Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
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483 :m Almosen bewirbt. Er giebt dosselbc planlos, oft nur nach äugen- Mutlidjeit, der Schwäche und der Bequemlichkeit entspringenden Eingängen. Kommt aber dann ein wirklich Bedürftiger zu ihm, so [iiim es sehr leicht geschehen, daß gerade dieser mit Schiinpf und Svande überhäuft wird. Ferner aber giebt es hier viele kleinere ['nmetitben, welche, selbst mittellos, nicht im Stande sind, ihre Armen;u unterstützen; und da müssen denn oft kranke und altersschwache Preise, welche durch irgend einen Zufall ihr Hab und Gut verloren hoben, den Bettelstab ergreifen und sich in fremde Gemeinden be- .v.'i’i’it; hier aber wird ihnen nur allzu oft von den jungen, gewohnliolsmäßigen Berufsschnorrern der Rang abgelaufen und eine Konkurrenz" gemacht, der sie nicht gewachsen sind. Die Individuen ioi'st, die diesem Hebel der Wanderbettelei verfallen, gehen in jeder L ziehnng, in sozialer, moralischer wie religiöser, unrettbar verloren. >?uig zum Nichtsthun, Neigung zum Betrug und Aberglauben, das n» oeren stetige Folgen, die nothwendigermaßen auch auf die ümder vererbt werden. Landstreicherei, Betteln und dergleichen ist nun selbstverständlich ii;:cf) in Elsaß-Lothringen gesetzlich verboten. Aber diese Leute wissen biv Polizei mit einer Geschicklichkeit zu entgehen, die wirklich eines Loseren würdig wäre; ja, es ist geradezu eine Seltenheit, wenn ein llocher Schnorrer erwischt und bestraft wird. Ueberhaupt ist mit polizeilichen Maßregeln allein solchen Uebelständen nicht beizukommen, 0 Odern es muß denselben von Grund aus gesteuert werden, und io. Selbsthilfe vor Allem hat hier wirksam und fördernd einzutreten. Ich möchte nun nicht behaupten, daß die elsässischen Israeliten eit übrigen Glaubensgenossen an Wohlthätigkeit nachstehen. Es >:nd auch hier sehr viel gethan, aber — und darin liegt eben das >noße Hebel — nicht immer in der richtigen Weise. Wir selbst ['eben die Wanderbettelei groß gezogen und thun dasselbe immerfort loch jetzt noch, indem wir sie unterstützen, ja sogar zu diesem Zwecke e \cne Kassen gründen. Darin wird also die erste Forderung ben!>en müssen, diese nicht unbeträchtlichen Summen, die alljährlich, ei darf sagen, zum allergrößten Theile in unnützer Weise verauso. -bt werden, von nun an vernünftiger und angemessener zu verenden. Dazu bedarf es aber des Zusammengehens eines einzelnen Lczirkes nicht nur, sondern des ganzen Landes. (Ob auch die o aelitischen Gemeinden der Schweiz hinzuzunehmen sind, lasse ich : rcrst dahingestellt.) An die Spitze der ganzen Organisation müßte ' o Centralkomitec für Armenpflege gestellt sein, das am besten aus »Is dazu bestimmten Konsistorialmitgliedern bestände und seinen »3 in einer der größeren Städte des Landes nähme. In jeder ' emeinde aber wäre eilte Armendeputation oder ein Lokalkomitee; »zurichten; dieses könnte entweder aus der Synagogenverwaltung » aus zu diesem Zwecke gewählten Gemeindeangehörigen geöet sein. Die Aufgabe dieser einzelnen Körperschaften wäre nun folgende: » einzelnen Lokalkomitees haben, jedes in seiner Gemeinde, eine »bskriptionsliste herumzusenden, auf welcher jeder unterstützungsobige Israelit seinen Namen und den von ihm freiwillig zu! ostenden jährlichen Beitrag zu verzeichnen hat. Diese Beiträge wen dann jährlich oder vierteljährlich an das Centralkomitee ab- - sendet und zugleich damit ein von dem Lokalkomitee unterzeichnetes Schriftstück, auf welchem die Namen, das Alter, die Seelenzahl der onterstützungsbedürftigen Familien angegeben