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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-07 · Heft 41 (7.10.1892) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 41 (7.10.1892)
Date
1892-10-07
Page
Seite 486 (sequence 6)
Language
German
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48(? licher Stumpfheit herabgesunkenc Bauer sah iu der neuen Ordnung mir eine schlimme Heimsuchung: was hatten sich die „Schreiber" um ihn zu kümmern, ihm vorzuschreiben, daß er zur Kirche gehen und seinen Acker bestellen müßte?! Die größte Gefahr aber erschien der Doppeladler den Inden; sie wußten sich vor Angst nicht zu fassen und machten sich verzweislungsvoll zum passiven Widerstand bereit. Nicht etwa, als ob es ihnen unter dem einköpsigen weißen Adler gut gegangen wäre. Die ungeheure Mehrheit lebte in kaum zu schildernder Armuth, von der Hand in den Mund; so fruchtbar das Land, so fabelhaft billig bei dem Mangel aller Verkehrswege Feldfrucht und Fleisch waren, aß sich doch gut die Hälfte nur am Sabbath satt, die Woche wurde mühsam durchgehungert. Ertverb war der Handel oder >vas so hieß, die Pacht der Wirthshäuser und Mühten, dann die Gelehrsamkeit, endlich der Bettel. Reiche Leute gab es, auch mit dein Maßstab jener Zeit gemessen, kaum unter ihnen; als wohlhabend und beneidenswerth galt, wer zwei oder gar drei Mal wöchentlich Fleisch essen konnte. Diesen materiellen Nothstand hatten die Zustände der hinsiechenden Respubliea Polonia über sie gebracht; mit allen anderen Bewohnern Galiziens waren auch die Juden in Armuth gesunken, ja, sie noch rascher als alle Anderen, weil ihre Bedrückung und Aussaugung oft die einzige Einnahmequelle des polnischen Wojewoden und seiner Unterbeamten gewesen. Gleich schlimm stand es um das geistige Leben; von allgemeiner Bildung tvar nirgendwo die Spur zu finden; mit Ausnahme einiger Händler, die die Märkte zu Breslau und Brünn besuchten, wußte sich Niemand hochdeutsch auszudrücken; auch die Kenntniß der beiden slavischen Landessprachen, des Polnischen und Ruthenischen, beschränkte sich auf enge Kreise und betraf nur das Nothwendigste, was inan zu Handel und Wandel brauchte. Die Keuntniß der Lese- und Schriftzeichen dieser „unheiligen Sprachen" hatte Niemand oder wagte doch Niemand einzugestehen; aber auch um das fromme Wissen stand es schlimm. Weniges berührte meinen Urgroßvater, als er 1770 aus seiner lothringischen Heimath ins Land kam und für seinen jüngsten Sohn in Podolien eine Wachskerzenfabrik errichtete, so fremdartig und schmerzvoll wie die ungeheure Zahl von Analphabeten; talmudische Gelehrsamkeit wurde spärlich, säst nur in Krakau, Lemberg, Tarnopol betrieben, die Masse schmachtete, wie in schlimmster Armuth, so in tiefster Unwissenheit dahin; sie nannten sich „Chassidim" wie kueus a non lucendo. Der Glaube war in Aberglauben ausgcartet; die Wunderrabbis übten eine unerbittliche Macht über Gewissen und Besitz Aller; auch tiefere hebräische Gelehrsamkeit galt als Sünde, weil sie ihrer Macht gefährlich werden konnte. Welchen Todfeind mußten sie vollends in einer Regierung erblicken, die ihre Aufklärungs-Tendenzen offen aussprach! Der polnische Wojewode hatte sich nur um den Geldsack des Juden gekümmert, der deutsche Beamte sprach von Wissen und Menschenwürde. „Man will uns zu Christen machen!" Die Wunderrabbis gaben das Schlagwort aus, zu widersprechen wagte Niemand, auch jene Wenigen nicht, die es besser wußten; dafür sorgte die Angst vor dem „Cherem", dem Bannstrahl. Der Regierung sollte und durfte nichts gelingen. In der That gelang ihr wenig genug. Es ist hier nicht des Orts, jenen merkwürdigen Kampf zwischen dem Josefinismus und dem chassidischem Judenthum in Galizien eingehend und in allen Phasen zu schildern; nur