Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Machenschaften ausgedrückt und die Mitbürger aufgefordert haben, sich von der geplanten Versammlung fern zu halten." B Aus Württemberg, 21. Septbr. Wie mehrere Zeitungen berichten, wird in der am 28 d. M. beginnenden Schwurgerichtssession die! letztmals verschobene Anklage gegen die „Ulmer Schnellpost" wegen Beschimpfung dor israel. Kirchengemeinschast zur Verhandlung kommen. Als Sachverständiger bezüglich des Talmuds soll Kirchenrath Dr v. Wassermann von Stuttgart geladen werden. — Auf das Gesuch des Rabb Dr. v. Wassermann hat das Generalkonnnando des 13. (K. Württ.) Armeekorps die Truppentheile desselben angewiesen, diejenigen arn 1. Okt d. I. eintretenden Einjährig - Freiwilligen israelitischen Bekenntnisses, welche darum nachsuchen werden, für den 1. Oktober, auf welchen Tag das Versöhnungsfest fällt, zu beurlauben. töy* Aus dem Qber- Elsaß, im September. In Nr. 36 Ihres geschätzten Blattes wird anknüpfend an den löblichen Aufruf des Vorstandes der isr. Wiener Gemeinde der Zustand der religiösen Verwaltung der holla ndischen Gemeinden in ein ungünstiges Licht gestellt. Gemeint ist hier wohl zunächst die isr. Gemeinde Amsterdam. Wer aber, wie Schreiber dieser Zeilen längere Zeit in Wien, in Amsterdam und Berlin war und daher Gelegenheit hatte, Vergleiche anzustellen, der wird jene ungünstige Schilderung durchaus unberechtigt finden. Es ist nicht richtig, daß die jüdischen Frauen zu Holland nur sehr wenig am öffentlichen Gottesdienst sich betheiligen. Im Gegentheil besuchen meines Wissens junge unverheirathete Damen das Gotteshaus verbältnißmäßig mehr, als dies bei uns in Deutschland der Fall ist. Daß der Frauenraum kleiner sei als der Männerraum, das kann schon sein, das ist aber nirgends anders. Uebrigens besitzt die Gemeinde * Kahal-Synagogen, abgesehen von einer beträchtlichen Zahl Bethäuser der Chewroth. Ebenso unberechtigt ist der Vorwurf, daß neben der für die Begüterten bestehenden jüdischen Religionsschule auch eine Armenschule besteht. Das heißt doch all den edlen Stiftern und Begründern von Anstalten, wie der Nederl. Isr. Godsd. Armenscholen voor lager i onderwijs, einen Vorwurf machen. Daß es mehr Arme als Reiche in einer Gemeinde von säst 40000 jüdischen Seelen giett, dafür kann Niemand verantwortlich gemacht werden Ebenso ist es selbstverständlich, daß eine Schule von lager onderwijs, also eine Volksschule, mehr Kinder aufzuweisen hat, als die Godsd. Tuschen en burgerscholen, d. i. Mittel- und höhere Bürgerschulen. Was die getadelten Schulen in Amsterdam leisten, besagt ein Bericht vorn Jahre 77/78. Danach kostete diese Godsd. Armenscholen voor lager onderwijs fl. 17,928.11, wozu die jüdische Kirchenkasse fl 12000 beigetragen hat. In derselben unterrichteten: 1 Maggid, ein öffentlich examinirter diplomirter Rabbiner, 4 Hauptlehrer mit dem ersten Rang, 7 Hauptlehrer mit dem zweiten Rang, 15 Lehrer mit dem dritten Rang Besucht wurde dieselbe im Berichtjahr von 1609 Schülern. Die Bewahranstalt für Nederl. Isr minvermogenden kostete fl. 6080.83, wozu die isr. Kirchenkasse fl. 2000 beigetragen. Eingeschrieben waren 1200 Kinder, von denen aber täglich durchschnittlich blos 780 — in de zoo nette, ruime en luchtige lokalen — zugelaffen wurden. Die Godsd. Tusschen en Burgerscholen (Gymnasial- und höhere Bürgerschulen) kostete fl. 3703.11, wozu die isr. Kirchenkasse fl. 2363.60 beigetragen. Die Bürgerschule winde von 84 Knaben und Mädchen, die Mittelschule von 313 Schülern besuch'. Als Lehrer sungirten: 3 Magidim (diplomirte Rabbiner), 3 Lehrer ersten Ranges und 4 Lehrer mittleren Ranges. Als Ober-Inspektor dieser Schulen sungirt der Herr Ober-Rabbiner Dr. I. H. Dünner, von dem der Bericht hervorhebt, daß man die Blüthe dieser Schulen hauptsächlich der Art und Weise zu verdanken hat, wie er die Religionsschulen organisirt hat. Was nun ferner die Beerdigungen betrifft, bei denen angeblich der Trost und Zuspruch nur ausnahmsweise verlangt werde, so muß auch dieser Tadel bei näherer Beleuchtung in ein Lob umgewandelt werden. Man bedenke, die isr. Niederl. hochdeutsche Gemeinde zählt, wie bereits erwähnt, ungefähr 40,000 Seelen. Soll da nun bei jedem vorkommenden Sterbefall eine Leichenrede von Amtswegen gehalten werdend Allerdings ist leider in manchen Gemeinden die Unsitte eingeführt, daß der Rabbiner kontraktlich gehalten ist, auf Verlangen der Zurückgebliebenen, eine Leichenrede — gegen Taxe — zu halten. Wer denkt da nicht an die „mMlpö" an die Klageweiber der früheren Zeit! Die Gemeinde Amsterdam hat wiederum auch hierin eine schöne