ist. Mit den eingeaangeiten Geldern nimmt dann das Centralkomitee eine der Seelen- ,0hl der Armen jeder Gemeinde entsprechende Bertheilung vor und c»det die jeder Gemeinde zukommende Summe an die einzelnen Lokalkomitees, welche dieselben in angemessener Weise unter ihre Armen zu vertheilen haben, Auf einzelne Punkte sei noch besonders aiiftnerksain gemacht. Zunächst ist es selbstverständlich, daß es sich jeder an dieser Organisation Mitwirkende zur höchsten Pflicht machen muß, nur wirklich Bedürftige zu unterstützen. Um der Gewöhnung an Almosen entgegenzuwirken, wird es hauptsächlich darauf ankommen, für Beschäftigungslose Arbeitsgelegenheiten herbeizuführen und besonders deren Kinder Handwerke erlernen zu lassen, wofür ja in unserem Lande hinlänglich gesorgt ist. Schließlich aber muß von den Konsistorien aus mit aller Strenge gegen die Wanderbettelei vorgegangen werden. Diesbezügliche Verfügungen sollen in sämmtlichen Synagogen des Landes verlesen und Zuwiderhandelnde von dem Genüsse des Hilfswerkes ausgeschlossen werden. Das ist in allgemeinen Zügen der Plan einer Einrichtung, welche mir geeignet erscheint, einem allseitig gefühlten Bedürfniß entgegenzukontmen. Es liegt nun iit der Natur der Sache, daß ich mich hier auf Einzelheiten, wie auf die Zusammensetzung, Beaufsichtigung der einzelnen Komitees u. s. w. nicht einlasseu konnte. Wenn der Plan einmal zur Ausführung gelangen sollte, so muß ja doch das Ganze einer erneuten und eingehenden Prüfung unterworfen werden. Hauptsächlich wird man sich denn auch darüber schlüssig zu machen haben, ob auch die Krankenpflege mit in das Hilfswerk aufzunehmen sei. Morr; Nappaport. Von Karl Euiil Franzos. I. Der vorliegende Aufsatz ist der erste einer Reihe, die ich unter dem Titel: „Das Ghetto und seine Dichter" dieser Wochenschrift zugesichert habe. „Borred' bricht Nachred'", sagen sie unten im Süden zwischen Kinzig und Neckar. Was ich in diesen Aufsätzen bieten will, ist keine planmäßige Betrachtung aller Dichter, die sich aus Vergangenheit oder Gegenwart des Judeuthuins den Stoff für ihr Schaffen geholt. Auch nicht aller deutschen Dichter, die dazu gehören. Ich erzähle nur von Jenen, die mir im Leben nahe gestanden oder deren Schriften mir besonders bemerkenswerth erscheinen. Auch die Betrachtungsweise wird wohl eine sehr verschiedene sein, vielleicht wird es mir gelingen, von Dem oder Jenem ein Bild zu malen, das seine leiblichen und geistigen Züge genau wiedergiebt, von Anderen entwerfe ich nur eine Skizze, und von Einigen wird nicht viel mehr geboten werden können, als eben ein Umriß. Also keine Litteratur-Geschichte in Fortsetzungen, auch keine Reihe gleich sorglich ausgeführter Studien, sondern eine Mappe, die sehr verschiedene Skizzen vereinigt. Wie wenig System mir zuzumuthen ist, ersieht man schon aus der Wahl, die ich für das erste Blatt getroffen habe. Ein Mann, den Niemand mehr kennt, dessen Dichtungen Niemand mehr liest, der in keiner Weise an die Spitze gehört. Noch mehr, ihn selbst ausgenommen, bin ich höchst wahrscheinlich der einzige Mensch, der Alles gelesen hat, was er geschrieben. Und trotzdem drängt es inich zunächst von ihm zu erzählen, weil ich glaube, daß er's verdient. Auch kan» es, meine ich, dem Geschlecht von Heute, das sein Panier trägt, seine Schlachten schlägt, aus seinen Wunden blutet, nützlicher und lehrreicher sein, von ihm zu hören, als von manchem Berühmteren; er war keine große Individualität; er steht dem Durchschnitt näher. Vieles, was er — nicht als Künstler, aber als Mensch — geleistet, können auch Andere, wenn sie nur wollen.