Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- Seite 492 (sequence 12)
- Language
- German
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492 und darfst Du Dich keines Ueberlastes, dafür wir Dich dann schützen und schirmen wollen, befahren, berührtes unseres lieben Getreuen Gallen Hacken Hausfrau neben andern, die Deines Raths und Hilfe begehren in Deine Curain nehmen und Deinen möglichen Fleiß, ihnen zu helfen, verwenden, versehentlich ein jeder Patient werde sich mit Dir um Deine gehabte Mühe nach seinem Vermögen gebürlich und unverweislich erzeigen und vertragen, doch daß Tn Dich allwege, wie oben vermeldet. Deines Glaubens halten, niemand damit beschniitzen, auch keinen Wucher treiben und sonsten rechtschaffen halten thust. Solches wollen wir Dir, Dich darnach zu richten, nicht verhalten." — Drei Jahre darauf kam ein zweiter jüdischer Arzt, Michel Abraham, beim Herzog mit der Bitle ein, sich in Königsberg häuslich niederlassen und „sich für einen Leibaru gebrauchen lassen zu dürfen." Der Herzog trug dies Mal gar kein B' denken, seine Genehmigung zu ertheilen. -- DVorkorrnc;. E i ii Schicksalsgenosse j c l) u & a alevi' s. Von Wilhelm Pressel, Pfarrer a. D. Jerusalem, in deinen Thoren O dürften meine Füße stehn. Das Erbtheil, das uns einst erkoren Noch diese blöden Augen sehn! Wie wollt' ich Alles dann vergessen, Das Thränenbrod, das ich gegessen, Das Manna auf dem Pilgerpfad; Mein letzt Gebet mit Freuden stammeln Und mich zu nleinen Vätern sannneln, Zu ruhn im Thale Josaphat! So sprach Dvorkowicz, Wilnas Zierde, Der Nteister der Akademie, Deß Frömmigkeit ihr ihre Würde, Deß Weisheit ihren Glanz verlieh. Dem Rabbi will nicht mehr genügen Der Talmud mit den trocknen Zügen, sticht Atischna und nicht Gemarah. Das Land der Väter will er schauen. Sich an lebendiger Spur erbauen Im Heimathland der Schechina. Er fragt nicht nach der Zahl der Jahre, Die an das Ziel des Lebens reicht; Er achtet nicht, daß seine Haare Des Grabes Nähe schon gebleicht; Er scheidet aus der Heimath Kreise, Greift freudig nach der Väter Weise Zu Wanderstab und Pilgerhut. Durch Rußlands schneebedeckte Felder, Durch seine Steppen, seine Wälder Erreicht der Greis die Meeresfluth. Dort trifft er in Odessas Hafen Ein Schiff, das nach Aegypten fährt. Und kann nicht ruhen, kann nicht schlafen Bis ihm die Ueberfahrt gewährt. Ob drauf zur Rechten und zur Linken Ihm Stambul, Smyrna, Rhodus winken, Wohin sich lenkt des Schiffes Kiel, — Sein Hoffnungsanker ist gelichtet. Sein Sehnsuchtssteuer ist gerichtet Nur auf das Eine heil'ge Ziel. Da hebt aus blauer Meeresferne Von seiner Zedern Schmuck umlaubt. Der Hermon zu dem Reich der Sterne Empor sein schneegekröntes Haupt Und von dem Gipfel des Propheten, Wo er den Regen einst erbeten, Vom Karmel bis zum Garizim Dehnt sich, umsäumt von Sarons Rosen Und Lilien, ein zweites Gosen, Sich das Gebirge Ephraim. Was schimmert dort vom grünen Hügel? Ein Städtlein an des Meeres Strand? Dvorkowicz! wer verleiht dir Flügel? Dein Blick hat Joppe schon erkannt. Hier darfst du landen, hier die Stätten, Tie heiligen, zuerst betreten. Auf Joppe folgt Jerusalem! Er wirft dem Schiffsherrn sich zu Füßen: „O laß michs