das Wichtigste soll gesagt sein. Kein Zweifel, die Regierung wollte das Beste, nicht etwa aus besonderer Judenfreundlichkeit, sondern ihrer Aufklärungs-Tendenz geinäß und aus Staatsraison; die Kultivirung des deutsch sprechenden Stammes, der das fehlende Bürgerthum ersetzen konnte, mußte iln sehr wichtig erscheinen. Und ebenso ist es kein Zweifel, daß mindeste»- die Führer der Juden ganz bewußt übertrieben, wenn sie 'ihre Schaaren durch das Schlagwort von der drohenden Maffeutauie fanatisirten. Aber diese Schaaren sagten es gläubig nach; es war ein ehrlicher Zelotismus, und auch die Führer übertrieben nur; amt, sie waren davon überzeugt, daß das Judenthum in Gefahr sei. I» Wahrheit freilich nur jenes Judenthum, welches ihnen das einzig rechte war — aber sie konnten sich ein anderes nicht denken. Wer lange in Nacht gelebt, empfindet das jähe Licht als feindliche Gewalt, die sich ihm schmerzhaft ins Auge bohrt, die ihn blenden will. Wer sich bemüht, Vergangenes gerecht und mit historischem Sinn zu beurtheilen, ivird den Sieg des Chassidismus zwar tief bedauerlich, aber doch auch sehr natürlich finden müssen: im Handumdrehen und mi, Hilfe der Polizei ist ein Stamm noch nie der Kultur zugefühu worden. Darin aber versah es der Josefinismus, wie überall, so nutii den galizischen Juden gegenüber: man erließ eine Ordonnanz nach brr anderen, wollte Alles von heut auf morgen reifen sehen und wunderie sich, daß das selbst init Geivalt nicht ging. Unter diesen Umstünden muß es fast gleichgiltig erscheinen, ob die Regierung die Männer, die sie mit der Durchführung betraut, , nicht sorglicher hätte wählen können. Möglich, daß einige unedleu Wesens gewesen, andere iiu Kampf mit den Zeloten des Glauben- und Aberglaubens zu Zeloten des Unglaubens geworden — das gab gewiß nicht den Ausschlag. Und ebenso wenig das Erlahmen brr Regierung von 1790 ab; damals war der Kampf schon entschiede» , die Fortdauer hätte nichts mehr genützt. Das Facit war ein trauriges. Nur eine einzige Maßregel war ganz gelungen, die Ertheilung der bürgerlichen Namen; an anderem Orte') habe ich t». Gründe dieses ausnahmsweisen Gelingens dargelcgt. Hi,r nur das Wichtigste: so allein wurde die Erhebung brr Geld- und Blutsteuer möglich, es war eine Lebensfrage für dr» Staat, und darum führte er sie durch, so sehr sich die Chassidim gegen die „christlichen" Namen sträubten. Im Kampf um die Schule aber waren sie die Sieger geblieben: die „Cheder" waren voll, die „Normalschulen" leer; in beiden Fällen bestach der Vater die Polizei obrr bezahlte die Geldbuße, bis die Regierung die Schulen wieder ei» gehen ließ. Und eine dritte Maßregel, die Anstellung jüdisch,» Staatsgeistlichen, war entweder auf dem Papier geblieben oder man hatte den Bock zum Gärtner gemacht; der chassidische „Kreisrabbincr war nun gewissermaßen als Inquisitor des Gewissens von Staats- Wegen approbirt. Dennoch sollte es bald auch in diesem Lande tagen. Was b» Macht des Staates nicht vermocht, sollte die des Geistes bewirke»: nicht von oben her sollte dem umdüsterten Volke das Heil komme», sondern aus der eigenen Mitte. In demselben Jahr, da mit Josef II. auch die thatkräftige Durchführung seiner Gedanken ins Grab sa»!. wurde der Mann geboren, der den Juden Galiziens einer ihr,» beiden Retter aus der schlimmsten Noth werden sollte. Es war Saloinon L. Rapoport, der spätere Oberrabbiuer von Prag. Der Andere war sein um 19 Jahre jüngerer Vetter, Morn Rappaport?) Dieses Erwachen eines neuen Geistes ist nun zunächst zu schildern. „Aus der großen Ebene." Nene Kulturbilder aus „Halb-Asm» I. S. 125 ff. 2j Diese Verschiedenheit der Schreibweise desselben Familiennanie» soll später ihre Erklärung finden.

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