Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Ernst Renan. Xcv flvor.e französische Schriststeller (vm|t '«Kenn» ist um 2. Ott ober in Poris ou einer Lungenentzündung im »enmindsechzigsteii Lebensjahre flcfiotbcit. An seinem Sorge trauert auch das Jndenthnni. Durch dos Wesen seines Schossens waren die Beziehungen zum Jndenlhum und zur jüdischen Wissenschaft gegeben. Diese Beziehungen waren froli mancher Wandlungen doch im Großen und Ganzen durchaus frenudliche und sympathische. Wer aber Renan seine Wandlungen in religiöser oder politischer, t;ie auch in wissenschaftlicher Hinsicht vorwerfen wollte, der hätte den geistreichen Mann nicht verstanden, von dem das bekannte und charakteristische Wort herrührt: „.MaHituir;'i <|iii ne so conlredit pas eine Ibis pur jour.“ Aber so oft hat Renan allerdings seine Ansichten über die Juden nicht geändert. In seinem ersten großen Werk, das zugleich sein wisseuschaftlieheS Hauptwerk geblieben, in der ,.I lisloire generale et svsteine conipard des iangues somitiijuos (Paris 1854), entwickelte er noch recht seltsame Anschauungen über die Semiten und ihre Anlagen, insbesondere über das biblische Judenthnm. Dann unternahm er eine Reise in den Orient, deren Frucht das weltberühmte „Vio de Jesus“ (Paris ISiiS) war. Hier hatten sieh schon seine Ansehannngen wesentlich gemildert. Adolf Neubauer, der gelehrte Orientalist, hatte ihm das wissenschaftliche Rüstzeug für seine Arbeit ans Talmud und Midrasch geliefert. So konnte Renan wohl in der Borrede sagen, daß man in der Geschichtsforschung über die Ansänge des EhristenthumS bisher den Talmud zu sehr vernachlässigt habe, in dem „so viel kostbare Ideen mit der nichtssagendsten Scholastik vermischt sind". Aber seine Darstellung verliert an Unbefangenheit, je weiter er in der Behandlung des Stoffes gelangt. Wie vorher Ehwotson seine Hypothese» und poetischen Phantasien über die Semiten, so hat Geiger diesmal seine falschen und ungerechten Anschuldigungen gegen das talmudische Judenthnm mit Geist und großem Wissen znrückgewiesen. Mit vollem Eifer wandte sich Rena» nun dem großen Wert seines Gebens, der „(lisloire des origines du cliristianisnic“ (7 Bände, Paris IW>9—1882) zu. Es ist ersichtlich, daß er hier nach Unabhängigkeit, nach gerechtem Urtheil ringt; sehr oft gelingt es ihm auch, beides zu erreiche»; aber hie und da bleiben doch noch Rostflecke» ererbten Bvrnrtheils, eigensinniger Hypothesen stehen. Ueberall stellt er das sozial-moralische Element des Christenthuius in den Bordergrnud als das Ideal, »ach dem die moderne Welt sich sehnt und das sie bisher vergeblich zu erreichen gesucht habe. Es ist begreiflich, daß gerade diese Idee Renan dem Judenthnm der Propheten unb Psalmisten immer näher führen mußte. Schon in seinen höchst interessanten Uebersetzungeii des Buches Hiob (1859), des Hohenliedes (1800), des Predigers (1882) pries er dieses prophetische Judenthnm als das ideale Menschenthum. Und den Widerspruch zwischen dieser und seinen frühere» Anschannngen über das religiöse Genie und die' fromme Exlase des Judenthuius deckte er selbst in zwei Bvrträgen ans, die zu den geistreichsten und schönsten Reden dieses Mannes gehören. Der eine dieser Bortrüge: „Das Judenthnm als Religion und Rasse", ist die wichtigste Schrift für die Beurtheilung des Berhältnisses von Renan zum Judenthnm. Hier hat er zum ersten Mal die volle Unabhängigkeit, die geistige Freiheit erreicht, nach der er sein Leben lang gerungen. Die Begeisterung, mit der er hier von der civilisatorischen Mission des Judenkhums in der Vergangenheit und von seiner ethischen Mission für die Zukunft der