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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-30 · Heft 40 (30.9.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 40 (30.9.1892)
Date
1892-09-30
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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56. Jahrgang. Nr. 40, (Berlin, 30. September 1892. Der GemeLnoebote. Wer§age zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 27. September, ^)lus Petersburg kommt uns traurige Kunde. Dort ist am 15. d. M. Leon Gordon, der größte hebräische Dichter der Gegenwart, nach langer Krankheit gestorben. Gordon hat nur ein Alter von 54 Jahren erreicht. Er wurde 1838 zu Wilna geboren und lebte seit 1872 in Petersburg, bis 1881 als Sekretair der jüdischen Gemeinde, von 1881—88 mit geringer Unterbrechung als Redakteur des „Hamelitz". Was Gordon als Dichter auf dem Gebiete der neuhebräischen Poesie geschaffen, das läßt sich nicht mit wenigen Worten schildern; wir behalten uns vor, in einem besonderen Aufsatz die klassische Bedeutung des verstorbenen Dichters zu schildern, dessen Andenken noch fernen Geschlechtern ein gesegnetes und geweihtes bleiben wird. * Berlin, 25. September. Zwischen der russischen Botschaft und der belgischen Gesandtschaft am Berliner Hofe ist ein noch ungelöster Streitfall ausgebrochen. Die russische Botschaft will nur diejenigen belgischen Pässe visiren, welche die Religion des Paßinhabers angeben. Run gestattet aber die belgische Verfassung nicht, den Belgiern j die Frage nach ihrer Religion amtlich vorzulegen. Derartige Versuche! sind stets gescheitert, und viele Belgier haben auf die Frage, welcher! Religion sie angehören, einfach geantwortet: „gar keiner". Der belgische j Gesandte ist somit nicht in der Lage, Pässe mit Religionsangabe vorzu- , legen, und die russische Botschaft erklärt sich auf Anweisung ihrer Re-! gierung außer Stande, derartige Pässe zu beglaubigen. Auf die Lösung! des Streites darf man gespannt sein. * Berlin, 27. September. Der in Nr. 39 dieser Zeitschrift veröffentlichte Brief Rohlings an Herrn Hummelsheim in Köln hat dem Prager Meineid-Professor Gelegenheit gegeben, von seiner sattsam bekannten Wahrheitsliebe ein unverfälschtes Zeugniß abzulegen: Zunächst richtete er, mehrere Wochen nach Veröffentlichung des Schreibens einen Brief an die „Neue Freie Presse" des Inhalts: daß er an Herrn Hummelsheim in Köln nie einen Brief geschrieben habe, und daß sich der in der Neuen Freien Presse abgedruckte Brief als eine Mpstifikation herausstelle. Gleichzeitig jedoch besaß Rohling die Naivetät, an die Prager „Politik" folgenden Brief zu richten: „In der Abendnummer der „Politik" vom 16. d. steht ein Brief, den ich angeblich an einen gewissen Hummelsheim geschrieben habe. Der Name Hummelsheim ist mir ganz unbekannt. Wohl entsinne ich mich bei weiterem Nachdenken, daß ich einen Brief des erwähnten Inhalts auf Anfrage geschrieben habe. Aber ich war damals und mehrere Wochen später in so großem Gedränge, daß ich den Wortlaut des Briefes und den Namen des Adressaten nicht mehr angeben kann. Unbegreiflich ist mir speziell, daß ich als Klostervorstand in dem Briefe auftrete, da ich das ja nicht bin. Obendrein muß ich bemerken, daß der Fragesteller blos aus wissenschaftlichem Interesse ganz für seinen Privatgebrauch meine persönliche Ansicht erbat, nur, wie er schrieb, zu seiner persönlichen wissenschaftlichen Information, und deshalb unbedingte Diskretion zusicherte. Diese Zusicherung und Erklärung bewogen mich, ihm kurz und kernig bei der Eile, in der ich war, Antwort zu geben. Es ist daher ein großer Vertrauensbruch, ein für die Oeffentlichkeit gar nicht bestimmtes Schreiben dem Publikum zu übergeben, wie es seitens der „Neuen Freien Presse" geschehen ist, Ausdrücke, mit welchen man privatim briefliche oder mündliche Kritik übt, erlaubt man sich nicht in der Oeffentlichkeit. Nachdem ich bereits der „Neuen Freien Presse" mitgetheilt habe, daß ich, soweit es sich um einen Brief an Hmnmelsheim handelt, nur an eine Mystifikation glauben kann, bitte ich Sie ergebenst um die Güte, zur näheren Aufklärung des Falles das gegenwärtige Schreiben in der „Politik" ehestens abzudrucken, damit man erkenne, daß ohne meine Schuld das geehrte Publikum durch Ausdrücke