heute noch begrüßen. Wenn es Dir möglich und genehm!" Die Brandung stürmt, doch solcher Bitte Fiigt freundlich sich der rauhe Sinn; Ein Wink, — und in des Nachens Mitte Enteilt der Greis zmn Ufer hin. Ein Ruck — und eh' mit starken Händen Die Schiffer noch ihm Hilfe senden. Erklimmt der Greis den steilen Strand, Begrüßt er, wo den störr'gen Rücken Ihm Jona bot, mit feuchten Blicken Und lautem Dank das heil'ge Land. Hier wird zur Heimath ihm die Fremde, Das Niegeschaute scheint bekannt; Wozu er kaum mehr sich bequemte. Es dünkt geläufig seiner Hand. Der Sohn kehrt heim zum Vaterhause, Sein Leben war nur eine Pause, Ein Traum der ganze Occident. Er ist erwacht — und die Gestalten, Die vor ihm wandeln, sind die alten. Er steht verjüngt im Orient. So zieht er, als die Nacht sich lichtet. Ins Land hinein mit rüst'gem Fuß; Wohin er nur das Auge richtet, — Die Wüste selbst beut ihm den Gruß. Die Hügel scheinen ihn zu kennen. Er weiß mit Namen sie zu nennen, Die Hügel Dan imb Benjamin. Die Wandrer, welche ihn: begegnen, Sind seine Brüder, denn sie segnen Ja mit Salem aleika! ihn. Ein Schnurz nur dringt durch seine Seele, Ein Seufzer über seinen Mund: Das Land spricht laut von Schuld und Fehle, Das Land spricht von gebrochnem Bund; Die kahlen Höh'n, die leeren Fluren, Der Städte und der Dörfer Spuren, — Je weiter führt die Straße ihn. Das ganze Land in seinen Wunden Spricht, wie er niemals es empfunden. Laut, daß sein Segen ist dahin! So von des langen Tages Hitze Und seines Kummers Last gedrückt. Erreicht er eine Bergesspitze, Die weit hinaus gen Osten blickt. — Da liegt im Glanz der Abendsonne Jerusalem! — da liegt in Wonne Versenkt Dvorkowicz auf den Knieeu, - Nur einen Augenblick indessen. Denn alle Hitze ist vergessen Und aller Kummer ist dahin. — Ihn trennen wenige Minuten Von seiner Sehnsucht heiligem Ziel; Die letzte Kraft, das letzte Sputen, Was ist dem Greise heut zu viel? Schnell ist der Gichon überschritten. Die Stadt erreicht; — da steht er mitten Im alten heiligen Joppethor! Da wirft er weinend sich zur Erden Und schickt mit rührenden Geberden Sein heiß Gebet zum Herrn empor! „Gott meiner Väter, der die Pfade Des Schwachen bis hierher gelenkt, Gott meiner Väter, dessen Gnade Mir diesen Anblick noch geschenkt, Gott, der Du Israel erkoren Ob uns auch Alles ging verloren, Ob uns auch traf Dein schwerer Fluch, O laß Dein Volk trotz unsrer Sünden, Laß uns Erbarmung wieder finden Und tilg uns nicht aus Deinem Buch! Ob auch gebrochen diese Mauern, Die einst das Heiligste gesehn. Ob auch Judäas Berge trauern, O laß von Neuem uns erstehn. Du wirst beleben seine Glieder, Du sammelst das Zerstreute wieder Und bauest, was in Trümmer fiel! Du kannst Dein Erbtheil nicht vergessen. Das Maß der Sünde ist gemessen. Doch Deine Gnade hat kein Ziel!" So fleht er, und in Fleh'n versunken Hat er für Irdisches kein Ohr, Nicht, wie ein Reiterhaufe trunken Sich plötzlich drängt zum Joppethor. Versunken in sein heißes Beten, Wird kalt im Thore er zertreten. Wie es dem Türkenscheich genehm. Noch knieend liegt der Leib des Todten, Die Seele tragen Gottes Boten Zum himmlischen Jerusalem! Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.