Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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6. Jahrgang, Nr. 41. <ߣtUn’ 7‘ 0kt°bet 18 HSerkage zur „Akkgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Nentschlaud. fO Berlin, 4. Oktober. Der Versöhnungstag ist programmn ästig und glücklicher Weise ohne jede Störung verlaufen. Die allseitig ■ ivoffmett Vorsichtsmaßregeln haben sich in jedem Falle gut bewährt, vhti' in einem Privatbetsaal Hirtenstraße 20 ist in der Nacht Feuer entnmdeu. Ein Licht, welches die ganze Nacht hindurch brennen sollte, : ar herabgebrannt; die Funken sielen auf ein Betpult und einen Tisch u w setzte dieselben in Flammen. Als die Feuerwehr an Ort und Stelle schien, fand sie den Betsaal bereits total verqualmt; es war zunächst > cht möglich, in denselben einzudringen. Eine große Handdruckspritze > .b dann längere Zeit Wasser und bewirkte die Ablöschung des Feuers. Xau sieht, wie geboten jegliche Vorsicht war. Es ist begreiflich, daß * i) auch jetzt Stimmen erheben, welche die große Pause von 12—4 Uhr r einer ständigen Institution machen möchten. Wir können aber nicht l »dringlich genug davor warnen. Eine solche Pause, welche in diesem V\af)ve aus sanitären Rücksichten geboten, würde auf die Dauer die ganze Xier des Versöhnungetages beeinträchtigen und stören. Seltsamer Weise iv.;t auch das thörichte, durch eine falsch aufgefaßte Zeitungsnotiz ent- '!'-ndene Gerücht, als hätte das Rabbinat oder der Gemeindevorstand das - Asten für diesmal aufgehoben, vielfach Glauben gefunden. So weit ' bereits die Unkenntniß der jüdischen Lehre gediehen. Das Fasten am Xrsöhnungstag ist eine biblische Vorschrift (4. B. M. 29, 7), und kein •> 'ibbiuat und kein Vorstand der Welt hat das Recht, davon zu disi iil'ueu. Es hat auch noch Keiner den Versuch gemacht. Die Behörden i lerer Gemeinde verdienen jedenfalls den Dank aller Gemeindemitglieder!! die unlfassenden Vorsichtsmaßregeln, die sie getroffen haben. •A; Berlin, 3. Oktober. In der konservativen Presse wogt t Streit über den Parteitag und das Programm noch immer sehr l ujg. Je nach der Farbe bringen auch die Parteiblätter verschiedenu Uge Nachrichten über die Stellung zur „Judenfrage". Wir glauben a vT, daß man gut daran thut, diese Nachrichten vorsichtig zu prüfen- 7 un wie wir aus einer durchaus zuverlässigen Quelle soeben veri-Hnen, wird die „Judenfrage" nach der Stimmung der Majorität l :erhalb der konservativen Partei keine Aufnahme in das neue ävgramm finden. Wir fügen hinzu, daß diese Nachricht keineswegs a v dem Kreise des Herrn v. Helldorf und seiner Freunde stammt. GD Berlin, 2. Oktober. Wie wir hören, finden im November b vräsentantenwahlen statt, da eine Anzahl von Mitgliedern > Repräsentantenkollegiums statutengemäß ausscheidet. Der „Verein > A Vorbereitung der Gemeindewahlen" har auch, wie wir hören, schon Beginn der Sommerferien ein Programm für seine Kandidaten auf- Dasselbe enthält hauptsächlich zwei Punkte: Religionsschulen und Snagogen in allen Stadttheilen, geheime Wahlen. Der Verein beab- " ligt, unmittelbar nach den Feiertagen in die Agitation einzutreten Kandidatenlisten aufzusiellen. O Berlin, 5. Oktober. Der Senior der Berliner Aerzte, der Kfeinte Sanitätsrath Herr Dr. Martin Steinthal, ist am Sonna; itb Abend gegen 8 Uhr durch den Tod in sanfter Weise abberufen rden. Steinthal, der ein gesegnetes Alter von nahezu vierundneunzig '' neu erreicht hat, gehörte zu den vielbeschäftigten Aerzten Berlins; er bullte die schweren Pflichten seines Berufes mit großer Menschenu nndlichkeit und war Arm und Reich gegenüber gleich hilfsbereit. Seine -R'hlthätigkeit war unermüdlich, und die ausgedehnte Praxis gab ihm ''H' oft Gelegenheit, nicht nur mit seinem ärztlichen Wissen, sondern auch ll:;t materiellen Unterstützungen thatkräftig einzugreifen, wo er es für ' Abwendig erachtete. Tausende werden das Hinscheiden dieses ausxXchneten Mannes tief betrauern und sein Andenken segnen. — Am -- Oktober 1798 in Stendal geboren, besuchte er das Gymnasium seiner Vaterstadt und bezog 1818 mit einem glänzenden Abgangszeugniß die Berliner Universität. Nach absolvirtem