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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-07 · Heft 41 (7.10.1892) · p. Seite 489

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 41 (7.10.1892)
Date
1892-10-07
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
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4 89 i seit einem ihren. Wir das; er ei» cd Mayor? iverhältnisß lause so bc kisch ginge» rs. Barne'» te Klavier ich blätterte zündet, icb n Westend ert Woche» Finsbnry das Rauch Der Bi» ne silberne garre daz» arre an - nicht besser „Wenn Ce ml in ein it gewesen ins meiner MM. Bar s Parterre l, lies ein die Kasse old woge» stehende» >a ich naclr und mußte an hohe» arbeiteten. >e Treppe, m Zimmer links war hing eine isenbahne» mien, eine n London mndlicheui; Anfänge on rothenr h herzlich. )er hohen : er. „Bor und vor inen Hut. die Hosen n Befehl." hurchstreet raße, aus Je weiter [, Gestank. ,,Wo» sind wir?" fragte ich, indem ich mir die Nase zuhielt r rid mit dem Stocke jeden Fußbreit Erde untersuchte, auf den ich rreten wollte. Mr. Barney nahm die eine Hand aus seiner Hosentasche und v igle an die Ecke eines Hauses hinauf. Da las ich auf einem schwarzen : rhilde mit weißen Buchstaben: „Jewrystreet" — Die Judenstraße — »»r waren im Londoner Jndenviertel . . . Mir ward unter diesen rilen Bekannten, die in Rußland und Italien dieselben geblieben sind, »nd die ich in London nicht anders fand, als ich sie in Paris gesehen r.ibe, gar wunderlich zu Muthe! Ach, diese Armen, die in den , udenvierteln zurückgeblieben sind, haben etwas unsäglich Rührendes! Lumpen vor der Thür, dunkle Augen und Gesichter mit gebogenen losen, schwangere Frauen auf dem zehnten Schritt und Kinder in len Winkeln und auf allen Kehrichthaufen — Geschrei und zwischendurch Gesang zum Harfenspiel, und das Alles in engen düstern ■affen und vor zerfallenen Häusern aus lang vergangenen Jahri nibevten — das ist das Morgenland in London! — Es war Freitag uiö darum besonders lebhaft in den Gäßchen. Denn die Leute vernoviantiren sich auf den Sonnabend. Da waren zehn, zwölf Buden alt gebackenen und mit rohen Fischen — ach, und die einen waren a ranzigem Oel gebacken und die Hälfte der anderen war faul. Dann ' mtcit Buden mit Fleisch, an welchem das Siegel des Rabbiners l lug; dann kamen Buden mit eisernen Töpfen und Keller mit l ieltigen, Kartoffeln, Mehl und Bohnen. Hierauf ginge» wir in die nle-Street. Duke-Street ist die vornehmste Straße des Judeni ertels — gleichsam die Regent-Street der Old-Jewry. Da hingen »leider vor den Thüren, Mäntel, Hosen, Hüte, zuweilen auch ein les Bild und ein Spiegel. Mr. Barney führte mich darauf in lie Einbncht der Duke-Street, in eine Art Sackgasse, wo ich aus >i dumpfen, stinkenden Häusern keinen Ausweg sah. Vor einem t elendesten dieser Häuser blieb er stehen. „Sehen Sie sich dieses Haus einmal an," sagte er zu mir. Ich sah mir das Haus an. Es war die elendeste Spelunke, die o in meinem ganzen Leben gesehen habe. Sie war einstöckig, schwar- 'ii Ruß und Dreck, mit geborstenen Lehmwünden und mit Fenstern,; denen mehr Lumpen als Glasscheiben steckten. Die Flur lag tiefer die Schwelle und war hügeliger Lehmboden; und die Decke hatte .h an einigen Stellen gesenkt und war an anderen durchgebrochen. „In diesem Hause habe ich vor achtundvierzig Jahren, da ich »s Deutschland kam, vier Wochen lang für erbetteltes Geld ge- ' illafen," sagte Mr. Barney, und sein schmales Gesicht verzog sich zu nein gutmüthigen Lächeln. Beim Himmel, es war ergreifend, den aiinn, der nun in der ersten Handelsstadt der Welt in seinem Fache r Ersten einer ist, gesegnet mit Allem, was wünschenswerth er- 1-.‘.leint, mit Glücksgütern, mit Ehre, mit Vertrauen seiner Mitbürger .'