Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Je mehr in unseren Tagen Juden und Judeuthum auf der Rednertribüne, sowohl in Volkslvie auch in Reichsrathsversamm- »uigen, in der Litteratur, sei es nun in der schöngeistigen, sei cs in der mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen sich drapirendeu angegriffen iverde», desto mehr nmß es uns freuen, wenn wir, wenn auch auf einem uns etlvas entlegenern Litteraturgebiete, einer Erscheinung begegnen, welche uns wohlthütig anheimelt durch eine Eigenschaft, die wir Juden am allerbesten zu lvürdigen wissen, weil sie uns gegenüber so selten gehandhabt wird, ich meine die Vorurtheilslosigkeit. Es erfüllt uns nun mit aufrichtiger Genugthunug, den großen Leserkreis der „Allg. Zeitung des Judeuthunis" heute mit dem Werke eines Autors bekannt macheli zu können, der sich vollen Anspruch erworben hat auf unsere Dankbarkeit, die wir ja niemals demjenigen versagen, der uns Gerechtigkeit und verdiente Würdigung '>» Theil werde» läßt, mit einem Werke, welches deshalb schwerer zugänglich lvird, >veil es in einem doch nur von einer Minderheit gesprochenen und gelesenen Idiom geschrieben ist, und zwar im böhmischen. Das Werk selbst heißt „Die Weisheit des Rabbi", Lustspiel in 3 Aufzügen von Jaroslav Vrchlicky, einem ebenso trefflichen, als vielseitigen und fruchtbaren, in Prag lebenden böhmischen Dichter. Vrchlicky's Bedeutung als Dichter für sein Volk haben wir hier nicht zu würdigen. Er, welcher nebenbei bemerkt, auch eine Tragödie „Julianus Apostata" geschrieben, die Gedichte Victor Hugos, Lcopardis, Dantes „Göttliche Komödie", Tarqnato Tassos „Befreites Jerusalem" in seine Muttersprache übersetzt hat, wird, wenn man die besten Namen seines Volkes nennt, nicht ungenannt bleiben; aber auch über die Grenze» seines engere» Vaterlandes hinaus ist sein Name bekannt worden. Mit den Finsterlingen freilich, welche den Glanz des Lichtes scheuen, wo innner es erstrahlen mag, hat eS Vrchlicky für immer verdorben, und dies hat er nicht am wenigsten durch seine „Weisheit des Rabbi" gethan, welches Werk im Jahre 188(4 erschienen ist und, man höre und staune, die Juden in einem so vortrefflichen Lichte erscheinen laßt, wie etwa Lessing i» seinem unsterblichen „Nathan", wie Eumberland in seinem „Juden". So ist denn des böhmische» Dichters Lustspiel jenen Werken der Weltlitteratur an die Seite zu stellen, in welchen vorurtheitslose Dichter auch unsere guten Eigenschaften verherrlichen. Vrchlicky's Lustspiel ist meines Wissens noch nicht ins Deutsche übersetzt worden, wenigstens ist eine solche Uebcrsetznng noch nicht gedruckt. Mir liegt nun eine deutsche Uebersetzung dieses Stückes in einem Manuskript vor. Dieselbe hat Herr Franz Bauer, Gyinnasialprofessor in Brünn, in trefflicher Weise besorgt, ein Mann ivahrhaft freisinnigen Charakters, welcher es sich zur Aufgabe machte, das deutsche Volk mit den besten Hervorbringungen der böhmischen Litteratur bekannt zu machen. Prof. Bauer hat mir das Manuskript seiner Uebersetzung, welche nun wohl bald auch im Druck erscheinen wird, in liberalster Weise zur Durchsicht überlassen, und mit Hilfe derselben konnte ich mir genaue Kenntnis; des Originals verschaffen. Wer immer nach Prag, der alten, an historische Erinnerungen so reichen Stadt kommt, wird es nicht unterlassen, die Judenstadt aufzusuchen, den alten Friedhof zu besichtigen, i» der „breiten Gasse" das Haus des Rabbi Bezalel Juda Loew sich zeigen zu lassen, des «hohen Rabbi Loew", der nun auf jenem alte» Friedhof neben seinen Schülern ruht. Sein Grabstein, geziert durch das Bild eines Löwen, ist merkwürdig gnt erhalten. Welche Legenden, tvelche heiter-ernste, lustige und schnurrige Geschichten werden nicht von diesem Kabbalisten, Alchnüsten, Freunde Rudolfs II. (157(3—1012), welcher bekanntlich