medizinischen Triennium promovirte er am 5. November 182L Hieran schlossen sich Studienreisen nach England, Schottland und Frankreich, worauf er sich nach abgelegter Staatsprüfung 1823 als praktischer Arzt in Berlin niederließ. Bald darauf trat er mit schriftstellerischen Arbeiten hervor, welche die Aufmerksamkeit der ärztlichen Koryphäen auf ihn lenkten. Zu Sieboldt, dem berühmten Augenarzt Graefe und besonders zu Ernst Horn trat er in nähere Beziehungen Außer zahlreichen andern Schriften sind besonders folgende Arbeiten Steinthal's hervorzuheben, mtb zwar über Nervenfieber, Carcinosen, Psychosen, Eneephalopathie des kindlichen Alters, über tabes dorsualis. Ein Buch „Medizinische Analekten" hat unvergänglichen Werth. Im Jahre 1847 erhielt Steinthal auf Fürsprache des Kultus-Ministers Eichhorn den Charakter als Sanitätsrath. Er war der erste Jude in Preußen, der diesen Titel erhielt. Zehn Jahre später wurde ihm das Patent als Geheimer Sanitätsrath zu Theil. Bei zahlreichen medizinischen Vereinigungen nahm Steinthal eine leitende Stellung ein. Ein neuer Aufschwung der Hufelandffchen Gesellschaft knüpfte sich ail seine unermüdliche Thätigkeit, 1878 wurde er Ehrenpräsident derselben und seine Büste wurde im Sitzungssaale aufgestellt. Jln Jahre 1868 rief er den medizinisch-pädagogischen Verein ins Leben, welcher die hygienischen Verhältnisse in Schule und Haus sich zur Aufgabe machte und auf diese Weise hervorragenden Antheil ail der Assanirung Berlins gewonnen hat. Ferner gewann er 1878, all seinem achtzigsten Geburtstage, das Prädikat eines „immerwährenden Ehrenmitgliedes" beim Kuratorium zur Unterstützung nothleidelrder Aerzte, einer Vereinigung, deren P räsidium er gleichfalls inne hatte. Im Jahre 1S66 erhielt Steinthal den Kronenordon IV. Klasse, zu seinem 50 jährigen Doktor-Jubiläum 1871 den rothen Adlerorden III. Klasse und zu feinem achtzigsten Geburtstage die Schleife zu diesem Orden. Der neullzigste Geburtstag 1888 und das 70jährige Doktor-Jubiläum 1891 brachte ihm eine wahre Ueberfülle der reichstell Ehrllngen und Allerkeilniulgen für seine großartige, genleinnützige Wirksamkeit als Arzt und Mensch. Schließlich darf llicht unerwähnt bleiben, daß Steinthal in der jüdischen Gemeinde, wie in der Reformgemeinde zu den hervorragendsten Mitgliedern des Vorstandes gehörte, bei der ersteren war er längere Zeit Vorsitzender der Repräsentanten-Versammlung. — Die Trauerfeier für den Verstorbenen fand Dienstag Vormittag 10l/_> Uhr in der Leichenhalle des alten jüdischen Friedhofs an der Schölrhauser Allee statt. Die Gedenkrede hielt Herr Prediger Dr. Levin. Dieselbe machte auf die zahlreiche Trauerversamlnlung einen tiefen Eindruck. X Berlin, 2. Oktober. Berliner Zeitungen bringen Berichte, welche den Anschein erwecken, als wolle man jüdischen Ausländern für den Besuch Rußlands wiederum Erleichterungen zugestehen. Hiernach sollen nichtrussische Juden, — gleichviel welcher Staatsangehörigkeit, — ohne Weiteres ein Visum nach Rußland mit der Erlaubniß, sich dort drei Monate aufhalten zu dürfen, erhalten, falls sie Inhaber oder Bevollmächtigte, Angestellte, Agenten rc. einer handelsgerichtlich eingetragenen Firma sind. Jüdische Ausländer, die in Rußland erste Gildesteuer zahlen, genießen in Bezug auf das Reisen nach Rußland und den Aufenthalt daselbst dieselben Rechte wie die ausländischen Christen. Leider stimmen diese Berichte mit den direkten Nachrichten, die wir aus der Zarenhauptstadt erhalten, nicht überein. (Vgl. Korr. Petersburg.) F. Berlin, 30. September. Professor Dr. Karl Biedermann dessen 80. Geburtstag in der letzten Woche (25. September) in Leipzig gefeiert wurde, hat seit den vierziger Jahren seine Feder und seine Thatkraft wiederholt der Emanzipation der Juden gewidmet. Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit zu beobachten, wie Biedermann nach den russischen Judenverfolgungen in Balta als einer der Ersten in Deutschland zur Feder griff und durch einen Leitartikel in der „Magdeburger Zeitung" das deutsche Hilfswerk für die von asiatischer Rohheit Bedrängten organisiren half. — Als Biedermann im Jahre 1855 seine