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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-30 · Heft 40 (30.9.1892) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 40 (30.9.1892)
Date
1892-09-30
Page
Seite 480 (sequence 12)
Language
German
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480 der Großstadt, wo Leidenschaft und Haß, Neigung und Hader so reichlich offen liegen sammt ihrer leichten Anwendung und Beziehung auf die Religion. „Wo Ein Tritt tausend Fäden regt, „Die Schifflein herüber, hinüber schießen, „Die Fäden ungesehen fließen, „Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt!! Sie wünschen ferner eine „nachhaltige Airkung von den vier bis fünf Predigten der Hilfspredeger für das Jahr". Das ist ergötzlich! Eine Predigt sollen Sie hören und — dabei lernen! Die Belehrungsmittel werden nicht so reichlich fließen in kleinen Städten! Und wenn Sie gar noch hinzusügen, daß die Herren, wie „das Mädchen aus der Ferne", vergessen werden, so frage ich Sie: Ist etwa der Hilfsprediger an diesem kurzen Gedächtnis; schuld? Es ist wirklich an der Zeit, daß die jüdischen Laien aufhören mit dem ewigen Kritisiren und Verschlimmbessern der Predigten und beides berufeneren Geistern überlassen. Wenn ihnen ein „Jüngling" nicht gefällt, so müssen sie ihn nicht wieder berufen, aber zu behaupten, „daß von solchen gelegentlichen Redeübungen kein besonderer ideeller und ethischer«!) Nutzen zu erwarten sei", steht Keinem an, der von sich selbst das Beste hält, einem Anderen aber nicht so viel zutrant, daß er, vor festlichem Publikum versammelt, diesem das Beste, was er in ernster Arbeit geschaffen, mit sittlichem Selbstbewußtsein zu geben bestrebt sein wird. Das „Unglück", daß in verschiedenen Jahren Schüler verschiedener Richtungen in eine Gemeinde kommen, halte ich nicht für so groß. Ich stimme Herrn Becker bei, daß, wenn Gemeinden wegen der Kosten Systeme wechseln, sie einfach charakterlos handeln, aber das Uebel liegt nicht auf der Seite der Hilfsprediger. Andererseits kann eine derartige Richtnngsverschiedenheit bei so kurzer Dauer der „Amtsthätigkeit" um so weniger gefährlich sein, als ja die Gemeinde, die ohne Skrupel heute einen Schüler dieser, morgen jener Partei engagirt, nicht viel Parteicharakter hat, und ein gebildetes Wort über Judenthum schlägt allerwärts ein. Was endlich die Vorschläge des Herrn Becker betrifft, so kann ich sie nicht billigen Ich sehe in dem Hilfspredigerthum kein Uebel, brauche deshalb keine Arznei, Aber auch sonst ist der Gedanke, dem Kantor die Funktion eines Rabbiners zu geben, unzeitgemäß Heute drängt die Entwickelung — und es ist recht so — auf Scheidung der Berufe, weil nunmehr für jeden derselben ein ganzer Mann nöthig ist. Diese Thatsache duldet auch keine Verquickung der Berechtigungssphären. Es ist ja leider, leider möglich, daß der später fest anzustellende Rabbiner mit dem Kantor oder Lehrer wegen "Abgrenzung seines Gebietes kämpfen muß. Und diese Kleinlichkeit tobtet jedes edle Streben. Dann kommt als Schiedsrichter die Gemeinde und „bestimmt". Es muß mit der Zeit dahin kommen, daß die Rabbiner in Kompetenz- und Religionsfragen nur von dem Verbände ihrer Berufsgenossen abhängig sind, den; sie selbst als Mitglieder angehören. Den Gemeindevorständen bleiben die Verwaltungs-, "Armen-, Schul- und Stipendiensachen. Was endlich die Frage des Bezirksrabbinats an Stelle der Hilfsprediger anlangt, so hat sie angesichts des Hilfspredigersystems keine Bedeutung. hohen Feiertagen können die Bezirksrabbiner nicht wandern, und nur für diese Zeit ist ja der Hilfsprediger da. Fridericus.? Sehr geehrter Herr Redakteur! Bitte um Ausnahme folgender Berichtigung: In Nr. 39 S. 468 Ihres geschätzten Blattes (Kol. 2 u. > muß es heißen: für den Versöhnungstag aber der wesentlich beschränkte Genuß zur Zeit der (von gewissenhaften Aerzten zu konstatirenden) Gefahr, welcher auch sonst bei Krankheitsfällen zunächst versuchsweise angerathen wird: yfctfb 18 rOJTOöfTinfi ’S "8 lS. Chatham Sofer VI, 23, und Nathan Koronel, Secher Nathan S. 80 II.) empfohlen wurden. Der Hinweis auf das von mir Nr. 39 erwähnte und hier letztgenannte Kompendium, woselbst auch bereits die von Abraham Gumbiner zu Or. Ehajim 576, 2 gemachte Bemerkung in die Diskussion gezogen wird, sowie die von Sr. Hochw. Herrn Rabbiner Dr. Feilchenfeld veröffentliche Urkunde widerlegt zugleich die Behauptung des Herrn R. Süskind, daß ein Präzedenzfall in der