.d dem häuslichen Glück, das höher steht als das Andere; mit »er ehrenwerthen Frau, die er liebt, mit einem tüchtigen, zuverlässigen »ohne und einer vortrefflichen Tochter: diesen Mann mit seinem gutiithigen Lächeln und in seiner köstlichen Bescheidenheit vor der ■ütte sinnend stehen zu sehen, in der er als hilfloser Knabe dereinst r erbetteltes Geld geschlafen hatte! Indem wir Beide vor dem Hause standen, trat ein fettes Weib ■» etwa sechzig Jahren mit einem Kind an der Hand, und ein mageres mit einem Kind an der Brust in die Thür. „Wollt Ihr nicht eintreten, Gentlemen?" fragte das fette Weib »ut dem Kind an der Hand in einem sehr schlechten Englisch. Mr. Barney lächelte. „Kennt Ihr mich nicht mehr, Mirjam?" > »sie er deutsch, indem er das Weib freundlich ansah. Das Weib hielt die Hand vor das Ange, um Mr. Barney »ältlicher anznsehen. „Nein, ich kenne Euch nicht," sagte sie dann in einem Deutsch, das nicht besser war als ihr Englisch. Die Inden der Jewrystreet sprechen alte noch jenen Jargon, den wir bei uns noch zuweilen von den jüdischen Bettlern hören. Es ist jenes aus deutschen, hebräischen, englischen und polnischen Wörtern zusammengesetzte Kauderwelsch, das man studiren muß, wie eine fremde Sprache: sonst versteht man das dritte Wort nicht. Mirjam sah den Fremden nicht einmal an. „Bekannt seid Ihr mir, wenn ich Euch genauer ansehe . . . Ihr seid doch nicht ... Ja, Ihr seid — bei unserm Gott, getobt sei er! — Ihr seid Mr. Barney, der Bankier von Lombardstreet!" Nach dieser Wiedererkennungsszene trat Mr. Barney in das Hans und ich folgte ihm. Wir gingen in eine niedrige, schmutzige Stube, in welcher Bänke und Tische standen, im Hintergründe waren einige Bretterverschläge, und auf einem Gestell zur Seite lag ein Füßchen mit Ale. „Gebt »ns Jedem ein Pint Ale, Mirjam!" sagte Barney, der sich auf eine Bank gesetzt hatte. Mirjam ging zu dem Faß; ihr Kind war auf einen große», zerrissenen Lehnstuhl gekrochen, der am Kamine stand, und das jüngere Weib mit dem Kinde an der Brust hatte sich auf die Schwelle der Stubenthür gesetzt. „Wohl bekomm's!" sagte Mirjam, indem sie uns zwei zinnerne Kannen mit trübem, sauer riechendem Ale auf den Tisch setzte. Air. Barney trank von dem Ale — in der That! es gehörte die ganze Renüniseenz an seine achtundvierzigjährige Vergangenheit und ein starker Magen dazu, von diesem Ale zu trinken. Aiir schauderte vor dem bloßen Gedanken. „Dort auf dem Lehnstuhl, wo Euer Kind liegt, hat sonst immer der alte Jtzig gesessen. Lebt er noch?" fragte Mr. Barney. „Der alte Jtzig steht bald wieder auf," erwiederte Mirjam. „Er ist seid siebzehn Jahren todt — Frieden über ihn!" „Siebzehn Jahre todt!" wiederholte Mr. Barney. „Siebzehn Jahre . . . Dann ist es schon lange, daß ich hier zum letzten Aial war. Ats ich hier zum letzten Male war, da lebte der alle Jtzig noch. Ja, ja, — die Zeit vergeht! — Wer hat die Wirthschaft jetzt?" „Ich habe sie, Sir," erwiederte Mirjam. Dann lief sie nach dem Lehnstuhl und riß das Kind herunter. „Wirst Du mir den Lehnstuhl noch mehr zerreißen?" schrie sie und prügelte das Kind; und als es ansing zu kreischen, schleppte sie es hinaus und zeterte auf der Flur mit ihm herum. Mir wäre es höchst erwünscht gewesen, wenn wir jetzt gegangen wären. Aber Mr. Barney machte noch keine Miene dazu; er setzte sich ganz behaglich zurecht. „Ja, ja — die Zeit vergeht!" sagte er. „Sehen Sie, lieber Landsmann, es sind achtundvierzig Jahre, daß ich arm verlassen, hungrig und elend in dies Haus, in dies Zimmer kam. Ich war damals ein Knabe von ungefähr sechzehn Jahre». Ach, es ist eine recht traurige Geschichte, die Geschichte jener Tage, und es macht mich immer traurig, wenn ich daran denke, noch jetzt. Sehen Sie, ich bin in einer Stadt des nördlichen Deutschlands geboren und habe meinen Vater verloren, da ich kaum zwölf Jahre all war. Ich war der Aelteste von sieben Geschwistern, und wir alle sieben lagen einer Mutter zur Last, die ohne die Mittel war, uns und sich zu ernähre». Ach, die gute, treue, liebe Mutter. — Frieden über sie! Sie begann einen Kramhandel, sie war rastlos thätig, sie schleppte sich und ihre Familie so durch, mehr durch das, was sie von ihren Kunden geschenkt bekam, als durch das, was sie von ihnen verdient hätte. Aber es wollte so nicht mehr geben, und meine Mutter verheirathete sich! wieder. Da begannen schlimme Zeiten für sie und für uns, schlimmer! als die vorhergehenden. Sie wissen wohl, ein Stiefvater pflegt kein guter Vater zu sein. Je älter ich ward, je mehr drückte mich's; erbärmlich genug ging's uns noch immer, und ich sah keine Hilfe. Tie

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