überrascht wurde, welche der europäischen Sitte nicht entsprechen. Genehmigen Sie, geehrte Redaktion, den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung. Canonieus Professor Dr. Rohling." Der mit dreister Stirn abgeleugnete Brief ist also hiernach Rohlings eigenem Zeugniß doch von ihm geschrieben worden. Wir wollen nicht über die Keckheit sprechen, mit welcher dieser lügenhafte Mensch über deutsche Richter und deutsche Professoren zu schreiben wagt. Aber beschämend ist es, wenn Deutsche sich nicht entblöden, sich zum Verbreiter der Lügenschriften dieses Mannes zu machen und auf sein Zeugniß hin ein Verdammungsurtheil über Hunderttausende von Unschuldigen zu fällen. * Berlin, 26. September. Weß Geistes Kinder die Antisemitenführer sind, das ist bekannt, und die Rohling und Ahlwardt sorgen dafür, es nicht in Vergessenheit zu bringen. Den Gipfel der Verkommenheit erreichen indessen meist diejenigen Individuen, welche, aus jüdischem Lager stammend, den Hetzern ihre unsauberen Dienste zu allerhand Lügenwerk verkaufen. Der Ruhm eines Briman und Paulus Meyer hat nun einen Herrn Leopold Caro nicht schlafen lassen, der in den „Grenzboten" sein Licht leuchten läßt. Ueber die Persönlichkeit dieses von uns bereits in voriger Nummer gebührend gekennzeichneten Renegaten wissen österreichische Blätter Folgendes zu berichten: „Die Spatzen pfeifen es in Lemberg auf den Dächern, wie dieser saubere Herr, als er eine anständige, verheirathete Frau mit seinen tollen Liebesanträgen bis in eine Theaterloge verfolgte - über ihren Wunsch von den Bediensteten an die Luft gesetzt und nachträglich von dem Gatten noch auf der Straße braun und blau geschlagen wurde. Die Prügelszene fand noch ihren Epilog bei Gericht; für den Spott brauchte der bestrafte Ton Juan nicht zu sorgen. Statt die Affaire ritterlich anszutragen, machte er die Anzeige bei der Polizei und — zu gleicher Zeit forderte er den Beleidiger auf — Pistolen. Caro wurde von seinen eigenen Sekundanten schließlich für satisfaktiousunfähig erklärt. Doch hatte die Skandalaffaire für den „Ritter von der traurigen Gestalt", dem indessen sein Glauben an seine Unwiderstehlichkeit abhanden gekommen sein »nag, noch viel fatalere Folgen. Caro hatte sich eine nach dem Kredit reiche und schöne Braut in Warschau erkoren; als Letzterer die Heldenthaten ihres Verlobten zu Ohren kamen, schickte sie ihm den Absagebrief. — Diese schlimmen Erfahrungen, die in der öffentlichen Landespresse nicht verschwiegen wurden, weckten in ihm den Entschluß, an seinen Glaubensgenossen sein Müthchen zu kühlen." Nach dem hier Gesagten wird es Niemandem zweifelhaft sein, daß Herr Caro das Zeug dazu hat, ins Antisemitenlager iiberzugehen, und wird es Niemand wundern, daß sein Aufsatz „Die Judenfrage eine ethische Frage" mit Gier von der „Staatsbürger-Zeitung" und „Kreuz-Zeitung" übernommen worden ist. * Berlin, 26. September. Das von uns in der vorigen Nummer mitgetheilte Frateruisiren der Berliner Antisemiten mit den Franzosen wird nun selbst der „Kreuz-Zeitung" zu bunt. Zunächst sucht sie allerdings noch die Schuld ihren Pariser Gesinnungsgenossen aufzubürden. Sie schreibt: „Herr Drumont, der Schöpfer der antisemitischen Bewegung in Frankreich, jcheint eine bedeutende Vielseitigkeit zu besitzen. Während er in seinem Blatte, der „Libre Parole", täglich die Deutschen als die angeblichen Verbündeten der Juden kennzeichnet und seinen Antisemitismus mit dem erbittertsten deutschfeindlichen Chauvinismus verbindet, sandte er gleichzeitig ein Redaktionsmitglied seines Blattes nach Berlin, um hier freundschaftliche Beziehungen mit den Führern der antisemitischen Bewegung Deutschlands anzuknüpfen." Hierzu bemerken die Gräbner'schen „Mittheilungen": „Für ihre Berliner antisemitischen Freunde, welche mit dem Redakteur der „Libre Parole" gemeinschaftliche Sache machten, hat die „Kreuzztg." kein Wort des Tadels. Uebrigens ist es noch gar nicht lange her, daß das konservative Blatt zu den -begeisterten Verehrern Drumonts gehörte. Die „Kreuzztg." hat es sogar fertig bekommen, das Drumont'sche Buch: „Das Testament eines Antisemiten", aufs Wärmste zu empfehlen, trotzdem dasselbe die gemeinsten Beschimpfungen des deutschen Kaisers enthält."

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