rabbinischen Litteratur nicht vorhanden und die Gefahr von früheren Religionsbehörden nicht anerkannt worden sei. Samt er, 24. September. Rabbiner Dr. L. Wreschner. In der vorletzten Nummer Ihrer werthen Zeitung befindet sich (im Sprechsaal) ein kleiner Artikel aus meiner Feder. Leider hat sich hier ein sinnentstellender Druckfehler eingeschlichen. Es heißt dort nämlich „Pastoralpredigten" anstatt „Pastoralmedizin". Hamburg, 19. September 1892. Dr. Fink. Mrscellen. * Rudolf v. Jhering. In Göttingen ist der hervorragende Rechtsgelehrte Professor Rudolf Jhering gestorben. Jhering war der populärste der gegenwärtigen Juristen "Auch jeder gebildete Laie kennt seinen „Kampf ums Recht", worin er den Gedanken vertrat, daß jedes Recht dem Einzelnen auch eine Pflicht auferlegt, die Pflicht nämlich, das Recht zu vertreten, wenn nöthig zu erkämpfen und gegen alte Hindernisse durchzusetzen. Zn seinen bedeutendsten Arbeiten gehört das Werk „Der Zweck im Rechte" auf welches er auch hingewiesen, als man ihn über seine Stellung zur Juden frage interpellirte. Er schrieb damals wörtlich: „Ich gehöre nicht zu den Antisemiten; ich würde vor mir selber erröthen, wenn ich mich auf der geringsten antisemitischen Regung ertappte. Liegt Ihnen daran, auch meinen Namen der Zahl derjenigen anzureihen, die ihr öffentliches Verdammungsurtheil über eine Bewegung ausgesprochen haben, welche unserer Zeit und unserem Vaterlande zur höchsten Unehre gereicht, so gebe ich Ihnen gern die Autorisation dazu, und ich freue mich, die Gelegenheit zu erhalten, öffentlich für eine Ueberzeugung einzutreten, die ich bisher nicht blos durch Worte ausgesprochen, sondern mein ganzes Leben hindurch durch die That bewährt habe.". „Aber ich frage mich: Wozu das? Es wäre schade um die gute Zeit, ich würde nur wiederholen, was viele Andere schon vor mir gesagt haben. Umsoweniger mag ich mich dazu verstehen, als ich in dem 3. Band meines „Zweckes im Recht" die Nöthigung haben werde, die Frage im systematischen Zusammenhänge mit der dort zu entwickelnden Idee der Menschlichkeit zu berühren. Ich mag mich nicht selber abschreiben; wer sich dafür interessirt, wie ich über die Frage denke, wird dort Gelegenheit haben, dies zu erfahren. Für die gegenwärtige Veranlassung mag die Andeutung genügen, daß ich an jener Stelle die geschichtliche Entwicklung des Gedankens der Menschlichkeit verfolge und den Nachweis führe, daß dieser Gedanke, zu dem sich die Griechen und Römer in ihrem Rechte noch nicht erhoben hatten, das vielmehr den Fremden als rechtlos behandelte, in dem Rechte des alten Testamentes (3. Mos. 19, 34; 5. Mos. 10, 19) mit aller Klarheit und Bestimmtheit ausgesprochen worden ist, womit ich dann das Auftreten von Christus und den Grundgedanken seiner Lehre: die Liebe, in Verbindung bringe; ich erblicke in ihm den Abschluß einer nur auf dem Boden des Judenthurns vorbereiteten Entwicklung. Dem Volke, das unserer modernen Welt den Gedanken der Menschlichkeit und der an keinen Unterschied des Glaubens geknüpften Liebe gebracht hat, lohnt der Antisemitismus dadurch, daß er beide ihm gegenüber verleugnet — gottlob, daß dieselben in der heutigen Welt bereits zu feste Wurzeln geschlagen haben; um diesem Unterfangen einen Erfolg in Aussicht zu stellen. R. v. Jhering." * Die Nr. 38 der „MittHeilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Postzeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Der Werth des jüdischen Eides. — Die Verjudung der Hohenzollernlande. — Konservatismus und Antisemitismus. — Die Bekämpfung des Antisemitismus in Leipzig. — Zur Charakteristik der politischen Anschauungen der Antisemiten. — Wie Dr. Böckel einen „judenreinen" Viehmarkt abhält. — "Aus Frankreich. — Korrespondenzen und Miscellen. * Die Nr. 39 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Postzeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Den Brüdern in Christo von Günther Wölling. — Montesquieu über die Juden. — Der Antisemitismus in Kurhessen und seine Bekämpfung XVIII. — Fremdenrechte. — Der Osservatore cattolico und der Professor der Theologie Hermann Strack. — Prediger Hoßbach über den Antisemitismus. — Böckel in Noth. — Zur Cholera. — Uneheliche Geburten der Juden. — Christlicher und jüdischer Grundbesitz in Galizien. — Wucher in Rom. — Kleine Mittheilungen und Korrespondenzen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauch Witz in Berlin.

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