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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-07 · Heft 41 (7.10.1892) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 41 (7.10.1892)
Date
1892-10-07
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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184 Solcher rüstigen Arbeitsleute ober bedürfen die Juden in den beiden großen initteleuropüischen Staate», die Deutschen jüdischen Bekenntnisses jetzt mehr als je. Wann war der Ansturm feindlicher Gewalten von außen her starker und dauernder, wann das innere Leben von gleich verschiedenen und widerspruchsvollen Strömungen erfüllt? Diese Strömungen n> dasselbe Bette zu leiten und mit einander zu verschmelzen, wäre ja unmöglich; aber wie Bieles ist Allen gemeinsam, und wo ist der Führer im Streit, der es betonen würde, so daß ihm Alle glauben, Alle vertrauen und folgen?! Nie war uns ein Feldherr so nöthig, nie stand die Aussicht, das; sich der und jener Mann eine solche Stellung unter uns erringen könnte, oder richtiger: dem wir Alle eine solche Stellring einrüumen würden, ferner. Wir haben auch heute einige Männer von gutem Willen, starker Kraft und tapferem Herzen; jene Gaben und Gnaden, die den Feldherr» machen, — vor Allem das Talent der Thatkraft, dann der Bolksthüinlichkcit, auch dieses ein Talent, das wohl entwickelt werden kann, aber angeboren sein muß — scheinen Keinem gegeben. Ter Mangel wäre minder empfindlich, wenn wir zum Mindesten Generale Hütten, ivenn jedem der Heerhanfen, in die wir uns nach Weltanschauung und Bildungsgang theilen, machtvolle Persönlichkeiten vorstünden, Kämpfer für das geistige Gut ihrer Partei, aber vor Allein auch Schiitzcr jenes idealen Guts, das uns Allen gehört, Rufer in jenem Streit, der uns Alle einig finden sollte. Solche Generale waren früher, noch vor einem Menschenaller, zu finden; jetzt fehlen sie; ab und zu sucht sich Einer ans den Schild zu schwingen oder wird cmporgehoben; das Zujauchzen der ganzen Partei bleibt aus. Wie steht cs heute mit uns? Die große Menge derer, auf die man unwillkürlich zunächst blickt, weil sie Geld oder Bildung oder Beides zugleich erworben haben, kümmert sich um nichts, gar nichts mehr; sie ist mit Haut und Haar dem schlimmste» aller Teufel, dem Jndifferentismus verfallen; dazwischen tummeln sich kleine Häuslein, die drohend zu einander herüber schreien: „Ihr liberalen!" — „Ihr Strenggläubigen!" oder: „Ihr Assimilirer!" — „Ihr Nationalen!" — Sieht man sich aber die Häuflein genauer an, so sind das lauter Lffizicre, deren jeder mehr von der Sache versteht als der andere; nur die nllcrbejcheidenstcn, entzückende Menschen, denen man znm Lohn ihrer Genügsamkeit um den Hals fallen möchte, sagen: „Nein, besser als jeder Andere verstehe ich diese Dinge nicht, nur eben gleich gut, aber daß sie Niemand besser versteht als ich, davon bin ich Allerdings überzeugt." Und jene noch größere Menge, die eben erst ans dem Weg zr>r Bildung lind höheren sozialen Stellung ist — wer kommt ihr entgegen, wer kümmert sich »in sie, wer veredelt ihre guten Instinkte zu einem klaren Pslichtbewußtsrin?! Man mißverstehe mich nicht. Ich bin der Letzte, von irgend Jemand um des Friedens Willen ein Opfer seiner Ueberzcugungen zu verlangen, so wenig ich cs selbst bringen könnte; der Kampf der Parteien ist ein nothwendiger und mag fortwühren, aber was ich heiß ersehne, ist die gemeinsame Ueberzeugung Aller, daß über dein, was sie trennt, ideale Interessen stehen, die ihnen Allen gleich thcuer fein müssen und für die sie Schulter an Schulter einznstehen haben. Die Einträchtigkeit der Jude», ihr geistiger Zusammenhang mit einander — man findet sie nur in der Phantasie unserer Gegner, in den Spalten antisemitischer Blätter, aber nirgendwo im Leben. . . . Ist das zu bitter empfunden und gesagt? ... Da ist die Hilfsthüiigkeit für die russischen Inden — wenn es je eine Aktion gegeben