller in einem von ihm erfundenen Roman einen Ober-Rabbiner halten läßt. Die gute Wirkung, welche dieses gewiß unumstößliche Beweismittel geübt hat, veranlaßt unsere Antisemiten, denselben „Schwindel" ein zweites Mal zu versuchen, und so sehen wir heute den bekannten Pickenbach als Reklamemacher für einen neuen antisemitischen Hintertreppenroman sigurireu „Der letzte Jude. Antisemitischer Roman von Earl Martell." Das ist das Werk, durch welches der nächsten Antisemitengeneration der Beweis für den Ritualmord geliefert werden soll. Was von dem Machwerk selbst in dem empfehlenden Cirkular des Herrn Impresario geboten, lohnt der Besprechung nicht, nur die Mittheilung, durch welche der finge Pickenbach sein Manöver aufdeckt, verdient festgenagelt zu werden. Es heißt in dem Cirkular an die antisemitischen Redaktionen: „Es handell sich um ein für uns höchst wichtiges "Agitationsmittel, und bitte ich Sie deshalb, durch eine möglichst ausführliche Notiz auf diese Sache hinzuweisen." Wir werden nun in den nächsten Wochen in allen Blättern, welche offen und versteckt der Judenhetze dienen, sicher diese „ausführliche Notiz" zu lesen bekommen, und es soll uns nicht wundern, wenn wenige Zeilen später die Klage über die „Verjudung der deutschen Litteratur" angestimmt wird. In welcher Zeit leben wir! * Breslau, 30. September. Der Jahresbericht der hebräischen Unterrichtsanstalt über die Schuljahre 1890,1 und 1891/2 von Rab biner Dr. P. Neustadt erstreckt sich über die zwei Schuljahre 1890 und 1891. Wir entnehmen demselben folgende Mittheilungen: Durch Erlaß der Königlichen Regierung vom 7. Februar 1892 ist die Anstalt nunmehr