gesammten Menschheit spricht, ehrt ihn ebenso wie uns in gleichem Maße. Und was das Merkwürdigste ist: Bei dieser Anschauung ist Renan bis zu seinem Tode verblieben. Auch in seiner „Histoire du peuplc Israel“ (Paris 1887), von der bisher nur drei Bünde erschiene», flieht er dieser Auffassung in seiner warmen, volltöiiigen und begeisterte» Art entschiedenen Ausdruck. „Die Griechen in ihrer kindlichen Heiterkeit hatten kein Berständniß für die höchste» religiösen »nd sozialen Fragen. Die Fahne der Religion der Zukunft hat Jesajas anfgepslanzt, als Solon und Thales noch nicht geboren waren." In der Moral der Propheten sieht er Kern »nd Wurzel des Ehristenlhnms, die Ethik des Menschengeschlechts überhaupt. „Diese Moral hat dem Recht des Armen und Schwachen zum Siege verholfen." Daß es auch hier au einseitigen Urtheileu und falschen Vergleichen nicht fehlt, ist bei einem Denker, dem das Geistreiche und Originelle immer in erster Reihe stand, selbstverständlich. Renan haschte stets nach modernen Aualogieen auf politischem und sozialem Gebiete; am meisten hat dieses Haschen ihm bei seinem letzten Werk geschadet, wenn man auch hier wieder seine Prämisse: „An der Geschichte des alten Judenthums kann mau am besten den Gegensatz zwischen politischen und sozialen Fragen beobachten", unbedingt zugeben muß. Auf die allgemeine Bedeutung Renans als Denker, Schriskstester »nd Gelehrter hier näher eiuzugeheu, scheint mir nicht am Platze. Und auch noch nicht au der Zeit. Eine unbefangene Würdigung Renans wird ihm unzweifelhast ebenso viel von seinen gegentvärtigen Ruhmestiteln nehme», als sie ihm neue zu verleihen im Stande sein wird. Renan hatte etwas von einem der alten Hellenisten au sich: er verband in seinem Wesen und Schaffen die heitere Schönheit der Antike mit der frommen Selbsteiitäußerung und religiösen Extase Judüa'S. Blau hat ihn auch wohl einen religiösen Reformator genannt. Vielleicht nicht mit Unrecht. Er war in der Thal ein kühner, freier und doch wiederum ein frommer, ja sogar gläubiger Geist. Darum erschien ihm auch der alte Prophet als der wahre Held und feine Predigt als das Menschheitsideal. Die Welt der freien Wissenschaft wird seinen Namen immerdar in Ehren halten. Frankreich betrauert in ihm eine Leuchte der Wissenschaft; das Judenthnm einen aufrichtigen Freund, deren es ja leider nur wenige zu »erliefen hat, und einen Beurtheiler, der sein Lebenlang darnach strebte, es gerecht zu beurlheile». 0. 10 U Die Verbesserung der Indischen Armenpflege in Elsaß-Lothringen. Von Dr. M. Ginsburger, Rabbiner in Sulz (Ob.-Elf.) Wer jemals zur Sommerszeit sich in einem von Israeliten bewohnten elsüssischen Dorfe aufgehallen hat, dem ist es sicherlich nicht entgangen, daß dasselbe fast täglich von ganzen Karawanen jüdischer Wanderbettler, sogenannter Schnorrer, meist mit Weib und Kind, ausgesucht wird. Die diesbezüglichen Verhältnisse im übrigen Deutschland sind mir zu wenig bekannt, als daß ich mir ein Urtheil darüber erlauben dürfte; aber so viel ich vom Hörensagen weiß, ist dieser Uebelstand nirgends in so hohem Grade vorhanden, wie hier zu Lande. Ich selbst habe es schoit erlebt, daß in einem kleinen Dürfe mit etwa 40—50 jüdischen Familien sich an einem einzigen Tage nicht weniger als acht Familien elsässischer Durchreisender anshielten und, da es dort eine Kasse zur Unterstützung von Fremden nicht gab, die Privalwohlthütigkeit in Anspruch nahmen. Die Schäden, die ein derartiger Mißstand nach sich ziehen mnß, liegen klar auf der Hand. Der Einzelne kennt meist nicht im Entferntesten die Bedürftigkeit oder den moralischen Werth dessen, der sich bei ihm um