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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-07 · Heft 41 (7.10.1892) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 41 (7.10.1892)
Date
1892-10-07
Page
Seite 488 (sequence 8)
Language
German
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488 Situationen desselben, z. B. eine ungemein heitere Szene am Ende des ersten Aufzuges, wo David von Brüssel und seinem Weibe von ansgelassenen Malern ein Ständchen dargebracht wird, als auch die bis in alle Einzelheiten ausgezeichnet durchgeführte Charakteristik der Personen, werden es zu einem gern gesehenen Repertoirstiick einer jeden größeren Bühne machen. Ist es doch der Hauch des Genius, welcher lins aus demselben entgegenweht, des Genius, welcher nicht Nationen unb Konfessionen trennt, sondern verbindet, nicht dasjenige hervorhebt, was uns scheidet, sondern was uns vereinigt, und das ist und bleibt ja doch der hehre Zweck der Weltlitteratur, wie ihn Goethe und Herder so richtig erkannten, „Immerdar soll uns," wie Brchlickys Rabbi am Schluß unseres Stückes sagt, „die Liebe leuchten, diese heiligste goldene Sabbathlampe." U FEUILLETON Vas Goldstück der Mutter. Von Julius Rodenbcrg. ©iiä von dm dunklen massiven Gebäuden — das siebente oder achie nach Baron Rothschilds Office — in der Lombardstreet, jener Straße, in welcher die großen Londoner Bankiers ihre Geschäftslokale haben, trügt in dem Fenster rechts von der Thür, neben vielen Anzeigen von Agenturen und Kommanditen, die Firma: „MM. Bar, Barney and Cie." Das Geschäft ist für den Handel mit ausländischen Wechseln, namentlich nach Ostindien, eines der ersten in der City. Der Chef des Geschäfts heißt Mr. David Barney. Es ist ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, mit halb ergrautem Kopf, schmalem Gesicht, mit munteren braunen Augen und röthlicher Nase, von mittelgroßer Statur. Er hat den Hut immer auf dem rechten Ohre sitzen und träat die Hände stets in der Hosentasche. Er ist einer der gutmUthigsten Leute, die ich in London kennen gelernt habe. Ich habe ihn in dem großen Chop-House, links von der königlichen Börse kennen gelernt. Er saß an einem Tisch und las die „Kölnische Zeitung." „Mein Herr," sagte ich, „darf ich Sie um die Zeitung bitten, wenn Sie fertig gelesen haben?" „Mit Bergnügen," erwiederte er, „in zehn Minuten sollen Sie die Zeitung haben." Er sprach ein gutes und reines Deutsch und tvar von Geburt ganz gewiß ein Deutscher. Ich betrachtete ihn. Er las das Feuilleton und er schien viel Bergnügen davon zu haben. Denn er lächelte beim Lesen still vor sich hin. Nach zehn Minuten stand er auf und brachte mir die Zeitung. „Hat Ihnen das Feuilleton gefallen?" fragte ich ihn. „Ja, es hat mir sehr gefallen," erwiederte er. „Es hat mich lebhaft an vielerlei erinnert, was ich selber erlebt habe. Es hat mir in der Thal viele Freude gemacht." „Nun, mein Herr, dann darf sich Ihnen vielleicht auch den vorstellen, der das geschrieben hat, was Sie eben gelesen haben. Ich bin es, mein Herr!" Da gab mir Mr. Barney die Hand und lud mich ein, den Mittag bei ihm zu speisen. Er wohnte nicht in Lombardstreet; da war nur sein Geschäftslokal. Er wohnte in Finsbury-Square, das erste Haus, links; das Haus mit der breiten Treppe und dem Eisengelünder. Er stellte mich seiner Frau vor, einer guten, dicken Frau, die ein steifseidenes Kleid trug und kein Wort deutsch verstand; daun stellte er mich seiner Tochter, Miß Sophy, vor, einem schlanken, bleichen Mädchen mit braunen Augen und sehr feinen Händen. Miß Sophy sprach gut deutsch und konnte Schillers Glocke ganz auswendig, Mr. Barney hatte auch einen Sohn, der war aber schon