Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
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Kriegszeitell unucn dem städtischen Hcmdel und Wandel nicht hold. Napoleons Heere hatten Deutschland überzogen und ausgewogen . . . Verdienst, Glück und Ehre war nur in der Ferne zu suchen. Da sagte ich eines Tages zu meiner Mutter: „Mutter, ich will fort. Ich will in die Fremde; ich will sehen, daß ich etwas oerdiene — hier kann ich Euch nichts helfen; vielleicht gelingt mir's draußen." Meine Mutter weinte, da ich so sprach. Aber sie drückte mich an ihr Herz und widersprach mir nicht. Ach, mein lieber, junger Freund, es ist herb, wenn eine Mutter zu ihrem Sohne nicht jagen kann: „bleib!" wenn er in die weite, weite Welt ziehen will! Sie sagte nicht: „bleib!" — und der Stiefvater sagte es auch nicht. Sie richtete mir in der Stille und heimlich einige Kleidungsstücke zu; — sie nahm, was sie sich bei Pfennigen gespart hatte und trug es zum Wechsler, und da dazumal in meinem Lande englisches Geld roursirte, so tauschte sie ein englisches Goldstück dafür ein. Sie nähte es mir in jenes Leinentuch, das, mit den Fäden des Gesetzes versehen, den Juden unter dem Namen „Arba-Kanfos" heilig ist und von ihnen unterallem Zeug aus der Brust getragen wird. l Fortsetzung folgt.) Nie große Sukkah. Eine Jugendcrinnerang. Von Eduard Münz. Auch Sultoth Huben ihre Schicksale und die, dun der ich erzählen will, ein recht seltsames und — wie mich dünkt — nicht gunz unnteressantes. Vielleicht irre ich? Vielleicht täuscht mich eine subjektive Empfindung? Vergoldet doch die Erinnerung das schlichteste Geschehniß das unscheinbarste Ting mit ihren Strahlen, leiht sie ja dem Einfachsten, dem Geringfügigsten ihren wundersamen Glanz. Geheimnißvolle Bande knüpfen uns an die Ereignisse aus unserer Kindheit Tagen, an die Stätten, wo wir unsere Jugend zugebracht, an die Personen, in deren Mitte wir anfgewachsen. Was war das für uns Kinder für eine herrliche Zeit, wenn das Laubhüttenfest herannahte und mau die große Sukkah anfzustellen begann! Den ersten Pflock hatte freilich unser guter Großvater, nach alter guter Sitte, bereits am Ansgange des Jom Kippur in die Erde getrieben, allein erst einige Tage später pflegte Danilo, der „Strusch" (Hausknecht), die Bretter und Balken, die Thüren und Pfosten, die Rvhrmatten und Binsendecken ans einem, eigens hierfür reservirten Verschlage hervorzuholen und rief dann gewöhnlich „Nissen den Träger" oder „Abifch den Schlosser" herbei, welche Beide unter Assistenz von nahezu einem Dutzend von Dienstboten, Laufburschen und Kindern ans Werk gingen. Die Oberaufsicht über den Bau flihrte ein Man», der trotz seines wunderlichen, unwillkürlich zum Lachen reizenden Aussehens von Allen, Handlangern, Dienstlenten, Kindern, ja selbst vom Großvater mit einer gewissen Achtung behandelt wurde, es war „Jankele der Sofer", seines Zeichens ein Klausner. Er war klein, von untersetzter Statur, hatte wulstige Lippen und ein frommes Gemüth; seine Nase erfreute sich einer schwungvollen Krümmung, doch er selbst wandelte Zeit seines Lebens den geraden Weg. Sein Kopf war glattrasirt, sein Bart „gezwickt", und so konnte man — von seinen Schläfenlocken abgesehen — in des Wortes ureigenster Bedeutung kein Haar an ihm finden. O, diese Schläfenlocken! Wäre mir der Pinsel Murillos verliehen, um sie zu zeichnen, die Beredtsamkeit eines Demosthenes, um sie würdig zu schildern! Sie waren, was die „gestickten polnischen" unter den Fischen, was das Schalet unter de» Gerichten, kurz, sie waren .... einzig. Nicht schüchtern blickten sie unter dem breitrandigen, verschossenen Zvbelhuli hervor, nicht