und nachahinenswerthe Anordnung getroffen. Bei jeder Beerdigung spricht in der Regel ein Stiftsrabbiner, deren es 5—6 in Amsterdam giebt und die ebenfalls als Funktionäre der Hauptgemeinde betrachtet werden, die Trauergebete. Bei besonderen Fällen halten die Rabbiner — Rabbinats-Assessoren — Leichenreden. Der Ober-Rabbiner spricht nur an der Bahre eines Rabbiners, Stiftsrabbiners oder eines Mitgliedes des Kirchenraths, nebenbei bemerkt, ohne Entgelt. Als während meiner Anwesenheit in Amsterdam das Kirchenrathsmitglied Weizer starb und der Ober-Rabbiner Dr. Dünner eine Leichenrede hielt, verweigerte Letzterer die Annahme von fl. 1000, die ihm die Kinder des Verstorbenen als Honorar zuschickten. Erst nachdem diese Summe dem Herrn Ober- Rabbiner mit der Bemerkung „zur freien Verfügung" wieder zugeschickt wurde, nahm er dieselbe vorläufig ctu. Einige Zeit darauf las man unter den veröffentlichten Spenden für den „Waldadigheitsfonds" N. N. 1000 fl. — Das Prinzip in Amsterdam ist nämlich das, daß ein Rabbiner sich nicht dazu hergeben soll, für Geld Jemandem ein Lob nachzusagen. Ganz unrichtig ist endlich die Schilderung der jüdischen Trauung in Holl nd, die thatsächlich recht feierlich und immer mit vorangehender Predigt seitens eines offiziellen Rabbiners — wie in Deutschland - vor sich geht. — Was der Herr Korrespondent mit der sozialen Position der Juden in Holland will, ist schwer zu enträthseln. Man findet in Holland in jeder Gesellschaftsklasse Juden vertreten. Selbst am Ministertische und beim Gesandtschaftspersonal pflegt man da unsere Glaubensgenossen anzutreffen. Rabb. Dr. sll n. Straßburg i. Elf., 20. September. Den 50 bis 60 Kultusgemeindemitgliedern, sowie einer Anzahl auswärtiger Freunde der Isr. Religionsgesellschaft Straßburgs ist es endlich nach längerem j Bemühen gelungen, sich ein eigenes Gotteshaus zu gründen. Am 15. September in den Nachmittagsstunden wurden die Räume dieses Gotteshauses feierlich eingeweiht. Schon lange vor 5 Uhr halten sich vor dem mit Fahnen geschmückten Tempel eine große Anzahl Theilnehmer versannnelt. Außer etwa 250 Herren und Damen der Gemeinde hatten sich Vertreter der Behörden, sowie mehrere Gäste eingefunden. Kurz nach 5 Uhr bez gann der Einweihungsakt mit dem Gesang des Liedes „Wie schön fiiib deine Zelte" durch den Knabenchor, den bei seinen weiteren Vorträgen Herr Durlach als Vorsänger mit trefflicher Stimme begleitete. Dann wurden die Pforten geöffnet und die prächtig geschmückten Thora-Rollen, 14 an der Zahl, von denen die meisten Geschenke auswärtiger Gemeinde^ sind, wurden in die Synagoge gebracht und nach feierlichem Umzuge in die heilige Lade gestellt Dann bestieg Herr Rabbiner Dr. Buttenwieser die Kanzel und hielt eine weihevolle Festpredigt. Der Predigt folgte das Gebet für das Wohlergehen des Kaiserlichen Hauses, des Staates und der städtischen Behörde, sowie das feierliche Anzünden der „ewigen Lampe". Das Abendgebet und Absingen des 150. Psalms machte den Schluß des Festaktes. Ein Festessen im Gasthofe zum „Rothen Haus" vereinte Abends die Theilnehmer. Oesterreich Ungarn. * Wien, 26. September. Im nieder österreichischen Landtag rief heute der antisemitische Abgeordnete Schneider eine große Skandalszene hervor, indem er gelegentlich der Bewilligung der Ausgaben für Vorkehrungen gegen die Cholera sagte, „die jüdischen Aerzte schicken die christliche Bevölkerung in die Choleraspitäler, damit dort recht viele sterben." Der Landesmarschall unterbrach den Redner mit der Mahnung,; gegen die Aerzte nicht aufzuhetzen, die mit Gefährdung des eigenen Lebens in die Spitäler gehen. Abgeordneter Sueß gab der Entrüstung des Landtags über die Aeußerung Schneiders Ausdruck. Die Be. ölkerung werde nach dem Gehörten wissen, was sie von solchen Vertretern zu halten habe. Auch der Rektor der Wiener Universität, Ludwig, wendete sich gegen die Aufhetzung Schneiders und sagte: „Wir fjabeit hier keine asiatischen Zustände." Damit war der Zwischenfall erledigt. # Budapest, 18. September. In den Kreisen der Regierungspartei taucht das Gerücht auf, daß der Gesetzentwurf bezüglich der Rezipirung der jüdischen Konfession nicht Anfangs Oktober, wie dies der Kultusminister Graf Csaky in Aussicht stellte, vorgelegt werden wird, sondern erst nachdem die Differenzen mit der Majorität int Magnatenhause ausgeglichen sein werden. — In Tüpiö-Szele war bisher ein Rabbiner Lichtenstein für eine Missionsgesellschaft thätig, ohne daß sich die löbliche Kultusgemeinde veranlaßt gesehen hätte, dieser Doppelstellung ein Ende zu machen. Endlich hat sich der Einfluß von außen geltend