seit einem Jahre in Calcutta und wollte erst in einem Jahr wiederkehren. Wir aßen gut und tranken gut; Mr. Barney sagte mir auch, daß er ein Jude und daß seine Frau eine Anverwandte des Lord Mayors Salomon sei. In einer Stunde kannte ich die Familienverhältuiss meines neuen Freundes und ich fühlte mich in seinem Hause so bc haglich, als sei ich mit den guten Leuten verwandt. Nach Tisch gingen wir aus dem Speisezimnier in das Drawmg-Room, Mrs. Barnev setzte sich in den großen Lederstuhl und Miß Sophy spielte Klavier. Sie spielte ein Mendelssohu'sches Lied ohne Worte und ich blättert: ihr die Noten um. Dann wurden die Gaslampen angezündet, ich blieb bis gegen elf Uhr Abends und fuhr mit dem letzten Westend Omnibus nach Regentstreet zurück. Ich ging in den nächsten Wochen noch drei-, viermal nach dem Hause meines Freundes in Finsbury Sgnare; und eines Abends setzten wir uns zusammen in das Rauch zinimer. Die Damen blieben oben im Drawing-Room. Der Bediente brachte Gläser, einen Krug mit heißem Master und eine silberne Porte-Menage mit Gin, Brandy und Whisky. „Wir wollen uns einen Grog nzachen und eine Cigarre dazu rauchen," sagte Mr. Barney. Wir machten uns einen Grog und zündeten eine Cigarre an - eine importirte Cigarre, wie man sie in ganz London nicht beste, und kräftiger finden kann. Dann sagte Mrs. Barney: „Wenn c- Jhnen Vergnügen macht, so will ich Sie morgen einmal in ein, Gegend von London führen, in der Sie gewiß noch nicht gewesen sind. Holen Sie mich morgen um zwei Uhr Nachmittags ans meine, Office in Lombardstreet ab." Am andern Tage ging ich nach dem Bankhaus von MM. Bar Barney and Cie. in Lombardstreet. Da kam ich zuerst, rechts Parterre in einen großen Saal. Vornan, durch den ganzen Saal, lief ein Verschlag mit den Zahltischen und im Hintergründe war die Kasse wo auf einer Erhöhung vielleicht drei oder vier Herren Gold wogen Rollen musterten und auf einer Messingschüssel draußen stehenden Kunden, die Wechsel prüsentirt hatten, Geld zuschoben. Da ich nach Mr. Barney fragte, wurde ich durch den Verschlag gelassen und mußt: nun durch den Saal gehen, wo etwa 35—40 junge Herren an hohe» Pulten — über denen jetzt schon die Gaslichter brannten — arbeiteten, rechneten, schrieben. Am Ende des Saales war eine kleine Treppe die in ein oberes Stockwerk führte. Hier saß rechts in einem Zimmer der sogenannte first Clerk, d. h. der Geschäftsführer, und links war das Privatzimmer des Mr. Barney. An den Wänden hing eine ungeheuer große Spezialkarte sämmtlicher großbritannischen Eisenbahnen daun eine Karte des britischen Reichs und aller seiner Kolonien, eine Schifffahrtskartc der ostindischen See, ein riesiger Plan von London und das Miniatnrbild einer alten Dame mit ehrwürdig freundlichem Gesicht und einer hohen Band Haube nach der Mode vom Anfänge dieses Jahrhunderts. Mr. Barney lag auf einem Sopha von rothem Leder; als ich eintrat, stand er auf und bewillkommnete mich herzlich. Er bemerkte, daß ich oft nach dem Miniaturbild mit der hohen Bandhaube sah. „Das ist meine gute Mutter — Friede über sie!" sagte er. „Bor zwanzig Jahren habe ich sie zum letzten Male gesehen und vor 18 Jahren ist sie gestorben." Air. Barney nahm darauf seinen Hut, setzte ihn auf das rechte Ohr, steckte seine beiden Hände in die Hosen laschen und sagte: „Nun können tvir gehn; ich stehe zu Ihrem Befehl." Wir gingen; zuerst Lombardstreet hinunter, Gracechurchstreet hinunter und bogen dann in eine schmutzige enge Seitenstraße, aus der uns sogleich ein dumpfer, schlechter Geruch entgegenschlug. Je weiter wir gingen, um desto mehr rußige Häuser, Schmutz, Gewühl, Gestank,

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