hat, der jeder Kampf der Parteien Hütte fern bleiben müssen, lveil hier Zwietracht Todsünde ist, so ist's diese! Und haben wir da den Frieden, die streng sachliche Prüfung dessen, was Noth thul, haben wir da die Duldsamkeit und die Eintracht?! In einer solchen Zeit, wo das Gefühl der Gemeinsamkeit und wo der Führer fehlt, liegt Alles daran, wie der Einzelne seine Pflicht ausfaßt und thut. Stehe er hoch oder niedrig, sei ihm große oder geringe Kraft gegeben, fest hat er zu stehen und die Kraft zu nützen. Dies hat Moriz Rappaport gethan, und darum erzähle ich von ihm zuerst. In einem Briefe aus seiner letzten Lebenszeit, der mir Vorgelegen betont er seine Abkunft aus einer „uralten, vornehmen Familie": „freilich", fügt er mit lustiger Selbflverspottung hinzu, „kann id> mich deshalb doch mit Leib Lcvh nicht messen." Dieser Leib, von dein auch ich noch in meiner Jünglingszeit manche kuriose Geschichl, habe erzählen hören, war ein armer, durch Noth und Unglück zcr knittcrter Mensch, dem aber ein so unbändiger Stolz auf seinen Familiennamen innewohnte, daß er mindestens in der Erinnerung seiner zahllosen Namensvettern als Lcvh aller Levys fortzuleben verdient. Aus seiner mährischen Heimath nach Ostgalizien verschlagen und dort Randar (Pächter einer Dorfschünke) geworden, gerieth ei in einen Prozeß mit seinem Gutsherrn, einem Grafen Potocki, den er mit der ganzen Zähigkeit seines Stammes durch alle Instanzen und schließlich in Form ein» s Majestätsgesuchs vor des Kaisers Thron schleppte. „Biele Lent' haben mir gesagt," schrieb Leib Levh an den Kaiser Ferdinand, „daß ich meinen Prozeß verloren Hab', weil ids ein armer Jud' bin und er ist ein Graf, und auch vor Gericht gil! der Adel sehr viel. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, aber wenn ja. so Hab' ich meinen Prozeß schon gewonnen. Demr der Herr Kaiser brauchen nur zu belieben und die Bibel aufzuschlagcn; dort steht meine Familie ausgeschrieben im vierten Buch Mosis; schon im erste» Kapitel steht, daß wir den Anderen nicht zugezühlt werden sollen, und im vierten, daß mir damals schon achttausendfünfhundcrtachtzig gewesen sind, uird im achte», wie wir den Adel bekommen haben. Aber van einem Potocki steht in allen fünf Büchern Mosis nichts, da können sich der Herr Kaiser auf mich verlassen und brauchen cs nicht nachzusuchen; folglich bin ich von älterem Adel." Welchen Erfolg das Gesuch gehabt hat, weiß ich nicht zu berichten, aber wenn man den Standpunkt einnehmen wollte, die Würde eines Geschlechts nur nach seinem Alter und dein unvermischten Blut zu schätzen, dann stünde ja wohl Leib Levh wirklich über dem Grafen Potocki. Unser Dichter war nicht ganz dieser Meinung, das beweist jener spöttische Beisatz, aber den Hinweis auf die „Vornehmheit" seiner Abstammung hat er doch nie unterdrücken können, wenn er überhaupt von sich selbst sprach. Dieser Stolz war eine der stärksten Triebkräfte seiner Seele, meines Erachtens die stärkste, und darum mag auch hier zunächst davon die Rede sein. Man hört solchen jüdischen Familienstolz heute oft hart vcrurtheilcu, oder zuin Mindesten zucken die Leute die Achseln darüber. In der That steht ja die Anschauung, daß ein Mensch schon durch seine Geburt besser und edler sein könnte als die Uebrigen, keinem anderen Bolksgeist so fern wie dem jüdischen. Weil es das demokratischeste Volk aller Geschichte ist oder das aristokratischeste — es ist Beides richtig und nur eine verschiedene Bezeichnung für dieselbe Erscheinung. In der Nähe jener Stadt, wo ich zuerst das innere Leben meiner Stammesgenossen näher kennen lernte, Czernowitz, liegt ein rumänisches Dorf, dessen Bauern sämmtlich „Reseschen" sind: sie haben alle bei der Besitzergreifung durch Oesterreich von Maria Theresia den Adel bestätigt erhalten. Wie oft hat mich das Ghetto an jenes Dorf und jenes Dorf an das Ghetto erinnert! Wo Jeder

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