kokett gekräuselt, nicht pfropfenmüßig, gewunden, wie sh die modernen „Peies-Gigerl" zu tragen pflegen, .nein, Melancholie straff umrahmten sie Jankele des Sofers Antlitz, und ihre Längs glich der Og's, des Königs von Basan. Das Klansnergewerbe leidet mehr als acke anderen unter der vielgepriesenen freien Konkurrenz, denn für „Kaddischsagen" und die sonstige» Funktionen eines Klausners ist die Befähigung nicht schwer zu erlange», und so sah sich unser Jankele genöthigt, sich um eine Nebenbesch» tigung umzusehen, er wurde Sofer, schrieb „Mesusah's", verfertig!! „Tefillin" und lebte davon, so gut es eben ging. Wie er aber, wiewohl er von Architektur und dekorativer Ornamentik keinen blaue» Dunst hatte, ja nicht einmal ihre Namen kannte, dazu kam, beim Bau der großen Sukkah den Baumeister und souveränen Leiter ie-i Werkes zu spielen, das ist eine eigene Geschichte und soll jetzt berickm werden. Jin Jahre 18 .. . war», als eine schreckliche Feuersbrunst »nur Heimathsstädtchen verheerte; fast alle Häuser des Ortes, sowie me uralte, würdige Synagoge wurden eine Beute der Flammen. tz»r wenige Gebäude blieben von der Wuth des Elementes verschon, darunter auch das Besitzthum des wohlhabenden Holzhändler- Hcrz Ehrenwerth. Dieser war erst vor einigen Jahren nach B. eingewandert inu war demgemäß noch tvenig gekannt in der Gemeinde. Die Euer» und Umsicht, die er in jenen Unglückstagen bewährte, seine Wo»>- thätigkeit und stete Hilfsbereitschaft machten ihn mit einem Schlag! zum ersten Manne des Ortes, gleich beliebt bei Jud und Eh e. Er organisirte eine planmäßige Unterstützungsaktion, er wußte - dank seiner Verbindungen — das Mitleid weiterer Kreise für die c»- geäscherte Stadt und ihre unglücklichen Bewohner wach zu ruf-»: er ordnete den Bau von Baracken an, in welchen hunderte obdachloser Familien Unterkunft fandeir, gab wohl auch dazu das Holz von {einen Holzplätzen unentgeltlich her, er war der Tröster der Trauernde», der Helfer der Bedrängten, der Schützer der Verlassenen. In einer dieser Hütten, die meist mehrere Familien beherberg!, n, war auch „Ahron der Schamnies" geflüchtet und hier fühlte Giuet sein Weib, ihre schwere Stunde nahen. Sie genas eines Knaben, der den Namen Jakob erhielt. Reb Herz, wiewohl unausgesetzt für nie arme Stadt, die ihn gastlich ausgenommen, thätig, fand dennoch $■ ii. sich des Neugeborenen und seiner Mutter ganz besonders anzunehnie». Die Bemühungen des wackern Mannes waren Don Erfolg!>fgleitet; reichlich flössen von allen Seiten Spenden an Geld und >! ' dungsstücke», an Nahrungsmitteln und Banmaterialen für die je schwerh eimgesuchte Ortschaft, und nach Jahresfrist standen die meiste» Häuser, schöner als je zuvor, wieder da. Freudig, dankerfüllten Herz.» wurden sie von den Abbrändlern bezogen. Länger währte der Wiederaufbau der Synagoge, in deren Seil»' flügel Ahron, der Schammes, mit Weib und Kind ein bescheidene- Stübchen, als Dienstwohnung, inne hatte. Die Familie des Schanunewar unter den Letzten, die die Hütte verließen, nnd in die Sind! zurückkehrten. Es waren einfache, schlichte Leute, allein in ihrem Herzen lebte die Dankbarkeit gegen ihren Wohlthäter. Ilnablässig sann die arme Gine! darüber nach, wie dem edlen Reb Herz die viele Liebe und Güte, die er ihr bewiesen, zu vergelten, wie ihm eine Freude zu bereiten, a» dein Kopfe des vielgeprüften Weibes entstand eine Idee, die ina» fast „poetisch" nennen dürfte. Zuvörderst vertraute sie ihren Pu» ihrem Manne, dieser zog seine Kollegen von der Klaus, die Nil!' bewohner seiner Hütte, in das Geheimniß, und eines schönen Tage-' kurz vor dem Laubhüttenfeste, als Reb Herz seiner Gewohnheit ge»»>!!