in Prag residirte, erzählt? An den Hof dieses kunstsinnigen, aber schwachen Kaisers führt uns Vrchlickys Lustspiel. Es ist im Jahre 16(18. Noch beherrschte der kaiserliche Rath Philipp Lang von Langenfels seinen kaiserlichen Herrn vollständig. Lang ist ein Wüstling, ein Betrüger, ein Scheu-! sal in Menschengestalt. Das junge Weib Meister Davids von Brüssel, j die schöne Jüdin Recha, möchte er in seine Netze locken. Ihr Gatte, ein Juwelier, ist nach Prag gekommen, um seine kostbaren Maaren dem Kaiser anzubieten. Aber sein ihm erst angetrantes Weib inuß j der Preis dafür sein, ivenn der allmächtige Lang ihm den Zutritt ' zuin Hofe verschaffen soll. Lang verfolgt mit seinen unsauberen Anträgen auch die Braut eines einfachen Landinanns Stefan Ehanovsky,; Veronika; diese entflieht ihrein Verführer, wird von dem Rabbi i Bezalel Loew gerettet und in seiner ivnnderbaren Kammer, einer! cameni obscimi des 17. Jahrhunderts, verborgen gehalten. In! dieser, welche die Eigenschaft hat, daß mehrere Personen von einander unbemerkt sich zu gleicher Zeit in derselben aufhalten können,! hat Rabbi Loew durch sein Faktotum Jechiel auch das Weib seines! Gastes David von Brüssel vor den Nachstellungen Längs verbergen ■ lassen. Der Letztere, in ewiger Geldnoth, möchte nun von dem j weisen Rabbi das Vermächtniß Mardochai Meisels erpreffen, jene! Summen, welche dieser zum wvhlthätigen Zwecke der Prager Judenschaft hinterlassen und die Rabbi Juda Loew in sichere Verwahrung ' übernommen. Aber auch ein kaiserlicher Hofmaler Spranger, welcher! Lang bei einer unliebsamen Asfaire, die dieser mit dem Bräutigam I Veronikas, Stefan, ansznfechten gehabt, betroffen, wird von nnserein! Rabbi gerettet und in seiner Dunkelkammer verborgen. So laufen ] die Fäden des ganzen Lustspiels im Hause des Rabbi zusammen, das er bis dahin mir mit seinem Weibe Perl, seinem Famulus Jechiel und seinem „Golem" getheilt. Doch nicht der wunderwirkende Kabbalist, nicht der überirdische Mann, dem selbst die Geister unterthänig sind, der des Golems Gewalt sich dienstbar mache» kann, tritt uns in dem Rabbi entgegen; vielmehr ein Mann, dem cs durch einfache, menschliche Klugheit gelingt, Lang zu entlarven, seinen allmächtigen Einfluß beim Kaiser durch seine Weisheit zu vernichten, die Gelder Meisels der Judenschaft zu retten, Recha ihrem eifersüchtigen Gatten, Veronika ihren; ehrlichen Geliebten Stefan wiedcrzugeben und selbst seine alte Perl anszusöhnen, welche Anwandlungen von Eifersucht verspürte, denn bekanntlich schützt selbst Alter vor Thorheit nicht. Wahrlich, es ist eine prächtige Gestalt, der 70jährige Greis, welcher in diesen; Stücke so tresfbch die Vorsehung spielt. Vrchlicky versteht es aber auch ausgezeichnet, durch den Mund des Rabbi die weisen Sentenzen des Midrasch am rechten Orte aussprechen zu lassen. Und so hat er sich das Verdienst erworben,, dem vielgeschmühten Talmud, besonders bei seinem Volk, zu seinen;! Rechte verholfei; zu haben. Aber nicht nur der weise Rabbi, dessen; Haus von den Uneingeweihten für eine Art Hexenküche erklärt wird , der aber nachweist, daß cs in deinselben mit sehr natürlichen Dingen zugeht, auch sein Weib Perl, die eifersüchtige Matrone, der schlaue, bucklige Jechiel, des Rabbi Famulus, der so gnt die Geheimnisse seines Herrn zu verschweigen versteht, der feurige David von Brüssel, sein keusches Weib Recha, sind wunderbar gezeichnete Charaktere. So müssen wir es denn dem böhmischen Dichter Dank wissen, daß er in den; in seiner Heiinath viel gelesenen und viel aufgeführten > Lustspiele zur gerechten Würdigung des Jndenthums manches gethan j hat. Wir sind der festen Ueberzengung, daß das Lnstspiel in guter > Uebersetzung auch ans deutsche» Bühnen seine Wirkung nicht ver-! fehlen wird. Sowohl die Anlage des ganzen Stückes, die drastischen